Fussball

Dardai: „Ich erwarte eine richtige Steigerung“

Der Hertha-Trainer Pal Dardai über die Probleme der Favoriten und die Rolle von Marvin Plattenhardt in der Nationalmannschaft.

WM-Kolumnist der Morgenpost: Hertha-Trainer

WM-Kolumnist der Morgenpost: Hertha-Trainer

Foto: Gladys Chai von der Laage / picture alliance / Gladys Chai v

Erinnern Sie sich an meine Worte aus der Vorwoche? Stichwort „hohe Belastung“? Der erste Gruppen-Spieltag des Turniers hat gezeigt: Vielen Topspielern fehlt die Frische, das war bei den Franzosen so, aber auch bei den Deutschen. Ihre Gegner waren viel hungriger, hatten die größere Gier, sind viel mehr gelaufen. Nun, das ist normal.

Wenn die Spieler aus den Topklubs nach der anstrengenden Saison zur Turnier-Vorbereitung ins Trainingslager der Nationalteams gehen, fällt die Spannung erstmal ab, das ist nur menschlich. Mental immer bei 100 Prozent zu sein, ist nicht möglich. Und wenn dann das erste Spiel unter Druck kommt, lässt sich der Schalter nicht so einfach umlegen. Für die sogenannten Großen sind die ersten Partien deshalb fast immer kompliziert. Im eigenen Spiel hakt es noch, und gleichzeitig haben die defensiv orientierten „Kleinen“ jetzt ihre beste Phase. Noch haben sie die Kondition, um alle Räume zuzulaufen, aber das wird sich ändern. Der Spielrhythmus ist eng. Für Mannschaften, die vor allem über den Kampf kommen, ist so ein Turnier extrem kräftezehrend. Irgendwann hast du nicht mehr die nötige Power. Dann profitieren die spielstarken Teams – die mit Offensiv-Qualität.

Das Duell zwischen meinem Favoriten und meinem Geheimfavoriten fand ich in dieser Hinsicht sehr interessant. Brasilien gegen die Schweiz, haben Sie das gesehen? Die Schweizer standen richtig gut, das war defensiv auf ganz hohem Niveau. Neymar wurde immer wieder gezielt in Räume gedrängt, mit denen er nichts anfangen konnte. Die Folge: Selbst eine so schnelle Mannschaft wie Brasilien hat es nicht geschafft ins Umschaltspiel zu kommen. Bei Deutschland gegen Mexiko war es ganz ähnlich. Die Mexikaner haben Toni Kroos einfach permanent zugestellt, das hat den Deutschen überhaupt nicht geschmeckt. Es zeigt aber auch: Mit Disziplin und Fleiß lässt sich vieles kompensieren.

Dass Kroos komplett abgemeldet war, hat es für Marvin Plattenhardt bei seinem WM-Debüt nicht leichter gemacht. Normalerweise orientiert sich Kroos häufig nach links – Marvin schiebt dann hoch und dadurch ergeben sich Räume. Ein Effekt, der gegen Mexiko nur ganz selten zu sehen war.

Ich will ehrlich sein: Als sein Klub-Trainer erwarte ich von Marvin, dass er noch mutiger auftritt. Er hat seine linke Seite gut zugemacht, das war okay. Aber wir wissen, dass er noch viel mehr kann. Marvin hat ein gutes Passspiel, schlägt gute Flanken, ist schnell – das hat er alles drauf. Nur manchmal darf er sich noch mehr zutrauen. Er muss sich noch etwas steigern, noch mehr investieren. Gelingt ihm das, kann er dem Team auch noch mehr helfen.

Für mich als Trainer ist es immer wichtig, auf dem Platz funktionierende Pärchen zu finden. Innenverteidigung, die Sechser, die Besetzung auf den Außenbahnen – diese Duos müssen gut zusammenarbeiten, sich gegenseitig coachen. Es ist wichtig, dass sich diese Paare als Team begreifen, man muss ein Bewusstsein füreinander entwickeln. Gegen Mexiko sah das noch nicht optimal aus.

Viele haben auf Sami Khedira geschimpft. Zu offensiv, zu viele Ballverluste, habe ich gelesen. Stimmt einerseits. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen: Er hat zumindest versucht, Impulse zu setzen. Kroos war aus dem Spiel, was hätte er also tun sollen? Alibi-Pässe spielen?

Joachim Löw steht jetzt vor einer Grundsatzentscheidung. Entweder der Bundestrainer nimmt ein paar Wechsel vor, oder er schenkt seinen Spielern jetzt erst recht das Vertrauen. Egal welche Wahl er treffen wird: Ich bin mir sicher, dass die Deutschen eine Reaktion zeigen werden. Sie werden sich richtig steigern, das zweite Spiel gegen Schweden wird deutlich besser. Eines sollte allerdings nicht passieren: Deutschland darf sich nicht auf seine individuelle Qualität verlassen, sonst läuft es so wie bei den Franzosen. Die brauchten für ihren knappen Sieg gegen Australien ziemlich viel Glück. Überzeugend war das nicht.

Aus meiner Sicht gibt es noch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Ich jedenfalls freue mich auf den zweiten Gruppen-Spieltag. Jetzt, wenn es langsam aber sicher ums Überleben geht, wird es richtig interessant. Wer den Fußball kennt, weiß: Die Dinge können sich ganz schnell wieder drehen.