Depression

Biermann kritisiert DFB für "Scheinaktionismus"

Ex-Fußballprofi Andreas Biermann spricht mit Morgenpost Online über die Gründe für sein Buch "Rote Karte Depression" und attackiert dabei den DFB.

Foto: HA / A.Laible

Am 20. Oktober 2009 wollte Andreas Biermann sich mit Autoabgasen vergiften. Sein Versuch misslang, der ehemalige Profi begab sich in Therapie und bekannte sich öffentlich zu seinen Depressionen. Er zerstörte damit seine Karriere: Sein damaliger Klub FC St. Pauli gab ihm keinen neuen Vertrag, andere Vereine wollen ihn wegen der Erkrankung nicht. Der 30-jährige Berliner will trotzdem weiter gegen die Tabuisierung der Krankheit im Fußball kämpfen und hat ein Buch geschrieben: „Rote Karte Depression“ (Gütersloher Verlagshaus) erscheint am Montag.

Morgenpost Online: Herr Biermann, leiden Sie noch unter Depressionen?

Andreas Biermann: Mein Zustand ist stabil, ich komme ohne Probleme durch den Tag. Das Ziel ist es, dass es so bleibt. Aber die Krankheit bleibt, ich bin nicht gesund. Ich gehe alle zwei Wochen zur Gesprächstherapie und nehme morgens und abends Medikamente.

Morgenpost Online: Wie sehr belastet es Sie, dass ihr Namen im Wettskandal gefallen ist? Sie sollen mit den ehemaligen St. Pauli-Profis Rene Schnitzler und Björn Brunnemann bei einem Wettpaten gewesen sein.

Biermann: Das sind Spekulationen. Mich belastet das nicht, weil ich weiß, dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen.

Morgenpost Online: Sie haben sich im vergangenen Jahr das Ziel gesetzt, Sportpsychologie zu studieren, um anderen Sportlern künftig helfen zu können. Haben Sie damit schon begonnen?

Biermann: Den Traum habe ich nach wie vor. Das könnte meine Passion sein, da bin ich sicher. Aber meine Frau und ich müssen erst einmal sehen, wie wir das Studium finanzieren können. Es würde fünf Jahre dauern, das sind fünf Jahre ohne Einkommen. Wir haben zwei Kinder, da müssen erst einmal die Kosten gedeckt sein. Derzeit bin ich Hausmann und Vater und suche nach einer Arbeitsstelle, um künftig nebenbei studieren zu können.

Morgenpost Online: Möchten Sie im Fußball arbeiten?

Biermann: Das wäre toll. Ich bin aber flexibel. Wie im Fußball wird Depression auch in anderen Berufen als Schwäche angesehen. Als 30-Jähriger ohne Ausbildung lerne ich derzeit die schwere Seite des Arbeitsmarktes kennen.

Morgenpost Online: Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Biermann: Ich will dazu beitragen, dass an Depression Erkrankte künftig sorgenfrei zu ihrer Krankheit stehen können. Wenn wir im Fußball was verändern wollen, müssen wir darüber sprechen. Es ist mir nicht leicht gefallen, das Buch zu schreiben, denn wer es liest, der weiß fast alles von mir. Ich war gnadenlos ehrlich. Und hoffe, dass es anderen hilft.

Morgenpost Online: Rechnen Sie auch mit kritischen Reaktionen?

Biermann: Sicher werden einige sagen: „Der Biermann ist ein Selbstdarsteller, der will mit dem Buch Karriere machen.“ Darum geht es aber nicht. Ich mag mich nach wie vor nicht und schaue sehr ungern in den Spiegel. Mir gefällt es nicht, mich im Fernsehen oder in der Zeitung sehen. Ich bin ja kein Held, ich habe zweimal versucht, mir das Leben zu nehmen. Aber den öffentlichen Weg geht eben kein anderer. Wir müssen ihn aber gehen, finde ich. Mir war sehr wichtig, dass meine Frau in dem Buch zu Wort kommt. Das soll den Angehörigen helfen, die der Krankheit oft ohnmächtig gegenüber stehen.

