Manuel Neuer

„In Brasilien Weltmeister werden, wäre das Größte“

Lange war unklar, ob Manuel Neuer rechtzeitig zur WM fit werden würde. Im Morgenpost-Interview spricht er erstmals darüber, wie er sich im DFB-Pokalfinale verletzte und warum er titelhungrig bleibt.

Foto: Dylan Martinez / Reuters

Um den lange an der Schulter verletzten Manuel Neuer, 28, muss man sich keine Sorgen mehr machen. Mal sieht man den Torhüter der deutschen Nationalmannschaft mit Bastian Schweinsteiger am Strand beim Sambatanzen, dann geistert ein Video von ihm durchs Internet, in dem er im Bahia-Trikot auf portugiesisch versucht, die bahianische Hymne zu singen. Auch zum Interview-Termin auf der Terrasse im Costa Brasilis kommt Neuer in kurzer Hose, Badelatschen und bester Laune.

Berliner Morgenpost: Herr Neuer, ganz Deutschland liegt Thomas Müller zu Füßen. Hat der Kerl in Ihrer Schafskopfrunde genauso viel Erfolg wie auf dem Fußballplatz?

Manuel Neuer: Das hängt vom Blatt ab. Er verliert auch manchmal.

Beim Fußball scheint er der geborene Gewinner zu sein.

Beim Fußball ist er von den Bällen abhängig, die er bekommt. Alleine kann er wenig ausrichten. Das ist beim Schafskopf ähnlich. Du brauchst das richtige Blatt, um deine Stiche zu machen.

Bekommen Sie hinter Ihrem Eukalyptus-Zaun den Mega-Hype, der in der Heimat um Müller ausgebrochen ist, mit?

Ich bin nicht so der Typ, der ständig im Internet surft. Da wäre Thomas selbst der richtige Ansprechpartner. Der liest sich vieles durch. Der ist, was das angeht, so ein bisschen unser kleiner Spion.

Befremdet Sie dieser Personenkult?

Ach, das kennt man als Spieler. Das kann sich ganz schnell wieder umkehren. Du bist den einen Tag der Held und am anderen Tag der Depp. Als Profi lernt man, damit umzugehen und darauf nicht allzu viel zu geben.

Haben Sie selbst es schon so empfunden, der Depp zu sein?

Ich weiß meist schon unmittelbar nach dem Spiel, was kommen wird. Das gehört zum Geschäft. Die Bewertungen von Leuten, die nicht aus dem Profigeschäft kommen, sind nicht wichtig für mich.

Thomas Müller hat in einem „Stern“-Interview gesagt, dass er ein bisschen Angst hat, angesichts der regelmäßigen Erfolge mit dem FC Bayern abzustumpfen und Titel gar nicht mehr so genießen zu können. Geht es Ihnen da ähnlich?

Nein, überhaupt nicht. Bei mir ist der Erfolgshunger groß. Hier in Brasilien Weltmeister zu werden, wäre etwas ganz anderes als ein Pokalsieg oder eine Deutsche Meisterschaft. Das wäre das Größte.

Sie waren 2010 ein WM-Neuling. Jetzt sind Sie als Welttorhüter ins Turnier gegangen. Was macht da den Unterschied aus?

Vor allem der Erfahrungsschatz, international schon so viel erlebt zu haben und gereift zu sein. 2010 haben wir zum Auftakt auch 4:0 gewonnen. Dann ging das zweite Gruppenspiel gegen Serbien 0:1 verloren und wir waren mächtig unter Druck. Das habe ich nicht vergessen.

Fußball-Deutschland hat um die „Schulter der Nation“ gezittert. Hatten Sie zwischendurch auch mal Angst, dass Sie bis zum WM-Auftakt nicht fit werden würden?

Ich war eigentlich immer ganz locker.

Ehrlich?

Ich habe im Pokalfinale gleich gemerkt, dass da was kaputt gegangen ist. Ich habe versucht, die Schulter etwas zu schonen. Aber dann kam doch die eine oder andere Situation, wo ich voll hingehen musste. Da hat es einmal mit Lewandowski richtig gerappelt. Den Pokal habe ich nur mit dem linken Arm hochgehalten. War schon schwer mit nur einer Hand...

