WM 2014 Endspiel

Klose und Müller – Der Ruhige und der Sprücheklopfer

Miroslav Klose und Thomas Müller sind grundverschiedene Typen, doch sie vereint der Torhunger

Foto: GABRIEL BOUYS / AFP/Bouys

Thomas Müller beherrscht das Spiel mit der Öffentlichkeit. Die Motoren des Mannschaftsbusses dröhnten schon, als er im Untergeschoss des Estadio Mineirao von Belo Horizonte entdeckte, dass doch noch eine Kamera auf ihn gerichtet war. Der ewig gut gelaunte Müller wackelte auf die Kamera zu, nahm eine Position ein wie es Golfer beim Abschlag zu tun pflegen, schlug den imaginären Ball weit fort und blickte ihm zusammen mit Bastian Schweinsteiger eine Weile hinterher. Sie lachten. Dann erst stiegen die beiden Bayern-Profis in den Bus, in dem längst alle Mannschaftskollegen saßen. Auch Miroslav Klose.

Klose ist keiner, der imaginäre Golfbälle in Stadionkatakomben abschlägt. Er ist überhaupt ganz anders. Ruhiger, bedachter und auch ein bisschen weniger lustig als der Sprücheklopfer Müller, der mit seinen 24 Jahren allen Herausforderungen auf und neben dem Platz frisch und kess begegnet, während Klose, 36 Jahre alt, die angenehme Ruhe eines routinierten Routiniers ausstrahlt. Doch beide eint eine unglaubliche Torgefahr, die beim wundersamen 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien mal wieder in ganzer Pracht zu Tage trat – und gewissermaßen einen Generationenkonflikt vorprogrammiert.

Erster WM-Start 2002

Klose hat 2002 in Japan und Südkorea seine erste WM gespielt. Mitstreiter von damals wie Carsten Ramelow, Thomas Linke oder Marco Bode haben sich längst aus dem Geschäft verabschiedet. Klose ist noch dabei – und trifft dank seiner Dynamik noch immer. Sein Stellenwert in der Mannschaft immens. Er dient den jungen Spielern als unaufgeregter Gesprächspartner, Bundestrainer Löw als einer der Meinungsführer. Vor dem Auftaktspiel gegen Portugal, das Klose als Reservist erlebte, hielt er die Kabinenansprache an die Mannschaft. Vor zwölf Jahren schoss er seine ersten WM-Tore, seit Dienstagabend sind es 16, Klose ist damit der beste Torschütze aller Zeiten bei Weltmeisterschaften. Er überflügelte den Brasilianer Ronaldo, der 2002 im Finale beide Treffer erzielte und so dem deutschen Triumph im Wege stand. Klose war hautnah dabei, er ist der einzige im aktuellen Kader, der schon ein WM-Finale bestritten hat. Am Sonntag in Rio de Janeiro wird sich dieser Kreis schließen – und eine einzigartige Karriere möglicherweise doppelt vergoldet.

Nach dem Rekordtreffer verneigte sich die Fußballwelt ehrfürchtig vor dem WM-Rekordtorschützen. Klose nahm die Ovationen nach seiner historischen Tat gelassen entgegen, blickte stattdessen schon in Richtung Endspiel. Es sei schon wichtig, da oben alleine zu stehen, räumte er ein, „aber wichtiger ist die Mannschaft und am Schluss das Ding in der Hand zu halten.“ Wesentlich euphorischer reagierten Mitspieler und Prominente. „Hut ab, Miroslav Klose!“, twitterte Weltverbands-Präsident Joseph Blatter. „Seine Gier, die ist unglaublich. Dazu seine Fitness“, stellte Ronaldo bewundernd fest.

Auch Kloses Klub Lazio Rom platzte vor Stolz. „Jetzt haben wir den Stürmer, der weltweit mehr als alle anderen getroffen hat. Klose ist nicht auf dem Markt, wir trennen uns nicht von ihm“, schrieb Lazio auf seiner Facebook-Seite. Franz Beckenbauer lobt den Torjäger als „anständigen und seriösen Spieler. Er hat wieder einmal bewiesen, dass er ein ganz wertvoller Spieler für die deutsche Mannschaft ist.“

Überragende Quote

Und Joachim Löw? „Dieser Rekord bedeutet uns allen wahnsinnig viel. Das ist eine überragende Leistung. Wenn man es jemandem gönnt, dann dem Miro“, sagte der Bundestrainer, um sogleich Kloses größter Bedrohung einen Namen zu verleihen: „Es ist ein Rekord, der in Zukunft nur von Müller noch mal gebrochen werden kann.“ Diesem Thomas Müller, dem anderen Tor-Phänomen im deutschen Team, der den großen alten Mann auch hochleben ließ. Allerdings auf seine spezielle Weise. „Miro ackert seit… wie alt ist er? 56? Nein, 36. Er ackert mindestens seit 16 Jahren unermüdlich, er ist ein super Typ und hat sich diesen Rekord verdient“, meinte Müller, der zusammen mit Klose die Debatte im Vorfeld des Turniers, warum Deutschland keine Stürmer mehr hat, ad absurdum führt. Müller trifft als Stürmer, Müller trifft als Mittelfeldspieler, Müller trifft immer, weil er so geschickt durch die Räume streift, weil ihn seine Intuition immer dahin führt, wo der Ball gleich erst landet. So wie bei seinem Treffer zum 1:0 nach einer Ecke. Fuß hin, drin. Ein typischer Müller.

Er war gerade 20 Jahre alt, als er sich mit fünf Toren zum besten Schützen des Turniers in Südafrika krönte. Wer weiß, vielleicht wäre das Halbfinale damals gegen Spanien nicht 0:1 verloren gegangen, hätte Müller nicht gesperrt gefehlt. Nun aber ist er dabei und hat schon wieder fünf Treffer auf dem Konto. Seine Quote ist eine Sensation. Was Pele, Maradona und andere Legenden dieses Sports nicht schafften, könnte diesem Pepe Nietnagel des Fußballs fast spielend gelingen: Nicht nur Torschützenkönig einer WM zu werden, sondern diesen Titel auch noch zu verteidigen.

Noch führt Rodrigeuz

Dass er das will, steht außer Frage. André Schürrle hatte ihm den Ball beim 6:0 quasi vom Fuß stibitzt, Müller reagierte fast ungläubig, dass er das gewagt haben könnte, entschloss sich nach einem Moment des Zögerns aber doch, ihm zu gratulieren. „Ich dachte schon, dass der Ball zu mir kommt. Aber dann kam Schü aus dem Windschatten“, sagte Müller mit einem Grinsen: „Ist vielleicht ganz gut so. Dann muss ich im Finale noch eins machen.“ Derzeit führt der Kolumbianer James Rodriguez die Wertung mit sechs Treffern an.

„Klar habe ich schon mal auf die Liste geschaut“, gesteht Müller. Die Torschützenliste der WM 2014. Und auf die Liste des ewigen Besten. Zwei Deutsche leisten da gerade Großes. „Ich bin dem Miro auf den Fersen“, sagt Thomas Müller lächelnd. Wenn er so lange so erfolgreich spielt wie sein Tor-Ahne Klose, hat er noch drei (!) Weltmeisterschaften vor sich. Dann kann er sich immer noch intensiver dem Golfspielen widmen.