Madrid-Trainer

Real fürchtet wegen Mourinho um seine Ehre

An Selbstvertrauen hat es Mourinho nie gemangelt. Der Portugiese in Diensten von Real Madrid scheint jedoch allmählich das gesunde Maß aus den Augen zu verlieren.

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Ein wenig erinnert Jose Mourinho an „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Mal ist der Star-Trainer des spanischen Rekordmeisters Real Madrid handzahm und zuvorkommend, dann wieder überrascht er mit Ausrastern und ungebührlichem Verhalten. Genie und Wahnsinn liegen bei „Mou“ offensichtlich ganz eng zusammen.

Vergangene Woche hat der 48-Jährige den Bogen überspannt. Mal wieder. Doch im Fall der „Augenstecher-Attacke“ auf Barcelonas Assistenz-Trainer Tito Vilanova scheinbar so sehr, dass sich der exzentrische Fußballlehrer Madrids zu etwas für ihn eher Ungewöhnlichem gezwungen sah: Einer öffentlichen Entschuldigung.

Diese richtete sich jedoch nicht an sein Opfer, dem Mourinho im Supercup-Rückspiel im Estadio Camp Nou einen Finger ins Auge gebohrt hatte. Der umstrittene Coach zeigte Reue nur vor den eigenen Fans.

Provokationen gehören dazu

„Ich möchte mich bei den Madridistas für mein Verhalten im letzten Spiel entschuldigen - aber nur bei ihnen“, schrieb Mourinho in einem offenen Brief - um nur einen Satz später in gewohnter Manier verbal die Offensive zu ergreifen: „Manche Leute sind für die Scheinheiligkeit im Fußball besser geeignet als ich. Sie verbergen ihre Gesichter und flüstern. Ich werde nie so scheinheilig werden.“

Als Heiliger kann Mourinho tatsächlich nicht bezeichnet werden. Provokationen gehören zu seinem System. Seine Außendarstellung ist geprägt von einem Gehabe, das einige als kaum zu ertragende Arroganz empfinden.

Ob Schiedsrichterbeleidigungen, Verbalattacken gegen Journalisten oder abfällige Äußerungen über den Gegner. Mourinho lässt sich - ob im Affekt oder ganz bewusst - zu Eskapaden und Aussetzern hinreißen, die die Abteilung Attacke des FC Bayern wie ein zahmes Geplänkel im Streichelzoo wirken lassen.

Kritiker halten es für schlechten Stil, Befürworter meinen, Mourinho wolle die Mannschaft damit aus der medialen Schusslinie nehmen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Die Spieler schwören auf den Coach. Dies sagten schon die Stars bei Mourinhos Ex-Klubs FC Porto, FC Chelsea und Inter Mailand. Genauso ist es bei den Königlichen aus Madrid. Mourinho steht hinter seinen Schützlingen - bedingungslos.

Seine fachlichen Qualitäten sind ohnehin unbestritten. Er holte zweimal die Champions League, ist zweimaliger Meister in Portugal, England und Italien. Doch der sportliche Glanz des „The special One“ verblasst zunehmend.

Ehrgefühl des Klubs besudelt

Auch in Madrid hat er nicht nur wegen der drückenden Überlegenheit des Erzrivalen FC Barcelona im vergangen Jahr längst nicht mehr nur noch Fürsprecher. Auch die von ihm forcierte Entlassung von Generaldirektor Jorge Valdano, die Mourinho in der spanischen Hauptstadt eine enorme Machtfülle beschert hat, trug dazu bei.

In Teilen der königlichen Familie Reals glaubt man, das Mourinho mit seiner Art die Tradition und das Ehrgefühl des Klubs besudelt. „Er hat Krieg mit der ganzen Welt geführt - in Portugal, in England und in Italien. Er legt sich mit allen an und nimmt es sich heraus, das zu sagen, was die anderen sich nicht erlauben. Aber das passt nicht zu Real Madrid“, sagte der ehemalige Real-Präsident Ramon Calderon.

Auch beim FC Barcelona, Mourinhos Feindbild Nr. 1, wünscht man sich ihn wohl außer Landes. Er mache den spanischen Fußball kaputt, sagte Barca-Verteidiger und Nationalspieler Gerard Pique. Tatsächlich gilt das Klima im Team des Welt-und Europameisters seit dem Amtsantritt Mourinhos bei Real als mehr und mehr vergiftet.

Wie lange sich die Fehde der beiden Traditionsvereine noch zuspitzt ist offen. Mourinho schloss in seinem Brief einen Abschied von Real kategorisch aus.