Kolumne "Querpass"

Wo Stark pfeift, geht kein Spiel farblos zu Ende

Mario Götze und Michal Kadlec fliegen vom Platz, und sogar Sebastian Kehl wird handgreiflich. Wolfgang Stark gilt unter den Schiedsrichtern als Erfinder der Emotion.

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Glaubhaften Schilderungen zufolge ist Mario Götze im richtigen Leben so gewaltlos und lieb, dass er von sonntags bis freitags keine Stubenfliege an die Wand schlagen könnte. Beim Spitzenspiel zwischen Meister und Zweitem war jetzt aber alles anders: Der Musterknabe hat seine gute Kinderstube geschwind an der Garderobe abgegeben, den Leverkusener Torwart Leno mit den Stollen voraus fast entmannt, anschließend g egen den Sportskameraden Balitsch nachgetreten, garniert mit einem von der Zeitlupe packend eingefangenen Spuckversuch – und alle Welt ratlos mit der Frage zurückgelassen: Warum?

Weil Samstag war.

Samstags ist alles anders. Samstags ist Bundesliga. Samstags passieren die unfassbarsten Dinge. Da schlägt Götze plötzlich ungeniert eine Fliege tot – oder sein Trainer Jürgen Klopp erklärt im Affekt der Emotionen dem Sky-Reporter wie von der Tarantel gestochen den Krieg und zischt mit der Blutgrätsche des beleidigenden Worts: „Nur Menschen, die nie Fußball gespielt haben, können diese Szene so auslegen, als hätte Götze nachgetreten.“

Genauso gut hätte der Dortmunder Meistermacher behaupten können: Mein Name ist nicht Klopp, sondern Erwin Waclawiak, und ich bin nicht Trainer, sondern Schrotthändler in Wanne-Eickel. Sobald Jürgen Klopp wieder in der Lage ist, sich die Bilder seiner im Ausnahmezustand verirrten Gefühlswelt in Ruhe zu Gemüte zu führen, wird er kopfschüttelnd vor sich selbst stehen und staunen, wozu ein Fußballtrainer mit Puls 180 und 41 Grad Fieber fähig ist – schlimmstenfalls denkt da der klügste Kopf plötzlich mit dem Bauch und erzählt Verwegenes.

Wenn die Emotionen das Spiel erobern, macht der Verstand sicherheitshalber einen Schritt zur Seite – wir denken da jetzt auch an Michal Kadlec. Der Bayer-Verteidiger sieht ebenfalls aus, als ob er normalerweise alle Tassen im Schrank hat – aber dann tritt er, im Niemandsland der Mittellinie, mit dickem Hals und gestrecktem Bein plötzlich von hinten krankenhausreif auf Götze ein und gönnt sich auch noch die typische, runde Handbewegung aller Unschuldigen: Schiri, ich hab den Ball erwischt! Aber nicht mit Wolfgang Stark. Glatt Rot. Und los ging’s.

Wo Stark pfeift, geht kein Spiel farblos und öde zu Ende. Er gilt unter den Schiedsrichtern als der glühendste Anhänger, wenn nicht sogar als der Erfinder der Emotion, jedenfalls kriegt der Zuschauer für sein Geld was zu sehen. Als es am Samstag viel zu ruhig in die Halbzeit zu gehen drohte, hat Stark mitten hinein in einen brandheißen Leverkusener Konter geschwind abgepfiffen und Renato Augusto, weil der zornig den Ball wegdrosch, mit Gelb belangt – gleich begann das Stadion zu kochen.

„Das war nach der Regel alles richtig“, befand im Fernsehstudio der Schiedsrichter-Experte Markus Merk. „Ein Fußballspieler ist in diesem Moment doch ein Mensch“, gab dagegen die alte Kanone Jan Age Fjörtoft zu bedenken und bat um die Gnade des Fingerspitzengefühls.

Doch einer wie Stark pfeift nicht, um die Emotionen aus dem Spiel zu nehmen, er pfeift nach der Regel – und in der Regel geht es danach schnell mal so weiter wie am Samstag. Die Turbulenzen schaukeln sich hoch, Kadlec fängt an, Götze macht weiter, Stark vergisst zwischendurch noch eine rote Karte für Hummels, schickt stattdessen Dortmunds Co-Trainer Buvac vorzeitig zum Duschen, und in der Schlussminute schubst auch noch der bisher eher als vorbildlich bekannte Sebastian Kehl den vierten Unparteiischen weg, weil der sich geweigert hat, ihn einzuwechseln.

Warum? Keiner weiß es.

Wittwer sprach mit seinen Orchideen

Das sind so die Dinge, die samstags passieren, und spontan denken wir an einen alten Karlsruher Abwehrcrack namens Wittwer: Der flüchtete nach dem Spiel, um wieder zu Sinnen zu kommen, daheim ins Gewächshaus zu seinen Orchideen, gab sich seiner Cattleya hin und topfte den „Stern von Madagaskar“ um. „Hinterher“, hat er erzählt, „bist du wieder ein anderer Mensch.“

Auch Stale Solbakken ist reif fürs Gewächshaus. Aus Wut über ein Gegentor hat er sich am Samstag die Schlaghand demoliert , dick war sie verbunden nach einem „Punch gegen die Trainerbank“. In Hoffenheim haben Fans von Werder auf alles eingedroschen, was sich bewegte. So entladen sich samstags schlagartig die aufgestauten Aggressionen, die Niederlagen des Alltags oder die Ängste des Augenblicks – und der Rest will für sein Geld ein bisschen Tamtam.

Dampf unterm Stadiondach

Die Langeweile ist der Sargnagel des Fußballs. Bevor das passiert, pfeift Wolfgang Stark lieber nach dem Regelbuch und sorgt für Dampf unterm Stadiondach – und ehe es lahm wird, schreibt Philipp Lahm ein Buch und verstößt notfalls gegen den Ehrenkodex, wonach Interna nicht nach draußen gehören. „Warum? Warum? Warum?“, rätselt der vorhin erwähnte Fjörtoft.

Warum? Weil Lahm weiß: Nicht die Ehrenkodexe bestimmen das moderne Leben, sondern die Emotionen. Die wollen bedient werden, bis der Spaßgesellschaft das Blut kocht – das Buch ist ihm zuletzt zwar um die Ohren geflogen, aber vor den Buchläden haben in der vergangenen Nacht Schlangen von Menschen in Einmannzelten übernachtet, um es heute zu kaufen. Dafür lässt der pfiffige Philipp gern mal die Sau raus, und die Fetzen fliegen im Zeitalter der Emotionen. Stellen Sie sich vor, er hätte das Buch nicht geschrieben – worüber hätten wir uns die ganze Woche die Köpfe eingeschlagen?

Die Explosion der Emotionen gehört zur Geschäftsstrategie des Millionenspiels – sie sind der Zündstoff und das Brikett im Feuer, und es muss geschürt werden, mit oder ohne Kalkül, von Lahm bis Leverkusen. Vor allem dort war alles drin. Sämtliche Gefühle sind dort in der Arena Gassi gegangen, und ohne Gänsehaut ist keiner von uns davongekommen – zumindest nicht ohne ein lustiges Kopfschütteln über Klopp, als er die Frage aufwarf: „Götze hat noch nie nachgetreten – warum sollte er ausgerechnet heute damit anfangen?“

Weil es ein Samstag war – und sich das Riesenrad der Emotionen nirgends so schnell dreht wie in der Bundesliga.