Mein Brasilien

Einmal rauchen gehen: 0:3; einmal auf die Toilette: 0:5

Jörn Meyn berichtet von der Fußball-WM. Sein brasilianischer Herbergsvater war nach dem 1:7 gar nicht gut auf seinen deutschen Gast zu sprechen – obwohl dieser gar nicht mitgespielt hatte.

Jörn Meyn

„Wehe du grinst“, sagte mein Herbergsvater am Morgen nach dem 1:7 zu mir. Historisch war dieses Spiel ja auch für die Brasilianer – historisch bitter. Ich grinste natürlich nicht, weil ich erstens höflich bin und zweitens ja gar nichts dafür getan hatte, grinsen zu dürfen.

Aber für die Leute hier scheint es gar keinen Unterschied zu machen, ob ich nun als deutscher Spieler oder als Journalist Teil des ganzen Mists bin. Natürlich hält mir hier niemand ernsthaft vor, dass Löws Team über Brasilien hinweggefegt ist wie ein Tropensturm. Die Enttäuschung ist zwar groß, aber ebenso auch die Anerkennung für die Leistung der Deutschen. Von den brasilianischen Reportern im Stadion von Belo Horizonte gab es sogar Glückwünsche. Das muss man sich mal vorstellen.

Wie es sich für die Brasilianer angefühlt hat, so im eigenen Land vermöbelt zu werden, beschrieb mir mein Herbergsvater anschaulich: „Nach dem 1:0 dachte ich: Das kann man aufholen.“ Weil er aber so nervös war, lief er auf die Terrasse, um eine Zigarette zu rauchen. „Und als ich wiederkam, stand es plötzlich schon 3:0. ‚Kann mir das mal einer erklären’, rief ich meinen Freunden vor dem Fernseher zornig zu und ging entnervt auf die Toilette. Aber als ich wiederkam stand es 5:0“, sagte er. „Ich werde jetzt nicht mal mehr einen kleinen Pups lassen, sonst kriegen die zehn Stück.“ Am Ende half das aber auch nicht und es stand 7:1.

Für Brasilien sei das eine der bittersten Stunden überhaupt gewesen, sagte mein Herbergsvater. Trainer und Spieler hätten versagt. Nur die Deutschen, die hätten alles richtig gemacht. Ich musste ihm versprechen, dass diese Giganten jetzt auch den Titel holen. „Ich gebe mein Bestes“, sagte ich. Und grinste.