Die Spieler wissen längst Bescheid, keiner reiste ungewiss vom Quartier in Repino nahe St. Petersburg zum Spielort nach Wolgograd. Gareth Southgate (47) mochte gegenüber seinem Team kein Geheimnis daraus machen, wen er am Montag zum Auftakt gegen Tunesien einsetzen wird (20 Uhr/ARD). Ungewöhnlich, diese frühe Festlegung, aber der Trainer der englischen Nationalmannschaft wollte den Profis die Angst nehmen vor der großen Aufgabe. Schließlich sind so viele junge Spieler im Team, die noch nie bei einer WM dabei waren. In innerer Ruhe sollten sich die Auserwählten auf den großen Tag vorbereiten können.
Bemerkenswert ruhig ist es auch in der Heimat. Die Mannschaft fahre „mehr in Hoffnung als mit Erwartungen“ zum Turnier, schrieb etwa das sonst so laute Boulevardblatt „Sun“ ganz bedächtig. Kein Getöse um die große Sehnsucht, die in England trotzdem jeden packt, wenn eine WM bevorsteht. Kein Druck, nach 1966 endlich den zweiten Titel zu gewinnen. England ist bescheiden geworden – trotz der mit Abstand finanzstärksten Fußball-Liga der Welt.
Es gilt, etwas wieder gutzumachen
Ein Indiz für die Leistungsfähigkeit der „Three Lions“ war die Premier League ohnehin nie. Vor zwei Jahren lag das Fußball-Mutterland am Boden. Geschlagen und gedemütigt vom krassen Außenseiter Island war England im EM-Achtelfinale auf groteske Art und Weise gescheitert. Hohn und Spott ergossen sich über Wayne Rooney und Co. – nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2014 und der peinlichen Pleite gegen das 300.000-Einwohner Land war das Selbstverständnis der Nation in seinen Grundfesten erschüttert.
In Russland geht es vor allem darum, das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. „Die WM bietet die Gelegenheit, etwas zu korrigieren“, sagt Harry Kane (24). Der Stürmer von Tottenham Hotspur ist Kapitän, Gesicht und Leitfigur des Teams. „Ich möchte, dass die Menschen wieder stolz auf England sind. Selbst wenn wir verlieren, sollen die Fans sehen, dass wir da waren und es versucht haben. Ich denke, es ist wieder wichtig, diese Verbindung zu den Fans zurückzubekommen.“
Trainer Southgate bringt den Fußball auf der Insel voran
Die Jugend der Mannschaft verschafft ihr Kredit in der Heimat. Unbekümmert und unbelastet von der Vergangenheit – nur fünf Spieler von 2014 sind noch dabei – geht sie in das Turnier, Kane führt das drittjüngste Team in Russland an, das dennoch ein sehr talentiertes ist. „Ich denke, die Menschen sehen eine Entwicklung und haben Spaß, uns zuzusehen“, sagt Trainer Southgate. Souverän gelang die Qualifikation unter dem Coach, der seit September 2016 im Amt ist und den Wandel des Teams anschob. Gerade einmal drei Tore kassierten die Engländer auf dem Weg nach Russland. Auch die direkte Vorbereitung darf sich sehen lassen, zuletzt gab es gegen die WM-Teilnehmer Nigeria und Costa Rica klare Siege, die letzte Niederlage liegt bereits mehr als ein Jahr zurück.
Bei aller Zurückhaltung von außen schürt das im Team den Glauben an die eigene Stärke. „Vielleicht schreiben uns alle ab, aber wir glauben, dass wir hier ein großartiges Team haben“, sagt Verteidiger Kieran Trippier (27), Kanes Kollege bei Tottenham. Er schwärmt regelrecht: „Wir haben so viel Qualität in diesem Team, das ist fast beängstigend: die Dynamik, die Jugend. Wir glauben, dass wir sehr weit kommen können.“ Vielleicht sind die Engländer sogar ein Geheimtipp bei dieser WM.
Nach der Schmach kommt der Genuss
Auf jeden Fall scheint sich eine Generation gefunden zu haben, die Lust darauf verspürt, miteinander zu spielen, statt sich mit übergroßen Egos selbst im Weg zu stehen, wie es einst mit David Beckham, Paul Gascoigne oder Frank Lampard der Fall war. „Das ist ein Team, das es genießt, beieinander zu sein. Die Spieler sind stolz, ihre Nation zu repräsentieren“, sagt Southgate. Eine Mannschaft für die Zukunft, die besitzen die Engländer bereits jetzt. „Wir sind noch lange nicht am Ende unserer Entwicklung“, so Southgate, dessen Truppe erfrischenden Fußball zeigt. Aber vielleicht traditionell ein kleines Torwartproblem hat. Jordan Pickford (24) scheint nach einer guten Saison mit dem FC Everton gesetzt zu sein, mit nur drei Länderspielen fehlt es ihm aber an Erfahrung.
Für ihn stellt das kein großes Problem dar. „Wenn man bereit ist, ist man bereit“, sagt der Torhüter, der mit seinen Kollegen in der Gruppe G noch auf Panama und Belgien trifft. Das Achtelfinale sollte also möglich sein. Im Viertelfinale könnte es zum Duell mit Deutschland kommen. Einer, der die englischen Spieler aus der Premier League gut kennt, glaubt sogar an mehr. „Sie können es schaffen“, sagt Trainer Jose Mourinho von Manchester United bezüglich der Titelchancen der „Three Lions“. Die allgemeine Stimmung in England ist weit von solchen Gedanken entfernt. Bestsellerautor Nick Hornby („Fever Pitch“) fasst die Erwartungen so zusammen: „Was viele von uns wollen, ist ein englisches Team, das wir mögen können.“ Diese Hoffnung scheint bereits vor dem Turnier wahr geworden zu sein.


