Argentiniens Mannschaft hat viele Prominente in der hoch gelobten Offensive. Weltfußballer Lionel Messi etwa, jenen dribbelnden Ballzauberer vom FC Barcelona oder aber Diego Milito, der mit der Coolness eines Roboters Inter Mailand zum Champions-League-Sieg schoss. Doch die meisten Treffer für Deutschlands Viertelfinalgegner bei der Weltmeisterschaft in Südafrika erzielten bislang weder Messi noch Milito. Beim 3:1 gegen Mexiko im Achtelfinale sorgte der 22 Jahre alte Gonzalo Higuain mit seinem vierten Turniertreffer für die beruhigende 2:0-Führung zur Pause.
Noch spektakulärer jedoch war sein Auftritt in der Vorrunde gegen Südkorea (4:1), als er gleich dreimal gejubelt hatte. Eine ebenso treffsichere WM-Gala im Trikot der „Gauchos“ war zuletzt Gabriel Batistuta 1998 in Frankreich beim 5:0 gegen Jamaika geglückt.
Statt in Euphorie zu verfallen, mahnt Higuain aber zu Bodenhaftung. Die bisherigen Erfolge seien zwar „sehr wichtig“ gewesen, sagte der Stürmer von Real Madrid. „Noch haben wir aber nichts erreicht.“ Argentinien müsse jetzt gegen Deutschland genauso weitermachen. „Wir dürfen uns nun nicht zurücklehnen, denn bei einer Weltmeisterschaft kann alles Mögliche passieren.“
Dabei wäre Higuain beinahe gar nicht für Argentinien aufgelaufen. In Brest geboren und dadurch im Besitz eines französischen Passes, nominierte ihn Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech Ende 2006 für ein Länderspiel gegen Griechenland. Doch Higuain lehnte ab. Er spreche gar kein Wort Französisch, sagte er. Und überhaupt, Europa habe er doch im Alter von zehn Monaten verlassen.
Es gibt andere prominente Profis, die sich anders entschieden. David Trezeguet etwa, der ebenfalls in Frankreich zur Welt gekommen war, seine Kindheit aber in der Nähe von Buenos Aires verbrachte. Auch Trezeguet hat einen argentinischen Vater, wählte aber die Auswahl seines Geburtslandes – und wurde mit Frankreich 1998 Weltmeister sowie zwei Jahre später Europameister.
Nationaltrainer Diego Maradona ist es zu verdanken, dass Higuain für den zweimaligen Weltmeister aus Südamerika Tore schießt. Während der WM-Qualifikation nominierte ihn Maradona erstmals. Sein Debüt im Spiel gegen Peru am 10. Oktober 2009, jenem überlebenswichtigen 2:1, mit dem die Argentinier die Möglichkeit wahrten, noch das WM-Ticket zu buchen, krönte Higuain gleich mit einem Tor. Seinen Einstand nannte er „eine große Freude, der ich schon lange Zeit entgegen gefiebert habe“.
Higuain, der in der abgelaufenen Saison 27-mal in der spanischen Liga für Real Madrid traf, entstammt einer fußballverrückten Familie. Bereits sein Vater Jorge war Profikicker. Vor seiner einzigen Auslandsstation bei Stade Brest spielte er für die argentinischen Traditionsklubs San Lorenzo und Boca Juniors. Seinen Spitznamen „Pipita“ (kleine Pfeife) verdankt Higuain junior seinem Vater. Dieser wurde aufgrund seiner langen, nach vorn hin zugespitzen Nase „El Pipa“ (die Pfeife), genannt. Auffallend ausgeprägt ist Gonzalo Higuains Nase zwar nicht – dafür aber sein Torriecher.
Damit nicht genug. Auch Bruder Federico (25) verdient mit Fußballspielen sein Geld. In der abgelaufenen Saison in Argentinien Eliteklasse war der offensive Mittelfeldakteur mit neun Treffern erfolgreichster Torschütze von Godoy Cruz de Mendoza. In der kommenden Spielzeit wird er für Colon de Santa Fe auflaufen. Derweil hat der berühmtere Spross der Higuains seinen Vertrag in Madrid erst kürzlich bis 2016 verlängert.
Im Klub wie in der Nationalelf musste Higuain viel Geduld beweisen, bis er die nun vorhandene Wertschätzung erfuhr. Den Kopf ließ er nie hängen. Schon als kleiner Junge bei seinem ersten Verein Club Palermo bestach er durch enorme Willensstärke. Higuains erster Trainer Alberto Tarzia erinnert sich: „Sein Vater hat ihn damals ständig daran erinnert, nicht den Kopf hängen zu lassen, wenn er einmal auf die Bank musste.“ Wenn seine Mannschaftskollegen bereits unter der Dusche standen, legte Higuain noch Sonderschichten ein. Tarzia hängte Schilder mit Zahlen von eins bis vier an die Querlatte.
„Erst beim Anlaufen rief ich Gonzalo zu, welche Zahl er anvisieren sollte“, erzählt Tarzia. Schon bald führte kein Weg mehr an dem Angreifer vorbei, der mit beiden Beinen gut schießen kann. In der Jugendliga von Buenos Aires sicherte er sich fünfmal in Folge die Torjägerkrone – mit durchschnittlich rund 100 Treffern. Nach seiner ersten Profistation bei River Plate wechselte Higuain schließlich 2007 nach Madrid. Dort setzte er sich gegen Prominente wie Raul, Karim Benzema, Robinho oder Ruud van Nistelrooy durch.
Dieser Tage gilt seine Konzentration allerdings nur einem Ziel: mit Argentinien Weltmeister zu werden. Und persönlich träumt Gonzalo Higuain davon, sich nach Guillermo Stabile 1930 (acht Treffer) und Mario Kempes 1978 (sechs Treffer) als dritter Argentinier den Titel des WM-Torschützenkönigs zu sichern: „Das ist eine große Herausforderung, aber in erster Linie geht es darum, dass die Mannschaft weiter erfolgreich spielt.“





