Handball

Mijajlo Marsenic ist der weiche Riese

Marsenic spielt erst fünf Monate bei den Füchsen, ist aber nicht mehr wegzudenken. Warum der Zwei-Meter-Mann eine Geheimwaffe ist.

Mijajlo Marsenic warf bereits 31 Tore für die Füchse und ist auch fester Bestandteil der Berliner Abwehr.

Mijajlo Marsenic warf bereits 31 Tore für die Füchse und ist auch fester Bestandteil der Berliner Abwehr.

Foto: Uwe Anspach / picture alliance/dpa

Berlin.  An der Fensterscheibe ziehen die Regentropfen nasse Spuren hinter sich her. Mijajlo Marsenic schaut etwas mürrisch. Nein, an das Wetter in Deutschland hat sich der Kreisläufer der Füchse Berlin noch nicht gewöhnt. „Wenn ich zum Training fahre, scheint die Sonne, wenn ich aus der Halle komme, regnet es“, sagt der 25-Jährige, der im Sommer vom mazedonischen Spitzenklub Vardar Skopje zum Berliner Handball-Bundesligisten wechselte.

Fünf Monate sind vergangen, seit der Serbe seinen Lebensmittelpunkt in die Hauptstadt verlegt hat. Für Marsenic die einzig richtige Entscheidung – trotz des wechselhaften Wetters. „Berlin ist einfach perfekt. Meine Familie und ich fühlen uns unglaublich wohl“, sagt er. Daran hat auch Füchse-Abwehrchef Jakov Gojun einen großen Anteil. „Vom ersten Tag an hat Jakov mir so viel geholfen“, sagt Marsenic. Kaffee trinken, Mittagessen, gemeinsam mit den Familien die Stadt erkunden.

Teamkollege Gojun half ihm bei der Eingewöhnung

Auch deshalb hat Marsenic seinen Platz in Berlin schnell gefunden. Sowohl in der Stadt, als auch im Team. Denn auf dem Feld ist der serbische Nationalspieler, der bei den Berlinern einen Vertrag bis 2021 unterschrieben hat, nicht mehr wegzudenken. Auch nicht, wenn die Füchse an diesem Sonntag im Ost-Derby gegen den SC DHfK Leipzig antreten (16 Uhr, Schmeling-Halle). „Ich mag die Art, wie hier Handball gespielt wird“, sagt er. „Mit Tempo, es wird viel gerannt.“ Wenn man sich den 2,03-Meter-Mann so anschaut, mag man kaum glauben, dass ihm eine solche Schnelligkeit liegen könnte.

Doch seine Größe lässt Marsenic keineswegs behäbig oder unbeholfen wirken. Er weiß sie geschickt einzusetzen. Sowohl in der Deckung als auch im Angriff. Sein Verhalten auf dem Feld lässt ihn wie einen weichen Riesen wirken, der die gegnerische Abwehr scheinbar mühelos durchdringt und so schon 31 Tore für die Füchse erzielen konnte. Der eigenen Abwehr verleiht er Ruhe, ohne dabei zu vergessen, dass Handball immer noch ein körperlich harter Sport ist. Zu dem eben auch die eine oder andere Zeitstrafe oder eine Rote Karte gehören wie zuletzt beim Sieg in Gummersbach (29:20).

Trainer Petkovic sieht bei ihm noch viel Potenzial

Diese doppelte Stärke, sie macht Marsenic zur Geheimwaffe von Trainer Velimir Petkovic. Denn während die anderen beiden Kreisläufer Erik Schmidt und Johan Koch ihr Talent entweder in der Deckung oder im Angriff ausspielen, ist Marsenic auf beiden Seiten erfolgreich. „Es ist einfach richtig gut, wenn du beides spielen kannst. Ehrlich gesagt, glaube ich schon, dass das mein Vorteil ist“, sagt Marsenic. „Aber wenn der Trainer entscheidet, dass ich heute nur in der Abwehr spiele, dann mache ich das.“ Vor allem weil ihm die Arbeit in der Deckung ein bisschen besser gefällt, wie er grinsend zugibt. „Wenn du im Handball gewinnen willst, brauchst du einfach eine richtig gute Deckung“, sagt er.

Es scheint, als ob er das oberste Gebot seines Trainers schon verinnerlicht hat. Denn auch Petkovic predigt Woche für Woche, wie wichtig die Abwehr für den Erfolg ist. Und der Coach weiß, wie wichtig Marsenic für die Abwehr ist. „Ich sehe bei ihm richtig viel Potenzial“, sagt Petkovic. Deshalb kritisiert der Trainer seinen Sommerzugang, den alle nur Marsa nennen, auch gern mal öfter als die anderen Spieler. „Ich rede jeden Tag mit ihm. Sage ihm, dass er der Beste sein muss“, sagt Petkovic. So wie sein Trainer ist auch Marsenic im ehemaligen Jugoslawien geboren. Ein Grund, warum der Coach kritischer mit ihm umgeht. „Ich kenne die Mentalität meiner Landsleute“, sagt Petkovic und lacht. Es ist dem 62-Jährigen anzumerken, dass ihm der Werdegang seiner Allzweckwaffe am Kreis am Herzen liegt.

Stärke der Bundesliga beeindruckt den 25-Jährigen

„Ich mag Marsa. Er ist ein guter Junge, ein guter Mensch“, sagt der Trainer. Und diese Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. „Er ist ein guter Trainer, ein guter Mensch“, sagt Marsenic mit fast den gleichen Worten. Er habe Spaß beim Training. Denn bei Vardar Skopje, wo der Serbe drei Jahre lang internationalen Spitzenhandball gespielt hat und im vergangenen Jahr die Champions League gewann, sei alles viel taktischer gewesen.

Die neue Freiheit gefällt Marsenic. Und auch die Stärke der Bundesliga. „In Mazedonien hatten wir nur zwei oder drei Teams, die mit Vardar mithalten konnten. Muss für euch in Deutschland echt merkwürdig sein“, sagt er. Hier sei ja alles möglich. Da könne man in kein Spiel gehen und sicher sein, dass man gewinnt. „Wenn du keinen guten Tag hast, verlierst du. Das ist hier die beste Liga der Welt“, sagt er.

Wechsel nach Deutschland war ein Kindheitstraum

Und gleichzeitig die körperlich härteste. Das erfährt der Füchse-Spieler in jeder Partie vor allem auf seiner Position am Kreis. „Da stehen so viele starke Kerle. Das sind Maschinen“, sagt er. Kein Wunder, dass die Bundesliga-Teams ständig Verletzungen zu beklagen haben. Auch Marsenic wurde – wie der Großteil seiner Teamkollegen – diese Saison nicht verschont. Der kleine Finger war gebrochen. „Das war die schlimmste Verletzung, die ich bis jetzt hatte“, sagt er lachend. Und die hatte er sich nicht mal im Spiel, sondern beim Training zugezogen.

Die knapp vier Wochen Pause waren nur ein kleiner Makel in seiner bisher starken ersten Saison bei den Füchsen. Mit der für den Kreisläufer ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist. „Als ich angefangen habe, Handball zu spielen, habe ich davon geträumt, irgendwann in Deutschland zu spielen“, sagt Marsenic. Das hat er geschafft. Und direkt seine Spuren bei den Füchsen hinterlassen. Die dürften bleibender sein, als die der Regentropfen auf der Fensterscheibe.

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