Brasilien

Für Pele ist Supertalent Neymar ein "Hampelmann"

Der 19-jährige Neymar wird in Brasilien als größtes Talent seit Pele gefeiert. Doch der wirft ihm Fallsucht und übertriebene Dribblings vor.

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Wer in Brasilien als Jugendlicher derzeit „in“ sein will, kommt am Mohikaner-Haarschnitt Neymars nicht vorbei. Außerdem sitzt bei Brasiliens größtem Fußballtalent die Kappe nie gerade auf dem Kopf, Brillanten glitzern im Ohr, und die Halskette mit Initialen und Kreuz schwingt immer deutlich sichtbar über dem T-Shirt. Neymar macht Mode, als neuer Dribbelstar auf und im Rapper-Look neben dem Platz.

Nicht selten löst der 19-Jährige bei den Mädchen in seiner Heimat wildes Gekreische aus. Neymar genießt seinen Status und führt sich oft selbst noch wie ein Rotzlöffel auf, er versprüht aber durchaus auch auf dem Platz Glanz, wenn er seine Klunker ablegen muss. Mit dem Gewinn der Copa Libertadores im Juni bestieg der Angreifer den seit Peles Rücktritt verwaisten Thron beim FC Santos und steht kurz davor, wie einst der Jahrhundertfußballer des Weltverbandes Fifa die Welt mit Tricks und Toren zu verzaubern.

Spaniens Sportzeitungen spekulieren seit Wochen über einen Wechsel von Neymar Junior zu Real Madrid. Die Sporttageszeitung „Marca“ vermeldete am Sonntag, dass der auch vom FC Barcelona sowie den englischen Klubs FC Chelsea und Manchester City eifrig umworbene Jungstar nach der Klubweltmeisterschaft am 20. Dezember für die festgeschriebene Ablöse von 45 Millionen Euro zu den „Königlichen“ kommt . Laut „AS“ soll der Vertrag gar heute am Rande des Länderspiels der Brasilianer gegen Deutschland unterzeichnet werden. Real-Präsident Florentino Perez verließ dafür sogar eigens das Trainingslager seines Teams in China.

Es gehört freilich zu den Gepflogenheiten der Branche, dass der Umgarnte seinen künftigen Arbeitgeber noch nicht preisgeben möchte. „Davon weiß ich nichts“, sagte Neymar, der im November erstmals Vater wird, bei seiner Ankunft in Stuttgart. Dort will er am Mittwoch zum zweiten Mal das europäische Publikum von seiner Einmaligkeit überzeugen, nachdem er sein Team am 27. März mit zwei Toren zum 2:0 gegen Schottland geführt hatte. Insgesamt hat er schon fünf Treffer in neun Einsätzen im kanariengelben Dress seit seinem Länderspieldebüt vor exakt einem Jahr auf dem Konto.

Die Geschwindigkeit seines kometenhaften Aufstiegs ist atemberaubend. Sein erstes Spiel als Profi liegt gerade einmal zweieinhalb Jahre zurück. Vier Titel holte er schon mit Santos, wurde 2010 Campeao Paulista (Bundeslandmeister von Sao Paulo) sowie Pokalsieger, in diesem Jahr dann erneut Paulista-Champion und Copa-Libertadores-Gewinner (vergleichbar mit der Champions League in Europa).

Allen vier Triumphen drückte Neymar, der in 139 Spielen für Santos 70 Treffer erzielte, mit mindestens einem Tor in den Endspielen seinen Stempel auf. Anfang des Jahres schoss er die brasilianische U20-Auswahl mit neun Toren zum Titelgewinn beim Campeonato Sul-Americano und sicherte seinem Land damit fast im Alleingang die Startberechtigung für die olympischen Sommerspiele 2012 in London.

"Hier ist er noch nicht der König"

Bei der Copa America mit dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus hofften die Brasilianer jedoch vor drei Wochen vergeblich auf eine Neymar-Gala. Der Angreifer, der an guten Tagen einen Gegner allein zur Verzweiflung treiben kann, reihte sich jedoch ein in die mäßigen Leistungen seiner Kollegen. Nach dem 0:2 im Elfmeterschießen gegen Paraguay war das Turnier jäh beendet. „Es war seine erste wirklich harte Feuertaufe. Hier in der ‚Selecao’ ist er noch nicht der König“, sagte Nationaltrainer Mano Menezes, schränkte jedoch gleichzeitig ein: „Er ist auch keiner, dem du nach zwei Spielen nichts mehr zutraust.“

Brasiliens Fußballidol Pele sieht den Wunderknaben hingegen noch zwiespältig. „Ein exzellenter Spieler. Ich hoffe, dass er sein Leistungsvermögen ausschöpft“, sagt der Jahrhundertfußballer, der seinen potenziellen Nachfolger für dessen Fallsucht in Zweikämpfen schon mal als „Hampelmann“ bezeichnet und ihm nach übertriebenen Dribblings vorwirft, „für die Kulisse und für das Fernsehen“ zu spielen. Aber auch das gehört zur Marke Neymar.