Das Niederträchtigste und Hundsgemeinste, was wir unserem schlimmsten Feind in diesen Tagen an den Hals wünschen können, ist eine Eintrittskarte für ein WM-Spiel in Südafrika. Er muss dann Auto fahren.
Zum Auftakt der WM ist dieses fürchterliche Unglück gleich Zehntausenden widerfahren, jedenfalls haben wir nie zuvor irgendwo auf der Welt derartige Scharen von Schlachtenbummlern gesehen, die Schlange standen auf den verstopftesten Wegen zum Stadion und erschrocken feststellen mussten, was sich gefühlsmäßig in einem aufstauen kann im Stau. Die stillsten, duldsamsten und wohlerzogensten Menschen haben wir übers Wochenende aus der Haut fahren sehen, inklusive uns selbst.
Den einen ist der Kamm geschwollen, den anderen der Hut hochgegangen, und wer nicht schamlos geflucht hat, hat zumindest die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, sich die Haare gerauft und unweigerlich an Franz Beckenbauer gedacht, der vor Jahren, als eine frühere WM vergeben wurde, nicht lange um den heißen Brei herumgetanzt, sondern kerzengeradeaus und ganz unkaiserlich gesagt hat: „Afrika? Die können’s auch 2010 noch machen, vielleicht haben’s bis dahin mehr geteerte Straßen.“
Jetzt haben wir 2010, halb Afrika ist mittlerweile geteert, aber wer ein WM-Spiel in Johannesburg oder Rustenberg sehen will, lässt sein Auto besser stehen, deckt sich für das große Spiel ein mit Chips und einem Sechserpack Bier – und sucht sich ein Sofa mit Fernseher.
Doch zuerst die gute Nachricht: Beim Spiel England gegen USA waren nur 40.000 dem Wutausbruch nahe – denn mehr passen in das Royal-Bufokeng-Stadion in Rustenberg nicht hinein. Trotzdem gibt es für einen Fan natürlich Schöneres, als sich mit dem Auto einem Stadion zu nähern, das zwölf Kilometer außerhalb der Stadt liegt und nur über eine Zufahrtsstraße zu erreichen ist. Dummerweise ist das Chaos nicht direkt kleiner geworden durch das Nadelöhr an den Mautstellen der Autobahn: Jedes Fahrzeug wurde dort einzeln durchgeschleust, Fan für Fan sozusagen.
Und nun die schlechte Nachricht. Johannesburg, Eröffnungsspiel. Wir waren perfekt vorbereitet. Nicht die geringste Warnung hatten wir in den Wind geschlagen und besonders die von Sibongile Mazibuko beherzigt. Das ist Johannesburgs WM-Koordinatorin, und händeringend hatte sie an alle Fans appelliert: „Gehen Sie vorher nicht in die Kneipe. Fahren Sie rechtzeitig ins Stadion, gucken Sie sich das Spiel an; und gehen Sie dann in die Kneipe.“
9.30 Uhr: Viereinhalb Stunden vor der Eröffnungsfeier, nach einem hastigen Frühstück, legt Sportsfreund B. los, unter Umgehung jeder Kneipe. Normalerweise brauchst du zum Stadion Soccer City motorisiert eine Stunde, denkt aber jetzt sicherheitshalber an Sibongile und Kaiser Franz.
10.15 Uhr: Sandton, ein Vorort. Vollchaos. Der Verkehr ist längst geplatzt und ruht. Sprung aus dem Auto und im Sprint hinüber ins Fifa-Hauptquartier, den Parkschein fürs Stadion abholen. Ein hektischer Stolperer über DFB-Boss Zwanziger am Eingang, ein flüchtiges „Grüßgott“ und „Adieu“ und weiter.
11.30 Uhr: Nichts geht mehr. Johannesburg ist dicht. Verkehrskollaps. Henry, der Chauffeur, fängt brüllend zu lachen an, aus purer Verzweiflung. „Was ist das hier?“, schreit er. Das hat er noch nie erlebt, und Henry dachte, er hätte schon alles erlebt.
13.15 Uhr: Seit einer Stunde braucht Henry für 100 Meter eine Viertelstunde. Es wird langsam eng. Der Parkschein ist sichtlich sinnlos, der Parkplatz unerreichbar. „Zu Fuß wäre schneller“, sagt Henry. Also raus aus dem Auto. Gewaltmarsch zum Stadion, mit schwerem Gepäck, Computertasche und Rucksack, querfeldein. Unfassbar: Kein Straßenräuber nutzt die Gunst der Stunde, keine Pistole am Kopf – auch die Banditen stecken hilflos im Stau.
14.00 Uhr: Block 543, Reihe E, Stuhl 13. Geschafft, irgendwie, ich bin fix und foxi und schwitze, aber ich sitze. Die Eröffnungsfeier beginnt, drei Düsenjäger schießen über das Stadion und durchbrechen die Schallmauer. Pilot muss man sein bei dieser WM, jedenfalls geht man am besten gleich in die Luft – und garantiert hat auch Kaiser Franz seinen Hubschrauber vom Sommermärchen ’06 mitgebracht, sonst bist hier geteert und gerädert.
Wie es jetzt weitergeht? Sibongile Mazibuko, wird gemunkelt, hat dem Chaos den Kampf angesagt – angeblich will sie aus der Schublade den ultimativen Notplan holen, mit dem überarbeiteten und flehentlichen Rat an die WM-Schlachtenbummler: „Versuchen Sie nicht, rechtzeitig ins Stadion zu gehen. Gehen Sie lieber in die Kneipe!“





