Handball

Die Füchse suchen den Geist vom Dezember

In St. Raphael wollen die Berliner die zuletzt schwachen Leistungen vergessen machen. Und Trainer und Manager versöhnen.

Fabian Wiede (M.) und sein Team kämpfen am Sonnabend um Wiedergutmachung.

Fabian Wiede (M.) und sein Team kämpfen am Sonnabend um Wiedergutmachung.

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin. In Kiel können sie es kaum erwarten, bis diese Saison vorbei ist. Und die nächste auch. Denn dann kommt er endlich, der Transfercoup des THW, den der Handball-Bundesligist am Freitagmorgen verkündete: Sander Sagosen. Der 23 Jahre alte Norweger von Paris St. Germain ist begehrt, auf dem besten Weg zum nächsten Welthandballer und soll beim aktuell Tabellenzweiten ab 2020 den Traum von der Meisterschaft leben lassen.

Spitzenreiter Flensburg seit einem Jahr ungeschlagen

Die scheint nämlich zumindest in dieser Spielzeit schon vergeben zu sein. Das untermauerte die SG Flensburg-Handewitt am Donnerstagabend mit ihrem 31:22-Sieg gegen Bietigheim noch einmal deutlich. Seit einem Jahr wandert der Tabellenführer nun ungeschlagen durch die Bundesliga. Der dritte Meistertitel scheint nur noch reine Formsache.

Etwas weiter östlich können sie nur neidisch gen hohen Handball-Norden gucken. Nach der jüngsten Niederlage gegen Frisch Auf Göppingen (29:33) sind den Füchsen Berlin die deutschen Topklubs enteilt. „Seit drei Wochen beweisen wir, dass wir absolutes Mittelmaß sind“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, für den das Spiel am Donnerstagabend „nur schwer zu ertragen“ war.

Coach Petkovic sieht Hobby-Handballer

Die Leistung der Berliner war indiskutabel. Trainer Velimir Petkovic musste beobachten, wie seine topbesetzte Mannschaft zu einer Freizeittruppe schrumpfte. „Die sollen sich alle schämen“, sagte der 62-Jährige. „Einige verstehen das hier als Hobby und nicht als Arbeit. Das spricht gegen unsere Leistung, gegen unsere Einstellung und gegen den hoch und oft gelobten Charakter meiner Jungs.“

Mittlerweile wirkt es so, als hätten die Füchse in dieser Saison zwei verschiedene Mannschaften ins Rennen geschickt. Eine für die Zeit vor der WM und eine für die danach. Blöd nur, dass die, die seit Januar am Werk ist, das wieder zunichte macht, was das Team in der ersten Saisonhälfte aufgebaut hat.

In der Tabelle droht der Absturz auf Rang sieben

War im Dezember der Abstand zu Platz vier noch so klein, dass Hanning den SC Magdeburg noch angreifen wollte, droht jetzt sogar nur Platz sieben – und damit das Verpassen eines internationalen Startplatzes in der kommenden Saison. Und die stark erkämpfte Teilnahme am Final Four des DHB-Pokals, das in zwei Wochen (6./7. April) ansteht, die große Chance auf einen Titel, könnte in einer Blamage enden. „Wir haben das verloren, was wir bis Dezember hatten. Dieses Herz, diesen Charakter, diese kämpferische Leistung“, sagte Petkovic.

Im Februar sollte alles noch besser werden

Dabei waren sie damals, Ende des Jahres, davon ausgegangen, dass im Februar alles noch besser werden würde. Wenn aus der verletzungsanfälligen Rumpftruppe wieder ein ansehnlicher Kader wird. In diesen Wochen sieht es ganz danach aus, als habe man sich zu sehr darauf verlassen. Dass alles schon von allein so laufen würde, wie man sich das bei den Füchsen vorstellt. Und weil das eben nicht eintraf, wirken die Spieler mittlerweile zunehmend verunsichert.

Warum funktioniert das, was im Dezember noch so begeisterte, jetzt einfach nicht mehr? Warum kommen die genialen Pässe von Fabian Wiede nicht mehr beim Mitspieler an? Warum kommen die überhaupt nur noch so selten? Warum agiert der Rückraum größtenteils harmlos? Und was ist mit der so starken Abwehr der Berliner passiert?

In Südfrankreich geht es um den Gruppensieg

Der Trainer selbst wollte keine Antworten auf all diese Fragen geben. Er wollte sie lieber von seinen Spielern sehen. Und zwar schon heute, wenn in St. Raphael (20 Uhr, DAZN) das entscheidende Spiel um den Gruppensieg im EHF-Pokal ansteht. „Ich erwarte vom Trainer und von der Mannschaft, dass sie sich jetzt konstruktiv zusammensetzen und den Geist vom Dezember wieder aufleben lassen“, forderte Hanning.

Wenn es wichtig wurde, waren die Füchse bisher immer da

Coach und Spieler wissen um die Bedeutung der Partie im Süden Frankreichs, schließlich läuft das Projekt Titelverteidigung im EHF-Pokal noch. „Das ist ein so wichtiges Spiel. Wir möchten von Rang eins der Gruppe ins Viertelfinale starten“, sagte Petkovic. „Und jetzt soll die Mannschaft zurückkommen. Das müssen sie schaffen.“

Deswegen durfte am Donnerstagabend erstmal niemand nach Hause gehen. Und wer Petkovic kennt, kann davon ausgehen, dass der 62-Jährige selbst die Zeit im Flugzeug genutzt haben wird, um auf seine Spieler einzureden. Um in ihnen wieder das hervorzuholen, was sie noch im Dezember ausgezeichnet hatte.

Charakterstärke, Kampfgeist, der unbedingte Siegeswille. „Wir wissen, dass wir jetzt einiges gutzumachen haben“, sagte Wiede. Umso besser das jetzt richtungsweisende Spiele anstehen. Spiele, in denen es um mehr geht als nur um Bundesliga-Punkte. Und dass die Füchse in solchen Partien auftrumpfen können, haben sie ja schon bewiesen. Im Dezember.