WM 2014 Halbfinale

Deutschland gegen Brasilien - Heute ist ein Neuer Tag

Am Abend spielt das deutsche Team gegen das des Gastgeberlandes und damit elf Spieler gegen 200 Millionen Brasilianer. Doch trotz Hexenzauber und Gebeten geht Deutschland frohen Mutes ins Halbfinale.

Foto: Martin Rose / Getty Images/Rose

Es könnte sein, dass Thomas Müller noch kurzerhand der Schlag trifft. Ein kleiner Hexenschuss zum Beispiel wäre denkbar. Oder diese ominöse Grippewelle im Umfeld der deutschen Nationalmannschaft, von der neulich alle sprachen. Oder einfach schlappe Beine. Fest steht jedenfalls, dass Müller Opfer eines Sabotageaktes wird. So hat sich das Helio Sillmann nämlich ausgedacht.

Sillmann ist ein Voodoo-Priester aus Rio de Janeiro. Vor dem Halbfinale seines Heimatlandes Brasilien gegen Deutschland am Dienstag (22 Uhr/ZDF) hat er in seinem kleinen Laden im Stadtteil Madureira eine Voodoo-Puppe von Müller gebastelt und ihr die Füße zusammengebunden, damit der echte Müller auf dem Rasen nicht wie gewohnt seine Storchenbeine zum Rennen bringen kann. Mit Anpfiff des Spiels wird der Hexer ein paar Kerzen anzünden und vielleicht auch noch anderweitigen Hokuspokus veranstalten – das verstärkt nämlich den Fluch.

Ein ganzes Land gegen sich

Es ist also nicht nur eine Fußballmannschaft, die sich Thomas Müller und dem Team von Bundestrainer Joachim Löw im WM-Halbfinale von Belo Horizonte in den Weg stellt. Zu ihr gesellen sich auch noch beschworene, böse Geister. Vor allem aber stehen ihr die Gebete des gesamten WM-Gastgeberlandes gegenüber. Elf Spieler gegen 200 Millionen Brasilianer.

„Das wird ein Spiel gegen ein ganzes Stadion, ja gegen ein ganzes Land“, sagt Toni Kroos. So oder so ähnlich hörte man das vor dem Halbfinale von den meisten deutschen Spielern, aber nach Angst klang das nie. Im Gegenteil: „Solche besonderen Spiele, vor allem gegen so ein positiv fußballverrücktes Land, saugt man richtig auf“, sagt Bastian Schweinsteiger. Da mache das Fußballspielen umso mehr Spaß. „Wir dürfen die Atmosphäre nicht negativ aufnehmen, sondern müssen das nutzen“, sagt Manuel Neuer. Der deutsche Torwart steht ohnehin nicht im Verdacht, sich allzu schnell aus der Ruhe bringen zu lassen, und er empfiehlt seinen Vorderleuten, „die Atmosphäre nicht abzublocken, sondern daraus Schwung mitzunehmen“.

Zu empfehlen wäre vielleicht auch ein Blick in die Geschichtsbücher der WM, denn in der Vergangenheit erwiesen sich deutsche Mannschaften meist als unhöfliche Gäste: Sechs Mal traf Deutschland bisher bei einem Weltturnier auf den Gastgeber und bestand dabei vier Mal unter den Pfiffen der heimischen Fans. Zwei Mal verlor man. 1958 in Schweden schmiss der Gastgeber die DFB-Elf im Halbfinale durch ein 3:1 raus. 1966 scheiterte Deutschland im Finale von Wembley in der Verlängerung auch durch das umstrittenste Tor der Fußballgeschichte an England. 1962 in Chile (Vorrunde), 1982 in Spanien (2. Runde) und 1986 in Mexiko (Viertelfinale) aber besiegte Deutschland stets den WM-Gastgeber und sorgte für Tränen. Zuletzt überstand das deutsche Team auch das Halbfinale der WM 2002 gegen Südkorea in Seoul ein wenig glücklich durch ein Tor von Michael Ballack. Ein ganzes Stadion und ein ganzes Land verstummten. Nun also will Deutschland in Brasilien erneut den Partykiller spielen.