Morgenpost Online: Seit Robert Enkes Selbstmord sind rund eineinhalb Jahre vergangen. Was hat sich im Fußball seither geändert?

Biermann: Sehr wenig bis gar nichts. Von dem, was Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, bei der Trauerfeier für Robert Enke gesagt hat, ist nichts geblieben. Davon bin ich extrem enttäuscht. Es macht mich auch wütend. Das war alles nur Scheinaktionismus. Es ist frustrierend, dass die Verantwortlichen nichts tun. Irgendwelche Kuratorien bringen nichts, solange nicht Betroffene einspannt werden.

Morgenpost Online: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Bundestrainer Joachim Löw um ein Interview gebeten hätten.

Biermann: Ja. Er hat zunächst zu-, dann aber abgesagt. Als Begründung vom Deutschen Fußball-Bund hieß es, er kenne meinen Namen nicht.

Morgenpost Online: Hat sich Ihr letzter Verein FC St. Pauli in den vergangenen Monaten bei Ihnen gemeldet?

Biermann: Nein. Nur einmal kam ein Anruf. „Wir brauchen deine Pulsuhr zurück“, hieß es. Ich schaue mir trotzdem jedes Spiel des Vereins am Fernseher an.

Morgenpost Online: Und Fußballspieler, die ebenfalls unter Depressionen leiden?

Biermann: Nein. Insgesamt habe ich aber viele Rückmeldungen bekommen. Darunter war ein Polizist, der nach seinem Bekenntnis zur Krankheit in eine andere Abteilung abgeschoben wurde. Auch Journalisten haben mir gesagt, dass sie unter Depressionen leiden und vieles nachvollziehen können, was ich in dem Buch schreibe.

Morgenpost Online: Was raten Sie ihnen?

Biermann: Sich in Therapie zu begeben.

Morgenpost Online: Ihr großer Wunsch war, Teresa Enke zu treffen. Hat das geklappt?

Biermann: Ja. Robert Enkes ehemaliger Berater Jörg Neblung hat mich zu der privaten Trauerfeier am Todestag eingeladen. Bei Teresa zu Hause haben mich Roberts Verwandte unheimlich herzlich aufgenommen. Ich konnte Teresa endlich persönlich danken, und sie hat mir gezeigt, dass sie es gut findet, dass ich öffentlich zu meinen Depressionen stehe. Ihr gegenüberzutreten, war aber auch schwierig.

Morgenpost Online: Was haben Sie gefühlt?

Biermann: Ich bin ja quasi die Person, die vom Tod ihres Mannes profitiert hat. Sie hat mit ihrer Pressekonferenz damals dafür gesorgt, dass ich mich in Behandlung begebe. Ich habe leider Gedanken wie: Was wäre heute, wenn mein Versuch gelungen und bekannt geworden wäre, dass meine Depressionen der Grund war? Wäre Robert Enke dann noch am Leben? Als ich auf der Feier all die Trauernden gesehen habe, dachte ich mir: Wenn ich gestorben wäre, hätten weniger Menschen trauern müssen. Aber ich kämpfe weiter und versuche, den Weg von Teresa weiterzugehen, auch wenn meine Ressourcen langsam am Ende sind.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Biermann: Nach eineinhalb Jahren schwinden die Kräfte, weil ich keine Unterstützung habe. Wenn immer nur Andi Biermann was zu dem Thema Depressionen sagt, ist das irgendwann erschöpft. Es ist wichtig, dass auch andere Betroffene zu ihrer Krankheit stehen. Die ist unsere einzige Chance. So können wir Menschenleben retten.

Morgenpost Online: Spielen Sie privat noch Fußball?

Biermann: Nein. Dafür aber ab und zu Tennis.