Da müssen Sie doch eine schlimme Vorahnung gehabt haben?

Ein ungutes Gefühl hatte ich zunächst schon. Aber dann, als die Bilder aus dem MRT ausgewertet worden waren, hatte ich auch Gewissheit, dass es nicht ganz so schlimm sein würde.

Ein Normalbürger bekommt bei einer Kapsel- und Bänderverletzung sechs Wochen Sportverbot. Sie spielen vier Wochen später schon bei der WM. Wie geht das?

Ich wurde rund um die Uhr betreut. Im Trainingslager in Südtirol bin ich quasi im Behandlungszimmer eingesperrt worden. Das war mental ganz schön hart. Die Anderen habe ich nur zum Essen gesehen. Da war es schon ein gutes Gefühl, irgendwann die Laufschuhe anziehen und auf dem Platz laufen zu dürfen.

Sie haben sich Ihre Verletzung im Pokalfinale zugezogen bei einer typischen Manuel-Neuer-Aktion an der Seitenlinie ...

...wobei das nicht passiert wäre, wenn der Balljunge den Ball nicht so schnell wieder zurückgeworfen hätte. Das habe ich im Fallen gesehen. Nur deswegen musste ich so schnell zurück ins Tor.

Der Balljunge war schuld?

Naja, der Rasen war nass, ich hatte ein bisschen Pech, aber der Balljunge hatte auch seinen Anteil. Ich habe ihn danach kurz zur Rede gestellt.

Haben Sie ihn gefragt, ob er aus Dortmund kommt?

Ach, im Spaß bin ich ein wenig ernster geworden. Er hat nichts gesagt, aber wirklich böse war ich natürlich auch nicht. Wir sind ja Pokalsieger geworden.

Was berichten die Videoanalysten über die Stärken und Schwächen der Ghanaer?

Man kann sich immer nur im Rahmen auf den Gegner vorbereiten. Weltklassespieler, und davon gibt es bei der WM genug, können alles machen. Darauf kann man sich nur schwer einstellen. Für mich als Torwart ist wichtig, wie sich die Ghanaer bei Standardsituationen verhalten.

In München stehen bei Ecken keine Mitspieler am Pfosten. Bei der Nationalelf stehen zwei Kollegen an den Pfosten...

...jetzt nur noch einer.

Haben Sie Bundestrainer Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke auf einen Spieler runtergehandelt?

So kann man das nicht sagen. Aber natürlich sprechen wir miteinander. Ich muss mich wohl fühlen, aber genauso müssen sich meine Abwehrkollegen wohlfühlen. Und wenn die bei Ecken ein ungutes Gefühl haben, dann nehme ich mich gerne ein bisschen zurück.

Ändert sich für den Torwart etwas, dass vor Ihnen eine Viererkette mit einer Durchschnittsgröße von 1,91 Meter verteidigt?

Ich versuche jetzt nur noch, die Kollegen hoch anzuspielen.

Und im Ernst?

Viel ändert sich nicht. Aber als Torwart habe ich ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass wir jeden Kopfball gewinnen müssten. Wenn ich jedoch glaube, dass ich bei einer Ecke den Ball abfangen kann, dann komme ich natürlich raus.

Wie sehen Sie Ihre Torwart-Kollegen?

Als Torhüter achtet man immer auf die Torhüter. Viel aufgefallen ist mir nicht.

Uns ist Mexikos Torhüter Guillermo Ochoa positiv aufgefallen.

Stimmt. Der hat stark gegen Brasilien gespielt. Aber das war ja auch kein Wunder.

War es nicht?

Nee, der spielt bei Ajaccio A.C. in Frankreich und sein Vertrag läuft aus. Der muss sich anbieten.

Respekt! Wissen Sie auch so gut über Ghanas Torhüter Bescheid?

Da muss ich leider passen. Gerald Asamoah hat mir vom früheren Nationalkeeper Laryea Kingston vorgeschwärmt. Den aktuellen kenne ich nicht. Aber ich werde ihn in Fortaleza kennenlernen.