Kolumne "Querpass"

Das aberkannte Tor macht Magath zum Rottweiler

Der zweite Bundesliga-Spieltag strapazierte die Nerven der Bundesliga-Trainer extrem. Am sichtbarsten betroffen war Wolfsburgs Trainer Felix Magath.

Holger Stanislawski war fix und fertig. Nach d em 1:0 gegen den deutschen Fußballmeister Borussia Dortmund haben wir den Hoffenheimer Trainer ins erstbeste Mikrofon stammeln hören: „Ich brauch jetzt erst einmal einen Kaffee.“

Was aber brauchen dann erst die Verlierer?

Glaubhaften Schilderungen zufolge hat sich Stale Solbakken nach dem 1:5 seiner Kölner in der Arena auf Schalke zur Betäubung einen Klosterfrau Melissengeist eingeschenkt, gemixt mit einem Schuss 4711 Kölnisch Wasser, und der ebenfalls sieglose Michael Oenning soll sich das gefühlte 2:6 seines Hamburger SV gegen die Berliner Anfänger mit einem doppelten Steinhäger weggespült haben. So gibt es viele Methoden, sich den Druck vom Leib zu trinken – Felix Magath hat sich am Samstagnachmittag sogar einen Beutel mehr als sonst in die Tasse gehängt, bevor er sich Tee hinter die Binde goss.

Viel hat nicht gefehlt, und Wolfsburgs Trainer hätte nach dem Spiel gegen Bayern München den Polizeibericht bereichert wegen des Zerlegens einer Trainerbank im Affekt. Wenn wir seine entgleisten Gesichtszüge richtig deuten, hält er das Schiedsrichterwesen spätestens jetzt für einen Zweig des organisierten Verbrechens.

Knut Kircher hat den Wolfsburgern das reguläre 1:0 weggepfiffen und Magath daraufhin losgelegt wie ein Rottweiler, dem ein Klumpen rohes Fleisch in den Zwinger geworfen wird. Allein Kirchers abschreckende Körpersymmetrie – zwei Meter im Quadrat, kantiges Kinn, scharfe Rechte – veranlasste den Trainer, sich statt des Schiedsrichters nur die Trainerbank vorzuknöpfen. Auf die hat er eingetrommelt, die Augen traten ihm dabei aus dem Kopf, und mit Händen und Füßen hat er geflucht wie ein Bierkutscher.

„Wann kommt endlich der TV-Beweis?“, fragt Magath und ärgert sich, dass der Deutsche Fußball-Bund stur in den alten, vortechnologischen Zeiten lebt, als ein Schiedsrichterfehler noch nicht die Existenz von Vereinen bedrohte – und als die Trainer noch verlieren durften, ohne gleich ans Kreuz genagelt zu werden.

Dutt wechselt jedes Spiel den Torwart

Unter dem Druck des Pokal-Knockouts und des Fehlstarts in die Liga stellt beispielsweise Robin Dutt mittlerweile in jedem Spiel einen anderen Torwart in den Leverkusener Kasten , und nach Hamburg gegen Hertha lief auch Kaiserslautern gegen Augsburg gestern schon unter dem Etikett Schicksalsspiel, verknüpft mit der Frage, wie lange Jos Luhukay noch in eine Hutschachtel passt, nachdem ihn der Torjäger Michel Thurk anlässlich des gemeinsamen Streits einen „Zwerg“ nannte – mit einer ähnlichen Nummer, in dem Fall der Entmannung seines Kapitäns Lukas Podolski, hat sich Stale Solbakken schon die Verweildauer in Köln verkürzt. Jedes weitere Gegentor kommt ab sofort einem Sargnagel gleich.

Der Norweger hält sich nach außen hin tapfer, hat nach der Torflut gegen seinen FC in Schalke aber trotzdem an jenen unvergesslichen schottischen Kollegen erinnert, der einmal mit den Worten vor die Presse trat: „Haben Sie noch Fragen, bevor ich mich erschieße?“ Offiziell gibt Solbakken noch nicht auf, vorher will er versuchen, auf seiner Glatze Locke zu drehen. Aber wie soll das bei diesem Chaosklub gehen?

Letzter in der Tabelle, ganz Köln meckert, der Geißbock schüttelt gaga den Kopf. Aber nicht nur Hennes hat einen Vogel, der Sportchef heißt auch noch Finke, und der sieht so aus, als wolle er schon übermorgen den Faden dort wieder aufnehmen, wo er ihn als rettender Übergangstrainer im vergangenen Mai hat fallen lassen. „Die erste Halbzeit war gut“, sagt Solbakken – die nächste sollte es unbedingt auch werden.

Wie bei Michael Oenning. Auch der stellt sich tapfer der Machtlosigkeit. Vor drei Wochen hieß es noch, er dürfe in Ruhe den HSV-Neuaufbau planen – aber dann gleich zweimal nicht gewinnen? „Wir haben viele Neue“, sagt Sportchef Frank Arnesen, „das braucht Zeit.“ Aber dass auch Rom nicht von Montag auf Dienstag erbaut worden ist, will der HSV-Fan nicht hören in seiner panischen Angst, dass vor dem langfristigen Aufbau womöglich der kurzfristige Abstieg steht.

Das Kinnbärtchen hat sich Oenning schon abrasiert, jetzt geht es zu den Bayern nach München, da droht ihm dann vollends die Glattrasur. So schnell wird inzwischen die Luft für die Trainer dünn in der Fußball-Bundesliga. Zwei Spiele, und schon Tobsuchtsanfälle, Bauchweh und Durchhalteparolen, und die Ersten laufen mit geschwollenen Beinen herum, und dickem Hals.

Magath hat ihn sich geleert. Er wehrt sich. Seine Lehrmeister sind früh auf dem Heldenfriedhof gelandet. Der eine war Branko Zebec und der andere Ernst Happel, der alles in sich hineinfraß, den Zorn und die Zigaretten. Nein, weiß Magath seither, der Stress lässt sich weder wegrauchen noch wegsaufen. Eher wegbrüllen.

Der Kessel brauchte ein Ventil

Das hat er am Samstagnachmittag getan. Der Kessel braucht sein Ventil. Der Dampf muss raus, und dafür legt er notfalls auch so einer fahnenschwenkenden, blinden Bratwurst an der Seitenlinie lauthals eine Fielmann-Brille mit Krankenkassengestell ans Herz. „Robert Kempter wird nach dieser Fehlentscheidung der unglücklichste Mensch in der Liga sein“, glaubt der Fernsehexperte Markus Merk.

Was natürlich Quatsch ist. Die Unglücklichsten sind die Trainer, die nicht gewinnen. Oder die sich, wie Felix Magath, um den Traumstart in die Saison beschissen fühlen.

Schiedsrichter sind da schneller wieder glücklich. „Es war ein Fehler“, sagt Knut Kircher, geht nach Hause, legt seine Pfeife in Essig und Öl, und nächste Woche geht es weiter. Die Schiedsrichter kommen immer wieder. Die Trainer nicht unbedingt. Da reicht die Geduld nur noch von Samstag bis Samstag.

Der Druck wird immer grässlicher. Nicht mehr fern ist der Tag, warnen Mediziner, an dem dem ersten Trainer vor laufender Kamera ein Magengeschwür durchbricht. So gesehen hat Felix Magath am Samstag doch noch irgendwie Glück gehabt.