Sie alle haben es geschafft: Andreas Möller, Alfred Nijhuis, Roman Weidenfeller, Emmanuel Eboue, Manuel Almunia, Aristide Bance, Thomas Brdaric, Toni Schumacher, Carles Puyol, Ludovic Magnin und natürlich Tim Wiese. Jedem von ihnen widmet Jens Lehmann in seiner Karriererückschau Absätze, im Fall von Tim Wiese sogar ganze Seiten. Heute kommt das Buch „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“, das Lehmann gemeinsam mit dem „Zeit“-Journalisten Christof Siemes verfasst hat, in den Handel. Ärger ist programmiert.

Denn der 40-Jährige verteilt, abgesehen von der eigenen Adresse, keine Komplimente. Möller – ein Maulheld. Eboue – ein Mädchen. Brdaric – ein Meister der Ausreden. Magnin – realitätsfremd und hinterhältig. Wiese – talentbefreit, uneinsichtig und überhaupt unsympathisch. So geht das in einem fort, eine 287 Seiten lange Tirade gegen all jene, die Lehmann in seiner langen Karriere in die Quere gekommen sind. Und gegen ein paar mehr.

Mario Gomez und der FC Bayern zum Beispiel hatten kurzzeitig sogar erwägt, das Erscheinen des Buches zu verhindern. Lehmann hatte dem damaligen Stürmer des VfB Stuttgart vorgeworfen, im Spiel gegen seinen künftigen Arbeitgeber Bayern München den Ball absichtlich neben das To geschossen zu haben. Lehmann entschuldigte sich daraufhin mit dem Verweis, es sei bloß ein Spaß gewesen. „Das hätte ich groß drüber schreiben sollen“, sagte er und illustriert damit wunderbar sein Selbstverständnis: Jens Lehmann, der ewig Missverstandene.

Das fängt schon an, nachdem Lehmann Anfang der Neunziger als Nachwuchstorwart ein paar gute Spiele für den FC Schalke 04 macht und sein Trainer Peter Neururer ihn bei der Nationalmannschaft ins Gespräch bringt. Er dementiert nicht entschieden genug, und am nächsten Tag lautet die Schlagzeile: „Lehmann: Ich werde Deutschlands Nummer eins“. In exakt jener Zeitung übrigens, mit der er einen auflagen- und gewinnsteigernden Vorabdruck einiger Passagen vereinbarte. So schnell kann das gehen bei einem, der ernsthaft von sich behauptet: „Man muss sein Können perfektionieren und sich nicht den Medien anbiedern. Dann macht man sich unabhängig.“

Es ist ja nicht so, dass Lehmann in den 40 Jahren seines Lebens nichts Berichtenswertes erlebt hätte, im Gegenteil. Er gewann mit Schalke den Uefa-Cup, mit Dortmund die Meisterschaft, in England kassierte er bei Arsenal stundenlang kein Gegentor. Mit der Nationalmannschaft wurde er als Stammtorwart WM-Dritter und EM-Zweiter und den VfB Stuttgart führte er zuletzt auf einen Europapokalrang. Trotzdem fühlt er sich über sein Karriereende vor knapp zwei Wochen hinaus nicht ausreichend gewürdigt. Das liegt, erfährt der Leser, natürlich nicht an ihm und seinen fälschlicherweise als Ausraster deklarierten, nunja: Anwandlungen. Frag nach bei Sejad Salihovic, dessen Schuh er hinter das Tor schleuderte, frag nach bei Khalid Boulahrouz, dem er das Stirnband vom Kopf riss, frag nach bei Ulf Kirsten, den er an den Haaren zog. Der Grund für die in seinen Augen fehlende Anerkennung hierzulande ist vielmehr, dass Deutschland einfach noch nicht bereit war für einen wie Jens Lehmann.

Zu schätzen wussten sie ihn und sein modernes Torwartspiel nur in London, bei Arsene Wenger und dem FC Arsenal. Dort hatte er seine erfolgreichste Zeit. Dass eben dieser Wenger seinen deutschen Torwart mehrmals auf die Bank setzte – geschenkt. Dass er den Vertrag aus Altersgründen nicht verlängerte – egal. Eine Szene im Buch beschreibt, wie Lehmann und sein Konkurrent Almunia nach dem Training aneinandergeraten. „Almunia müssen sie richtig zurückhalten, damit er mir keine verpasst. Das hätte mich natürlich gefreut“, schreibt Lehmann. „Hätte er die Kontrolle verloren, wäre ich ihn als Konkurrenten wohl los gewesen.“

Klingt einleuchtend, wenngleich es natürlich zeigt, dass der Buchtitel die Laufbahn des künftigen TV-Experten nur unzureichend wiedergibt: Der Wahnsinn lag bei Jens Lehmann auch oft genug neben dem Platz.