Derzeit herrscht mächtig Betrieb im Hotel „Velmore Grande“ in Südafrika. In drei Wochen bezieht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei Johannesburg ihr Quartier für die Weltmeisterschaft, und das Luxusetablissement wird zum Vergnügungspark. Billardtische und Tischtennisplatten werden aufgebaut, Spielgeräte verkabelt und Chill-out-Lounges eingerichtet, in denen sich die Spieler erholen können. Manager Oliver Bierhoff wird Elefantenreiten organisieren und hat eine Rennstrecke in Hotelnähe gebucht, auf der Ballack und Co. mit Sportwagen des DFB-Sponsors um die Wette fahren können.

Um den Lagerkoller zu vermeiden, richtet der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Art Disneyland für seine Elitekicker ein. Das Unterhaltungsprogramm ist bewusst jugendtauglich gehalten und damit zielgruppengerecht, denn die deutsche Mannschaft dürfte bei der WM zu den jüngsten gehören. Im vorläufigen 27-köpfigen Kader sind 15 Akteure (56 Prozent) jünger als 25. Als Deutschland 1990 Weltmeister wurde, stellten noch die Männer im vermeintlich besten Fußballspieleralter zwischen 25 und 30 Jahren das Gros der Mannschaft.

Der Grund dafür, dass Bundestrainer Joachim Löw diesmal mit einer Rasselbande nach Südafrika reist, liegt weit zurück. Alles begann mit einem legendären Satz von Franz Beckenbauer. Der schwang sich, berauscht vom Titelgewinn bei der WM 1990, zur gewagten These auf, dass Deutschland „auf Jahre unschlagbar“ sei, wenn noch die Spieler der gerade abgewickelten DDR hinzukämen. Weil Aussagen des „Kaisers“ damals wie heute eine unvergleichliche Wucht im deutschen Fußball haben, nahmen ihn die Oberen des Deutschen Fußball-Bundes beim Wort und hielten sich fortan für unverwundbar.

Tatsächlich kam viel Gutes aus dem Osten: Spieler wie Matthias Sammer, Ulf Kirsten oder Andreas Thom bereicherten den deutschen Fußball. Doch benebelt von der vermeintlichen Unbesiegbarkeit vergaßen die DFB-Funktionäre, dass der Nachschub an gut ausgebildeten DDR-Fußballspielern logischerweise begrenzt war. Statt mit einem umfassenden Nachwuchsprogramm inklusive flächendeckender Talentsichtung die Nationalspieler von morgen zu fördern, berauschten sich die Offiziellen lieber am Europameistertitel 1996. Die Ernüchterung folgte prompt. Bei der Weltmeisterschaft 1998 scheiterte Deutschland im Viertelfinale an Kroatien, und zwei Jahre später bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden gab es eine historische Bruchlandung: Aus in der Vorrunde mit nur einem Treffer.

Die Schmach setzte Prozesse in Gang. Der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder erklärte das Thema „Jugendförderung“ plötzlich zur Chefsache. Endgültig professionalisiert wurde die Nachwuchsarbeit, als 2006 Matthias Sammer den Posten des Sportdirektors beim nationalen Fußballverband übernahm. Die Arbeit fruchtet. 2009 holten die U17, U19 und U21 jeweils den Europameistertitel. Aus der U21-Mannschaft haben bereits Torwart Manuel Neuer, Dennis Aogo, Andreas Beck, Jerome Boateng, Sami Khedira und Mesut Özil den Sprung in Löws erweitertes WM-Aufgebot geschafft. Und doch kommt die WM wohl zu früh für das deutsche Team. Joachim Löw fehlt jene breite Basis an Spielern, die zur körperlichen Topform auch bereits über die nötige Erfahrung verfügen, die deutsche Mannschaften stets ausgezeichnet hat. In Michael Ballack, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger stehen dem Bundestrainer nur drei unumstrittene Führungsspieler zur Verfügung.

Es ist eine Art Pillenknick, der in der deutschen Mannschaft gerade durchschlägt; in den 90er-Jahren wurde die Generation der heute 25- bis 30-Jährigen schlicht vergessen. Die waren damals in einem Alter, in dem die Weichen für eine Profikarriere gestellt werden.

Während in Ländern wie den Niederlanden, Spanien oder Italien bereits intensive Nachwuchsarbeit betrieben wurde, lief die Sichtung hierzulande eher nach dem Zufallsprinzip ab. „Wenn in jugendlichem Alter versäumt wird, die richtigen Grundlagen zu legen, kannst du das nie wieder aufholen“, sagt Sportdirektor Sammer.

Er arbeitet die Versäumnisse aus der Vergangenheit auf, gibt sich allerdings trotz der jüngsten Erfolge keinen Illusionen hin: „Wir hatten den Anschluss an die Weltspitze verpasst und arbeiten uns nun langsam wieder heran. Wir haben schon einiges erreicht, können uns aber noch lange nicht ausruhen. Die vielen jungen Spieler, die es in die A-Mannschaft geschafft haben, stimmen mich optimistisch, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

DFB-Manager Oliver Bierhoff liegt also richtig damit, das Mannschaftshotel in ein überdimensionales Teenagerzimmer zu verwandeln. Seine Idee, Nelson Mandelas Gefängniszelle im „Velmore Grande“ nachbauen zu lassen, damit die Spieler sich am Kampfgeist des südafrikanischen Nationalhelden ein Beispiel nehmen, verwarf Bierhoff hingegen. Vielleicht hätte es die lieben Kleinen auch zu sehr verschreckt.