WM in Brasilien

Gummigeschosse und Tränengas vor WM-Eröffnungsspiel

Vor dem WM-Eröffnungsspiel kommt es in Sao Paulo zu gewalttätigen Demonstrationen. Die Polizei schlägt hart zurück - mit Tränengas und Blendgranaten.

Gummigeschosse, Tränengas, Blendgranaten: Die Illusion eines friedlichen Fußball-Fests in Brasilien ist schon vor dem ersten Anstoß bei der WM geplatzt. Am Mittag vor dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien lieferten sich Demonstranten und die Polizei zahlreiche Auseinandersetzungen. Steine, Bierflaschen und Gummigeschosse flogen, die Polizei löste die Proteste gewaltsam auf.

Die Demonstranten hatten ein Transparent mit der Aufschrift „Wenn wir keine Rechte haben, wird es keine WM geben“ ausgerollt. Ein Mann, der sich widersetzte, wurde mit Gummigeschossen beschossen und festgenommen. Mindestens eine weitere Frau wurde verletzt, Berichte über zwei verletzte Journalisten wurden zunächst nicht bestätigt.

Besetzung des Stadions geplant

Ein Demonstrant sagte, dass das Ziel der Demo die Besetzung des Stadions sei. Die Aktivisten wollen den WM-Start verhindern. „Brasilianer lieben den Fußball, aber wir brauchen diese WM nicht. Alle Brasilianer sollten sich erheben.“

Vor der Arena feierten derweil schon Stunden vor dem Anpfiff Tausende Fans friedlich und bunt gegen die Krawalle und schlechten Nachrichten an. Schon die kleinsten Kinder trugen Trikots von Superstar Neymar, fliegende Händler verkauften gefälschte Trikots, extravagante Hüte, Schals und Duplikate des WM-Pokals. Viele Fans sangen und tanzten, das Verhältnis zu den kroatischen Anhängern wirkte ausgesprochen freundschaftlich.

In der 20-Millionen-Metropole waren praktisch über Nacht Abertausende Brasilien-Fahnen aufgehängt worden. An zahlreichen Autos hing die grün-gelb-blaue Flagge, auf den meisten stand der Spruch „ordem e progesso“: Ordnung und Fortschritt.

Vor allem das fordern die Demonstranten, die seit dem Confed Cup im Vorjahr immer wieder auf die Straße gegangen waren: Ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem sowie eine verbesserte Infrastruktur. Die milliardenschweren Investitionen in die Stadien, von denen viele nach der WM nicht ausreichend genutzt werden können, stellen für sie unverhältnismäßige Ausgaben am falschen Ort dar.

„Diese WM hat Abbruchpotenzial“

Beobachter waren sich schon im Vorfeld sicher, dass es während der 32 Turnier-Tage in Brasilien nicht friedlich bleiben wird. „Es wird ganz sicher wieder Proteste geben. Aber wir hoffen, dass sie die WM nicht zu stark beeinträchtigen werden“, hatte der zweimalige brasilianische Weltmeister Cafu gesagt.

Und Lutz Pfannenstiel, Weltenbummler, Ex-Torhüter in Brasilien und als TV-Experte zuletzt regelmäßig im Land, hatte gar erklärt: „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Die Demonstranten werden auf die Plattform WM nicht verzichten und alles tun, um gehört zu werden. Wenn die Behörden gravierende Fehler machen sollten, hat diese WM sogar Abbruchpotenzial.“

Genau das war das Ansinnen der Demonstranten am Donnerstag. Dutzende von ihnen hatten sich an einem U-Bahnhof getroffen und wollten zum Corinthians-Stadion marschieren, um den Anpfiff des Eröffnungsspiels zu verhindern.

Vielen von ihnen waren maskiert, mit Telefonzellen, Plastikstühlen und brennendem Müll hatten sie Barrikaden errichtet. Doch die in Brasilien ohnehin selten zimperliche Polizei schlug energisch dazwischen.