Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat also schon den Rückflug aus Südafrika gebucht. Für Donnerstag. Soso. Wer daraus irgendwelche Anzeichen von Fatalismus abliest, kennt die deutsche Bürokratie nicht. Als wenn der Verband nicht auch schon den Rückflug für den Tag nach dem WM-Finale 2014 in Rio zumindest schon mal herausgesucht hätte.
Deutsche Gründlichkeit überlässt eben nichts dem Zufall. Diese und andere Floskeln über die typisch deutschen Tugenden haben Hochkonjunktur in diesen Tagen des Zitterns, in denen nur Kleingläubige das Unmögliche für möglich halten: Eine WM läuft noch zwei Wochen, und Deutschland guckt zu. Dagegen gibt es zwar kein Gesetz, und doch ist es außerhalb des nationalen Vorstellungsvermögens. Wir kennen uns schließlich aus mit solchen Situationen, es ist ja wahrlich nicht das erste Mal knapp. Doch mit dem Rücken zur Wand stehend bekamen die Deutschen bei Weltmeisterschaften stets eine nur noch breitere Brust. Ausgeschieden sind sie nach der Vorrunde jedenfalls noch nie – und das kann kein Großer des Weltfußballs von sich behaupten.
Gewiss gab es da diese Episode anno 1938, als „Groß-Deutschland“ an der Schweiz gleich in der ersten Runde scheiterte, aber das war ein anderer Modus. Zudem spielten damals auf höheren Befehl fünf Österreicher mit, und die, seufzte Sepp Herberger in sein Tagebuch, zeigten „unzulänglichen Einsatz in Szenen, wo allein Kraft und kämpferisches Wollen ausschlaggebend gewesen wären“. Schuldfrage geklärt.
Danach bestand jede weitere deutsche WM-Mannschaft die Härteprobe. Schon die Berner Helden hätten früh rausfliegen können, doch Herberger machte seine Elf vor dem Türkei-Spiel 1954 heiß. Direkt nach dem raffinierten 3:8 gegen die Ungarn klopfte er denjenigen, die er für das Entscheidungsspiel brauchte, beim Einsteigen in den Bus auf die Schulter und sagte nur: „Am Mittwoch!“ Vor dem Anpfiff verlas er noch ein paar böse Briefe aus der Heimat, die Herberger nahe legten, sich aufzuhängen, „aber in der Weise, dass man den Strick noch verwenden kann“. Seine empörten Schützlinge rannten wie verrückt und gewannen 7:2.
Bei insgesamt neun WM-Endrunden ging es für Deutschland im dritten Vorrundenspiel stets um Siegen oder Fliegen. Geflogen sind sie nie. Warum? Die englische „Daily Mail“ erkannte nach dem 2:1 gegen Spanien anno 1966, als nach dem Rückstand das Aus bei der WM in England drohte: „Deutschland ist ideal. Die Qualitäten der Elf reichen weit über ihre Kraft und Eleganz. Sie hat Geist.“
2002 war die von Personalnot dezimierte Elf von Rudi Völler schon vor der WM durch ein Stahlbad gegangen und hatte sich in Entscheidungsspielen gegen die Ukraine für die WM in Asien qualifiziert. Diese gemeinsame Erfahrung machte es möglich, gegen Afrikameister Kamerun ein 2:0 zu erobern – nach Ramelows Platzverweis übrigens in Unterzahl. Oliver Kahn hatte es schon vorher gewusst, weil „wir mit einem noch größeren Herzen auftreten werden“.
Der Kapitän außer Dienst, Michael Ballack, fand vor dem wegweisenden Österreich-Spiel (1:0) bei der EM 2008 andere Argumente: „Was glaubt denn ihr, was in Deutschland los ist, wenn wir nach der Vorrunde ausscheiden?“ Das wollte lieber keiner herausfinden. Und so treibt die vermeintlich so Furchtlosen mittlerweile längst die Angst vor der Blamage. Denn die Tradition verpflichtet zum Weiterkommen. Auch eine Methode.




























