Ein Heimspiel ist deshalb so schön für eine Mannschaft, weil das Publikum in der Regel mehrheitlich aus Fans der betreffenden besteht. Wenn aber stille Mehrheiten auf laute Minderheiten treffen, kann daraus schnell ein gefühltes Auswärtsspiel werden, so wie im Pokal-Viertelfinale der Füchse Berlin am vergangenen Mittwoch gegen den SC Magdeburg (29:30).
Die etwa 1000 mitgereisten Fans aus dem Bördeland waren derart laut, dass sie die etwa 7800 Füchse-Anhänger inklusive der neutralen Beobachter einfach übertönten. Die Spieler konnten ihren Heimvorteil dadurch nicht nutzen. Das Berliner Publikum besticht eher durch stoische Gelassenheit denn durch fanatische Anhängerschaft, die man in der Arena in Magdeburg erlebt oder in Flensburg, wo die Fans quasi ab dem ersten Angriff ihres Teams durchgängig stehen.
„Diese Handballkultur muss man sich über Jahre erarbeiten“
„Das kann man nicht vergleichen“, sagt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Während die Magdeburger beispielsweise bereits in den 1960er-Jahren als DDR-Meister auf sich aufmerksam machten und 2002 sogar die Champions League gewannen, machten die Füchse eigentlich erst ab 2005 im Männerhandball von sich Reden. „Diese Handballkultur muss man sich über Jahre erarbeiten“, sagt Hanning. Hinzu kommt die Frage, ob Berlin überhaupt nach derselben Fankultur strebt wie der SCM. Als die Nachwuchsmannschaft, die bei der Schul-WM in Doha die Silbermedaille gewonnen hatte, vor der Pokalpartie am Mittwochabend geehrt wurde, konnte kaum ein Zuschauer etwas verstehen, weil die Magdeburger Fans die Ehrung durch Gejohle und Pfiffe störten. „So etwas möchte ich nicht in meiner Halle haben“, stellt Hanning klar.
Ihm ist bewusst, dass die Füchse in Sachen Fankultur noch nachlegen können. „Wir müssen unseren eigenen Weg noch finden“, sagt Hanning. „Man muss schauen, ob es uns gelingt, auch jüngere Fanklubs an uns zu binden.“ Insgesamt ist die Entwicklung in Berlin in den vergangenen Jahren als sehr positiv zu bewerten. Mit im Schnitt knapp 7500 Zuschauern pro Spiel rangieren die Füchse auf Rang drei der Liga. Die Massen sind also da. Vielleicht kann auch eine etwas flexiblere Dramaturgie bei Heimspielen helfen, noch mehr Enthusiasmus zu entfachen. Auch in den Fan-Foren wird aktuell diskutiert: KissCam und DanceCam sollen die Stimmung auflockern, der etwas gezwungene Charakter lässt sich allerdings nicht wegdiskutieren, genau wie das ab und an fehlende Fingerspitzengefühl, was das Timing der Auftritte der Cheerdancerinnen betrifft.
Berliner Fans haben noch Entwicklungspotenzial
Gesänge sollen das stumpfe Trommeln und Klatschen anreichern. Die von den Füchsen durch den Sänger Bollmer kreierte Hymne fand nicht so richtig Anklang, dabei böte sich das „Füchse Berlin. Hier ist unser Revier“, eigentlich gut für einen Schlachtruf an. Wer den Gegner nicht auspfeifen möchte, könnte auch wie im American Football üblich, die eigene Abwehr anfeuern. Bislang sind „Defense“-Rufe im Handball noch nicht so etabliert.
Da gibt es für die Berliner Fans noch Möglichkeiten, etwas Eigenes zu entwickeln – vielleicht schon an diesem Sonntag, damit die Füchse gegen den VfL Gummersbach wieder ein richtiges Heimspiel haben (12.30 Uhr, Schmeling-Halle). Es ist das dritte Heimspiel binnen einer Woche. Die Information, dass Trainer Velimir Petkovic einen Einsatz von Paul Drux nicht ausschließt, der seit der EM an einer Knieverletzung laboriert, trägt da eventuell zur guten Stimmung bei.


