Kapitäne in der Krise

Schwierige Zeiten für die Bundesliga-Alphatiere

Verletzt, verstoßen, verärgert: Die Kapitäne in der Bundesliga sind schlecht in die neue Saison gestartet. In Leverkusen wird der Zoff öffentlich ausgetragen.

Foto: pa/dpa/Witters

Die Kapitäne machen ausgerechnet zu Beginn der 49. Bundesliga-Saison schwere Zeiten durch. Bei rund der Hälfte der Klubs entspricht das vermeintliche Alphatier derzeit nicht der allgemeinen Idealvorstellung. Die da ist: Stammspieler muss er sein, dazu formstark und frei von Blessuren sowie einem Wechsel gänzlich abgeneigt.

Selbst beim so famos gestarteten deutschen Fußball-Meister Borussia Dortmund ticken in dieser Hinsicht die Uhren anders. Kapitän Sebastian Kehl saß beim Saisonauftakt gegen den Hamburger SV (3:1) auf der Bank - und wurde erst in der 90. Minute eingewechselt. Jung-Nationalspieler Sven Bender scheint derzeit im defensiven Mittelfeld die Nase vorne zu haben.

BVB-Trainer Jürgen Klopp hat trotzdem keine Zweifel an den Führungsqualitäten von Kehl: „Für mich war es nie ein Thema, ob Sebastian die Binde behält oder nicht. Er hat seine Sache in der Vergangenheit hervorragend gemacht. Warum sollte ich da etwas ändern? Wenn er diesmal vom Verletzungspech verschont bleibt, wird er uns auch sportlich weiterhelfen“, meinte Klopp über den Pechvogel, der in der Meistersaison aufgrund diverser Verletzungen nur sechs Bundesligaspiele für die Borussia bestritt.

Einen schweren Stand hat auch Bindenträger Matthieu Delpierre beim VfB Stuttgart. Der Franzose fällt wegen eines Muskelabrisses im linken Oberschenkelstrecker womöglich die gesamte Vorrunde aus.

Unumstritten ist indes Simon Rolfes. Das dachte der Spielführer von Bayer Leverkusen jedenfalls. Bis ihn der neue Trainer Robin Dutt am ersten Spieltag in der Partie beim FSV Mainz 05 (0:2) nach nicht einmal einer Stunde vom Feld nahm. Rolfes konnte seine Auswechslung nicht nachvollziehen: „Verletzt war ich jedenfalls nicht.“ Aber dafür reichlich angefressen. Dass nach dem unfreiwilligen Abgang des Nationalspielers kein Mitglied des Mannschaftsrates mehr auf dem Feld war, quittierte Dutt mit einem Schulterzucken. „Ich lasse mir vor den Auswechslungen keinen Zettel geben, wo die Namen des Mannschafsrates draufstehen.“

Während Rolfes seinen Stammplatz trotzdem sicher hat, kämpft Heiko Westermann vom Hamburger SV um seine Form. Ungeachtet einer schwachen letzten Saison bestätigte HSV-Coach Michael Oenning den Ex-Schalker vor dem abschließenden Test gegen den FC Valencia als Spielführer. Doch ausgerechnet im Spiel gegen die Spanier patzte Westermann - und sah auch wenige Tage danach zum Saisonauftakt in Dortmund bei einem Gegentor nicht gut aus. Oenning hat trotzdem keine Zweifel an dem 27-Jährigen: „Heiko ist der ideale Kapitän. Er ist einer, der vorangeht.“

Westermanns Kollegen Per Mertesacker (Werder Bremen) und Andreas Beck (1899 Hoffenheim) indes zieht es immer mal wieder ins Ausland. Abwehrchef Mertesacker liebäugelt mit einem Wechsel nach England im allgemeinen und zum FC Arsenal im besonderen. Dagegen flirtet sein Nationalmannschafs-Nebenmann Beck regelmäßig mit Juventus Turin.

Der einzige Torwart der Bundesliga mit der Binde und damit die Ausnahme ist Nürnbergs Raphael Schäfer. Zwar war die Wahl des Keepers „im Sinne“ von Dieter Hecking, doch der FCN-Coach hätte auch gerne einen Feldspieler im Amt gesehen. „Raphael ist allein wegen seiner Leistungen schon ein dominanter Spieler. Es wäre interessant gewesen, diese Dominanz einem zweitem Spieler zu verleihen“, sagte Hecking.

Welche Bedeutung der Kapitäns-Posten noch immer hat, wurde jüngst erst beim 1. FC Köln deutlich. Nachdem der neue Trainer Stale Solbakken Nationalspieler Lukas Podolski entmachtet hatte , wurde sogar ein Vereinswechsel des Publikumlieblings nicht mehr ausgeschlossen. Auch Coach Felix Magath vom VfL Wolfsburg sorgte mit seiner Wahl für Aufsehen: Er setzte Marcel Schäfer ab und bestimmte Zugang Christian Träsch (VfB Stuttgart) zum neuen Alphatier mit Stoffband am Arm.