Respekt vor Brasiliens Team

Für Bundestrainer Joachim Löw ist die Partie gegen den Gastgeber „ein Highlight, etwas ganz Spezielles und Großartiges“. Doch sein Respekt vor dem brasilianischen Team ist enorm. „Der Gastgeber war von Beginn an der große Favorit, und die Spieler sind mit dieser Rolle bisher überzeugend umgegangen“, sagt der 54-Jährige. Den Druck, im eigenen Land die Erwartungen zu erfüllen, habe das Team von Trainer Luiz Felipe Scolari „nicht gelähmt“, sondern „offensichtlich beflügelt“. Zudem seinen der verletzungsbedingte Ausfall von Neymar und die Gelbsperre für Kapitän Thiago Silva keineswegs ein Vorteil für die DFB-Auswahl. „Eher im Gegenteil“, sagt Löw. „Rückschläge setzen oft zusätzliche Kräfte frei und niemand darf glauben, dass unsere Aufgabe nun leichter geworden ist.“

Um in der hitzigen Atmosphäre von Belo Horizonte gegen all die Flüche, Gebete und gegen die neuerliche Härte der Brasilianer („Sie gehen bis über die Grenzen des Erlaubten hinaus“, sagt Schweinsteiger) zu bestehen, wird der Bundestrainer aller Voraussicht nach erneut auf Schweinsteiger und Sami Khedira im zentralen Mittelfeld setzen. Kapitän Philipp Lahm würde dann wie schon gegen Frankreich im Viertelfinale rechts in die Viererkette rücken. Die Entscheidung darüber fälle er allein aus taktischen Beweggründen, sagt Löw, und widersprach damit der These, er habe sich im Falle Lahms Volkes Wunsch gebeugt: „Ich verfolge eine klare Linie und werde diese nicht der öffentlichen Meinung anpassen“, sagt der Bundestrainer.

Team hat Rhythmus gefunden

Schweinsteiger und Khedira, die sich zu Beginn des Turniers noch den Job im Mittelfeld teilen mussten, weil beide nach Verletzungen nicht fit genug waren, haben nun ihren Rhythmus gefunden. „Zum Anfang war es richtig, dass ich langsam ins Turnier eingestiegen bin. Nun fühle ich mich gut und kann 90 Minuten und mehr gegen Brasilien spielen“, sagt Schweinsteiger. Zudem ist denkbar, dass Löw erneut mit dem alternden Torjäger Miroslav Klose in der Sturmspitze beginnen wird. „Wir haben uns im Laufe des Turniers gefestigt, sind stabil – physisch und psychisch“, sagt Löw. Nun gehe es um Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob die bisher größte Hürde im Turnier, die Selecao, überwunden werden kann.

Elf Mal – mehr als jede andere Nation – stand Deutschland bisher in einem WM-Halbfinale (1974 gab es keines), sechs Mal wurde es auch gewonnen. Zuletzt aber scheiterte das deutsche Team zwei Mal hintereinander in der Runde der letzten Vier und erfuhr 2006 gegen Italien am eigenen Leib, wie es ist, als WM-Gastgeber kurz vor dem Erreichen des Finales aus dem Turnier geworfen zu werden. Löw war damals als Assistenztrainer dabei. Vier Jahre später scheiterte er als Cheftrainer im Halbfinale an Spanien. Diesmal ist er zuversichtlich, endlich das Endspiel zu erreichen. „Wir wollen unbedingt noch einmal in Rio im Maracana-Stadion spielen. Am 13. Juni. Wir sind noch nicht fertig“, sagt Löw. Kein Voodoo-Zauber und keine Gebete sollen das verhindern.