Michael Ballack kann einem Leid tun, ohne Frage. 100 Spiele lang hat er die Knochen für die deutsche Mannschaft hingehalten, aber nie etwas mit ihr gewonnen. Nun muss er eventuell mit anschauen, wie die jungen Kollegen den größten Triumph der vergangenen 20 Jahre einfahren. Ohne ihn, den Capitano. Mehr noch: Die Rasselbande zettelt auch noch einen Aufstand gegen ihn an. Philipp Lahm sagte zwei Tage vor dem wichtigen Halbfinale, dass er auch nach der WM Kapitän bleiben will. Warum auch nicht?
Schließlich führt Lahm nicht irgendeine Mannschaft, sondern eine der besten, die wir jemals hatten. Aufeinanderfolgende Kantersiege gegen England und Argentinien hat es in der Geschichte der Nationalelf noch nie gegeben. Der Generationenumbruch ist nicht nur geglückt, er hat diese Mannschaft auf ein neues Level gehoben. Dass Lahm daran Verdienst hat, ist unbestritten. Und dass er nun nicht wieder in die zweite Reihe zurück will, ist nur logisch. Mal angenommen, die Nationalelf gewinnt den Titel – Lahm wäre wohl der erste Weltmeisterkapitän der Geschichte, der die Binde danach weiter gibt.
Es fällt schwer zu glauben, dass Lahms Aussagen ein Alleingang waren. Er ist zu überlegt und gut beraten, als dass er seine Machtansprüche einfach so herauspoltern würde. Seine Aussagen lassen viel eher den Schluss zu, dass er die Mehrheit seines Teams in der Kapitänsfrage hinter sich weiß. Vielleicht waren die Kollegen zuletzt ja sogar ein wenig genervt von Ballacks Anwesenheit inklusive begleitender Medienpräsenz. Seine Abreise aus Südafrika am Montagabend jedenfalls kam recht überraschend.
Steht die Mannschaft tatsächlich hinter ihrem (aktuellen) Kapitän, wäre auch der Zeitpunkt von Lahms Aussagen direkt vor dem WM-Halbfinale unproblematisch. Die Debatte wird die Leistung gegen Spanien dann nicht beeinflussen, weil sie innerhalb der Mannschaft keine mehr wäre.
Wirklich spannend wird es erst nach der WM. Dass es nach den Leistungen in Südafrika eine Ballack-Debatte geben würde, war klar. Dass sie aber ausgerechnet von der Mannschaft angeschoben wurde, überrascht. Und machte eines deutlich: Eine Rückkehr Ballacks ist trotz seiner großen Verdienste kein Selbstverständlichkeit mehr. Ob als Kapitän oder ganz normaler Mitspieler.
Pro Ballack: Das sieht Morgenpost-Redakeur Lars Gartenschläger ganz anders. Er findet Phillip Lahms Vorstoß unerwartet und unkollegial.




