Die Klasse von 2010 ist Geschichte. Gewonnen hat sie nichts, dafür war sie aufregend, kreativ und unterhaltsam. Und am Ende versöhnlich: Mit einem 3:2 (1:1) im Spiel um Platz drei verabschiedete sich die deutsche Fußballnationalmannschaft von der Weltmeisterschaft in Südafrika. Deutschland ist also Dritter, wie schon vor vier Jahren bei der Heim-WM.

Nun gilt, es diese jungen Spieler weiter zu entwickeln. Damit sie in zwei oder vier Jahren in einem Halbfinale mutiger auftreten als unter der Woche gegen Spanien und im Anschluss vielleicht auch ein Finale gewinnen. Immerhin ist Deutschland nun schon seit 14 Jahren ohne Titel.

Wie zu erwarten, gab der Bundestrainer im kleinen Finale einigen Reservespielern eine Chance. Neben dem Spielfeld versammelte sich hingegen einige Prominenz. Lukas Podolski und Philipp Lahm waren krank, Miroslav Klose am Rücken verletzt. Dem Stürmer hätte noch ein Tor gefehlt, um mit Ronaldo, dem erfolgreichsten WM-Schützen, gleichzuziehen. Dass Klose dieser 15. Treffer in vier Jahren in Brasilien gelingt, muss ob seines Alters von 32 Jahren bezweifelt werden.

Bange muss den Anhängern der Nationalelf aber nicht sein, es gibt schließlich andere Spieler, die ins Tor treffen können. Allen voran Thomas Müller. Der 20-Jährige empfahl sich gestern noch einmal nachdrücklich für die Auszeichnung als bester Nachwuchsspieler. Gegen Uruguay erzielte er seinen fünften Turniertreffer und setzte sich damit neben David Villa (Spanien) und Wesley Sneijder (Niederlande) auf Rang eins der Torjägerliste. Da er diesen auch in der Scorerwertung innehat (zu den fünf Treffern kommen drei Torvorlagen), ist es eine Schande, dass Müller nicht auch auf der Auswahlliste zum wertvollsten WM-Spieler steht.

Diesmal war das Tor allerdings keine Schönheit. Uruguays Torwart Fernando Muslera ließ einen Schuss von Schweinsteiger abprallen, und Müller staubte zum 1:0 ab (19.). Neun Minuten zuvor hatte Arne Friedrich bereits die Latte getroffen. Überhaupt war es eine unterhaltsame Partie im Dauerregen von Port Elizabeth. Beide Teams hatten mehr Lust auf Angriff als auf Verteidigung und begingen entsprechende Fehler. So leitete Bastian Schweinsteiger, der anstelle von Lahm die Kapitänsbinde trug, mit einem Ballverlust den Ausgleich ein – Edinson Cavani traf zum 1:1 (28.).

Nach der Pause boten die Mannschaften ein von jeglicher Taktik befreites Spektakel. Abwechselnd schossen sie auf des Gegners Tor, ab und zu trafen sie es. So Diego Forlan in der 51. Minute mit seinem ebenfalls fünften Treffer. Die Deutschen ließen sich nicht lange bitten und nutzten einen erneuten Fehler des gegnerischen Torwarts zum 2:2. Jansen köpfte eine Flanke von Jerome Boateng ins Tor (56.). Am Ende war es Sami Khedira, der mit einem Kopfballtor zum 3:2 den dritten Platz sicherte (82.). „Gott sei Dank haben wir das Spiel gewonnen. Dass wir nach dem 1:2 noch einmal wieder gekommen sind, zeugt von unserer Charakterstärke“, sagte Schweinsteiger: „Wir schauen jetzt in die Zukunft, es gibt noch viel zu erreichen.“

Nach der WM ist vor der EM

Tatsächlich ist nach der WM vor der EM ist. Nun müssen die Planungen für den ersten Titelgewinn nach 1996 umgehend aufgenommen werden. Am Montag um 6.35 Uhr landen die Deutschen am Frankfurter Flughafen, ohne das Finale zwischen den Niederlanden und Spanien gesehen zu haben. Während für die Spieler dann ein in der Regel dreiwöchiger Urlaub beginnt, muss der Bundestrainer zunächst eine Frage beantworten, die Krake Paul nicht klären konnte: Bleibt Löw oder hört er auf?

Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hatte immerhin Teammanager Oliver Bierhoff, dem er weit kritischer als Löw gegenüber steht, einen Vertrag in Aussicht gestellt. Er wisse selbst nicht, ob er weitermachen wolle, sagte Bierhoff hingegen der „FAS“: „Es fällt mir schwer, das Gefühl dafür zu entwickeln.“ Ähnliches gelte für Löw, der seit vier Jahren im Amt ist: „Es ist derzeit schwer einzuschätzen, ob er weitermachen will oder nicht.“

Auch wenn er bleiben sollte, können sich Teile dieser erfolgreichen Mannschaft nicht allzu sicher fühlen. Natürlich hat sie neben Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger neue Eckpfeiler wie Mesut Özil, Thomas Müller oder Manuel Neuer bekommen. Veränderungen wird und muss es dennoch geben. Junge Spieler wie der Dortmunder Mats Hummels, der Schalker Benedikt Höwedes oder der Leverkusener Stefan Reinartz drängen in die Mannschaft und könnten schon im ersten Länderspiel nach der WM berufen werden. Bereits am 11. August tritt die DFB-Elf zu einem Testspiel in Dänemark an. Auch Michael Ballack wird dann wohl zurückkehren, als Kapitän wenn es nach dem Willen Schweinsteigers geht (siehe Interview Seite 26).

Andere müssen fürchten, nicht mehr berufen zu werden. Zu alt für ein weiteres Turnier ist eigentlich keiner. Klose ist 32, Friedrich 31, zwei Jahre können beide noch spielen. Jüngere stehen auf der Kippe: Piotr Trochowski zum Beispiel, der von Müller klar die Grenzen aufgezeigt bekommen hat. Serdar Tasci, der gestern seine erste WM-Minute absolvierte. Und Mario Gomez, der in Südafrika bedeutungslos war. Er muss sich strecken, will er zur Klasse 2012 gehören.