Fußball-WM

Der Weltmeister aus Deutschland hat das perfekte Konzept

Amir Kassaei, Kreativ-Direktor bei einer der weltweit größten Werbeagenturen, ist Fan der deutschen Nationalmannschaft. Für die Morgenpost schreibt er eine Liebeserklärung aus Werbersicht.

Ich bin Werber. Ich habe einen österreichischen Pass und bin im Iran geboren. Das sind wohl die schlechtesten Voraussetzungen, um über die Deutsche Nationalmannschaft zu schreiben. Ja, wenn diese Liebesgeschichte nicht wäre.

Alles fing im Jahr 1974 an. Damals war ich sechs Jahre alt und habe vor dem Schwarz-weiß-Fernseher in Teheran erlebt, wie Ranz Beckenbauer und ein gewisser Gerd Müller im Finale der Weltmeisterschaft mit den Niederlanden die damals beste und modernste Mannschaft der Welt um Johann Cruyff bezwungen haben.

So wurde ich Fan der Deutschen Nationalmannschaft, weil sie nicht den schönsten oder den modernsten Fußball gespielt, sondern weil sie bis zur letzten Minute gekämpft hat. Weil die Mannschaft mir für das Leben die wichtigste Lektion erteilt hat, ohne dass ich es damals begriffen habe: dass Wille, Leidenschaft und Kampfgeist wichtiger sind als Talent, dass der beste Plan und das beste Konzept nichts wert ist, ohne die Fähigkeit, es auch im realen Leben umsetzen zu können. Während Deutschland spielte, lernte ich fürs Leben.

Als Flüchtling, der ohne Eltern in einem fremden Land aufwächst, sucht man sich Vorbilder. Meine waren nicht Rapper, Rocker oder Superhelden. Meine Vorbilder waren die Jungs der Nationalmannschaft. Ein Spiel ist erst dann zu Ende, wenn abgepfiffen wird. Oder wie ein österreichisches Sprichwort sagt: Aufgegeben tut man nur Briefe. Und so weiter und so weiter.

Es waren nicht immer schöne Momente, die lehrreich waren. Ich saß mit 14 Jahren vor einem alten Radio und weinte hemmungslos, als Deutschland gegen Italien das Finale der Weltmeisterschaft von 1982 verloren hatte. Vier Jahre später passierte, was nur eine deutsche Nationalmannschaft Zustande bringt. Es stand 2:0 für Argentinien im Finale der Weltmeisterschaft, dann kamen Rummenigge und Völler und es stand plötzlich 2:2. Dann dieser steile Pass von Maradona, und die Welt brach buchstäblich über meinen Kopf zusammen.

Blog „Mission 11. Juli“

Die Achterbahnfahrt ging in den Folgejahren weiter. Und ich war mit Sicherheit der Einzige neben Völler, Klinsmann und Löw, der vor den Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 überzeugt davon war, dass diese Mannschaft sehr, sehr weit kommen kann. Bei der Weltmeisterschaft 2010 habe ich einen WM-Blog aufgesetzt. Er hieß „Mission 11. Juli“. Damals habe ich vor jedem Spiel der Nationalmannschaft beschrieben, wie die Jungs im Sinne des Systems und der Aufstellung spielen, auch wie die Spiele ausgehen werden. Der Blog wurde schließlich zu einem der besten WM-Blogs gewählt.

Zugegeben, vor dieser Weltmeisterschaft war ich nicht so euphorisch. Nein, ich war mehr als skeptisch. Ich hatte drei Gründe. Erstens: In den vergangenen Jahren hatte Bundestrainer Joachim Löw eine Mannschaft geformt, die mit den besten und modernsten Angriffsfußball der Welt spielen kann, aber auf dem Weg offenbar ihre Siegermentalität verloren hatte. Denn jedes Mal, wenn es darum ging, das entscheidende Spiel zu gewinnen, spielte die Mannschaft wie gelähmt, war ein Schatten ihrer selbst oder hatte das falsche System oder die falsche Strategie. Das war so im Halbfinale der WM 2006 gegen Italien, im Finale der EM 2008 gegen Spanien, im Halbfinale der WM 2010 gegen Spanien und vor zwei Jahren im Halbfinale der EM 2012 gegen Italien.

Zweitens: Brasilien war nicht nur in meinen Augen mit der Unterstützung von 200 Millionen Menschen der klare Favorit auf den Titel im eigenen Land. Denn Fußball ist für die Brasilianer nicht nur Sport, sondern eher eine Religion. Drittens: Und das war der gravierendste Grund: Löw setzte offenbar stur und ohne Einsicht auf ein System, das zwar in den vergangenen Jahren als attraktiv galt, aber mittlerweile in die Jahre gekommen ist und auch bei dieser WM niemanden überraschen würde: Vier Innenverteidiger, zwei defensive Mittelfeldspieler, drei offensive Mittelfeldspieler und eine Spitze, kurz: 4-2-3-1.

So schrie ich, twitterte, forderte jeden Tag und vor jedem Spiel, dass Löw doch bitte umstellen soll, dass er das offensivere 4-1-4-1 spielen lassen soll, dass Lahm hinten als Außenverteidiger wertvoller ist, und dass Kroos zentral unschlagbar wäre. Löw wollte mich nicht hören. Nein, er hat mich ignoriert. Bis zum Halbfinale gegen Brasilien.

