Handball

Simon Ernst: Das Comeback ist sein größter Sieg

Nach 16 Monaten Pause feiert Handballprofi Simon Ernst an diesem Wochenende sein langersehntes Comeback bei den Füchsen Berlin.

Simon Ernst soll bei den Füchsen den Angriff beleben.

Simon Ernst soll bei den Füchsen den Angriff beleben.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Diese eine Frage kann er wirklich nicht mehr hören. Wie es ihm geht, hat Simon Ernst in den vergangenen 16 Monaten oft genug erzählt. „Das hab ich auch langsam echt satt“, sagt der Rückraumspieler der Füchse Berlin. Seine Leidenszeit ist schließlich jetzt vorbei, der Blick geht nach vorn, nicht mehr zurück. „Ich bin sehr happy, dass ich wieder spielen kann“, sagt Ernst.

Um zu verstehen, was es für den 25-Jährigen bedeutet, an diesem Wochenende in einem Pflichtspiel mit dem Berliner Handball-Bundesligisten auf dem Feld zu stehen, muss man aber doch noch einen kleinen Abstecher in seine Vergangenheit machen. Den Teil seiner Geschichte erzählen, in dem sich „eines der größten Talente im deutschen Handball“, wie es überall hieß, mit 23 Jahren verletzte und erst im Alter von 25 wieder Handball spielen konnte.

Trainer Petkovic ist schon voll des Lobes

Im März 2018 riss sich Ernst innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal das Kreuzband. Es folgten zwei Operationen, viele Monate Reha und ein Vereinswechsel. Bei den Füchsen unterschrieb der damalige Gummersbacher im Sommer 2018 einen Vertrag bis 2020, der schon wenige Wochen später um ein Jahr verlängert wurde. Die Berliner wollten ihrem Wunschspieler Planungssicherheit und Ruhe geben. „Ein großer Vertrauensbeweis“ für Ernst, der erst in diesem Sommer ins Mannschaftstraining einsteigen konnte.

Teil des Teams von Trainer Velimir Petkovic ist er trotzdem schon. „Menschlich bin ich integriert. Wir haben eine coole Mischung, von der Altersstruktur und auch von den verschiedenen Nationalitäten. Da fühle mich auf jeden Fall echt wohl“, sagt Ernst, der Kapitän Hans Lindberg vor einigen Wochen den Job des Kabinen-DJs abgeluchst hat, „aber die nächste Stufe der Integration ist jetzt auf dem Feld.“ Immerhin ist der gebürtige Dürener in dieser Saison so etwas wie eine gefühlte Neuverpflichtung. Von der Trainer Petkovic nach den ersten Eindrücken in der Vorbereitung schon recht angetan ist. „Was Simon beim Training zeigt, ist phänomenal“, sagt der 63-Jährige. „Er zeigt bisher, dass er den Unterschied machen kann.“

Manager Hanning träumt von der Achse Wiede-Ernst-Drux

In der Rückraummitte soll der Rechtshänder als Spielgestalter agieren, das in der vergangenen Saison teilweise ideenlose Angriffsspiel beleben und idealerweise zusammen mit Fabian Wiede auf rechts und Paul Drux auf links die Achse bilden, von der Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning schon seit der Verpflichtung des Europameisters von 2016 träumt. „Wir haben auch noch viele andere gute Jungs in der Mannschaft, und ich weiß, dass ich mir meine Spielanteile erstmal erarbeiten muss“, sagt Ernst.

Er ist sich bewusst, dass man vom ihm noch keine Wunderdinge erwarten darf. Das hat der Junioren-Europameister auf seinem Weg zum Comeback gelernt. Geduldig zu sein, realistisch zu bleiben, wieder Vertrauen in sein Knie zu fassen und nicht zu viel von sich und seinem Körper zu verlangen. „Mein Ziel ist es jetzt, langfristig gesund zu bleiben. Sowohl diese Saison, als auch bis ans Karriereende, das hoffentlich noch ein paar Jahre entfernt ist“, sagt Ernst.

Mit der Unterstützung einer Mentaltrainerin

Seinen Ehrgeiz hat er dennoch nicht verloren. „Das habe ich jetzt auch in der Vorbereitung gemerkt, wenn da doch der eine oder andere technische Fehler zu viel war. Da war ich nicht zufrieden. Aber dann denkt man: Sei froh, dass du überhaupt wieder spielen kannst, und das relativiert das Ganze dann ein bisschen“, sagt Ernst, der die schweren Monate dank der Unterstützung seiner Familie, seiner Freundin und mit der Hilfe einer Mentaltrainerin überstanden hat.

Und auch die Liebe zum Handball hat im Gegensatz zu seinem Kreuzband keinen Riss bekommen. Sie war es, die Ernst auch in schwierigen Phasen geholfen hat, weiter an seinem Weg zurück zu arbeiten. „Ganz am Anfang hab ich schon gedacht: Warum passiert mir das wieder? Wie geht das weiter mit mir? Aber relativ schnell ist dann doch wieder Mut entstanden, dafür zu kämpfen“, erzählt der 1,95 Meter große Profi, der trotz der harten Rückschläge seine gute Laune nicht verloren hat. „Weil ich weiß, was Handball mir bedeutet. Von daher hab ich mich mit dem Gedanken an ein Karriereende nie lange beschäftigt.“

Der Europameister wartet sehnsüchtig auf das erste Heimspiel

Stattdessen steht jetzt ein Neustart an. In den „hoffentlich längeren Abschnitt“ seiner Karriere. Dafür tauscht er nun endlich seinen Platz auf der Tribüne gegen den auf dem Feld ein. „Ich glaube, dass ich nochmal ganz gut Feuer in die Mannschaft bringe. Das hat man ja auch auf der Tribüne immer gesehen, dass ich schon emotional dabei bin. Das wird jetzt sicher nicht weniger“, sagt Ernst, der bei den Spielen der Füchse in der vergangenen Saison mindestens genauso mitgefiebert hat, wie es Trainer Petkovic an der Seitenlinie immer tut.

Da verwundert es nicht, dass Ernst bereits die Tage bis zu seiner langersehnten Heimpremiere zählt. Nach dem Pokalwochenende (siehe Infokasten) und dem ersten Bundesligaspiel am nächsten Sonntag in Leipzig (13.30 Uhr) ist es am 1. September gegen Erlangen (16 Uhr) endlich so weit. „Ich freu mich tierisch auf das erste Heimspiel. Da wird dann auch meine gesamte Familie da sein“, sagt er mit einem breiten Grinsen. Wie es so ist, endlich Tore in der Max-Schmeling-Halle zu werfen? Das wird Simon Ernst in den kommenden Wochen sicher gern erzählen.