Demonstration von Dominanz, Wille, Leidenschaft

Was dann passierte, wird einer der Höhepunkte meines Lebens und dieser Liebesgeschichte sein. Es war eine Demonstration von Dominanz, Wille, Leidenschaft und grandiosem Angriffsfußball. Löw ließ 4-1-4-1 spielen – und die deutsche Nationalmannschaft schrieb Geschichte. Das waren in der 1. Halbzeit vielleicht die besten 30 Minuten, die je eine Mannschaft – nicht nur bei einer WM, sondern überhaupt – gespielt hat. Da war mir klar, Deutschland wird Weltmeister! Weil sich auf einmal die grandiosen Einzelteile zu einem noch grandioseren Ganzen zusammengefügt haben. Das perfekte Konzept aus Talent, Strategie, Leidenschaft, Wille, Risiko und Einstellung: die ultimative Spiel-Maschine.

Deutschland hat schon in den vergangenen sechs Jahren vertikalen Angriffsfußball gespielt. Aber das System hatte immer an entscheidender Stelle oder in dem entscheidenden Moment seine Schwachpunkte. Jetzt und hier bei dieser WM spielt diese Mannschaft eine Neu-Interpretation. Das hat mit der Reife der Spieler, aber auch mit der Risikobereitschaft von Löw und seinem Trainerstab zu tun. Man kann ein Fußball-Spiel versuchen zu kontrollieren, dann aber läuft man Gefahr, die Magie aus dem Spiel zu vertreiben.

Wenn man aber dominiert, wenn man sein Spiel zu Ende spielen will, wenn man in entscheidenden Momenten das Unmögliche riskiert, dann entsteht so etwas wie Magie. Und das führt dazu, dass sogar die gegnerischen Fans einen bejubeln, beklatschen und gratulieren. Die Jungs von 2014 lassen uns Seeler, Walter, Beckenbauer, Netzer, Müller, Matthäus, Ballack ein für alle mal vergessen. 1954 wurde Deutschland sensationell Weltmeister, obwohl die Ungarn die viel bessere Mannschaft waren. 1974 hätte Holland den Titel verdient, wenn Deutschland Müller, Overath und Beckenbauer nicht gehabt hätte. 1990 wurde Deutschland Weltmeister, weil es zur richtigen Zeit das richtige Glück hatte und einen Lothar Matthäus, der das Turnier seines Lebens gespielt hat.

Diese Mannschaft von 2014 ist die beste Nationalmannschaft aller Zeiten. Denn 2014 haben wir die kompletteste, intelligenteste, leidenschaftlichste, mutigste, abgeklärteste und auch beste Nationalmannschaft gesehen, die es je gab. Das ist auch das Verdienst von Löw, der spät, aber nicht zu spät eingesehen hat, dass man um eine WM zu gewinnen, das Spiel dominieren und nicht nur kontrollieren muss und Einstellung und Wille genau so zum modernen Fußball gehören wie Pressing und vertikaler Angriffsfußball.

Markenwert der Mannschaft

Diese Jungs sind nicht nur grandiose Spieler, sie sind auch moderne Helden. Denn ihr Charakter, ihre Einstellung, ihre Art, wie sie an das Spiel, an Herausforderungen und an das Leben herangehen, stehen beispielhaft auch für Marketing und das Kommunizieren von Marken. Niemand will eine perfekte Marke haben. Man will sich mit einer Marke identifizieren, die menschlich ist, aber das Unerwartete probiert. Man will sich mit Marken umgeben, die das Leben bereichern, die echte Werte repräsentieren. Und da haben Jogis Jungs die besten Karten. Man muss sie aber auch richtig beraten und auch als Marke die richtige Tonalität und Strategie finden, um das Potenzial dieser Helden für sich nutzbar zu machen.

1999, als Borussia Mönchengladbach aus der Bundesliga abgestiegen ist, haben Heiko Schmidt, Marius Schwiegk und ich bei Springer & Jacoby eine Kampagne für Gladbach entwickelt. Auf einem der Motive sah man Günter Netzer mit langen Haaren auf dem Platz am Bökelberg. Die Headline war: Gott muss Borussen-Fan sein, sonst hätte er nicht seinen Sohn bei uns spielen lassen. Das Plakat mit Netzer hängt sogar mit dessen Unterschrift in der Sansibar auf Sylt. Heute und 15 Jahre später haben wir beschlossen, das Plakat neu aufzulegen. Nein, wir müssen es ändern. Auf dem Plakat ist jetzt das DFB-Wappen mit den vier Sternen zu sehen und die Headline lautet: „Gott muss Deutschland-Fan sein. Sonst hätte er nicht seine Söhne bei uns spielen lassen.“

Dieses Plakat ist unsere Verneigung und Dank an die beste Nationalmannschaft, die es je gab. Vielleicht sieht man es dann in 20 Jahren irgendwo in einer Kneipe und wir können unseren Kindern vom Wunder von Maracanã und dem besten Fußball, der jemals gespielt wurde, erzählen.

Foto: Sven Lambert