In der Schweiz hat sich der dänische Handballprofi Johan Koch (27) einen nahezu beängstigenden Ruf erarbeitet: Eine Zeitung beschrieb ihn mal als „Bösewicht mit rustikalem Auftreten“, eine andere Gazette stempelte ihn ab als „unbarmherzig mit Vorliebe für wenig subtile Provokationen“.
Deutsch hatte er auf dem Gymnasium abgewählt
Der neue Kreisläufer der Füchse Berlin lacht, als er das hört. Bevor er im Januar nach Berlin wechselte, spielte er drei Jahre für den Schweizer Meister Kadetten Schaffhausen. „In der Schweiz ist man die körperliche Spielweise von uns Skandinaviern nicht so gewöhnt“, erzählt er. „Das sind auch nicht die emotionalsten Menschen. Mit meinen langen Haaren und den Tattoos bin ich da ziemlich aus dem Rahmen gefallen.“
In Berlin fühlt sich Koch schon richtig wohl. Er trägt inzwischen einen Kurzhaarschnitt, die langen Haare waren zu unpraktisch, erklärt er. Eine Wohnung hat er auch sofort gefunden, und auch sprachlich kommt er gut zurecht, obwohl er Deutsch auf dem Gymnasium abgewählt hatte. „Ich hatte das in der Grundschule und habe damals nicht gedacht, dass ich es jemals brauchen könnte“, sagt er lachend.
Erste Aktionen ein Stürmerfoul und eine Zeitstrafe
Nun ist er schon seit 2013, als er einen Vertrag beim Zweitligisten Emsdetten unterschrieb, im deutschsprachigen Raum unterwegs. Bei den Füchsen soll er bis zum Saisonende Erik Schmidt entlasten, der aufgrund des Kreuzbandrisses von Ignazio Plaza Jimenez über Monate allein am Kreis agierte.
Nach Kochs erstem Einsatz für die Füchse im EHF-Pokal gegen St. Raphael hatte Geschäftsführer Bob Hanning kurz Bedenken, ob der Däne die richtige Wahl sei. Erst beging der neue Mann ein Stürmerfoul, dann kassierte er eine Zeitstrafe und konnte dem Team nicht wirklich helfen. „Das war nicht erstligareif“, urteilte Hanning. Diese Bewertung galt an dem Tag allerdings für die gesamte Mannschaft, die sich mit dem 21:26 zum Auftakt der Rückrunde ziemlich blamiert hatte. Koch zieht noch heute peinlich berührt die Schultern zusammen, wenn er sich an seine Premiere bei den Füchsen erinnert: „Da hatten wir gerade drei Tage zusammen trainiert, das war eine totale Katastrophe.“
Gutes Zusammenspiel mit Mathias Zachrisson
Bis zum Rückspiel in Frankreich wird die Füchse diese Begegnung noch verfolgen, so lange müssen sie gegen die anderen Teams ihre Punkte holen, um sich für die nächste Runde des europäischen Wettbewerbs zu qualifizieren. An diesem Sonntag erwarten die Berliner nun Helvetia Anaitasuna aus Spanien (15 Uhr). Für Koch wird es das zweite Spiel in der Schmeling-Halle sein. Bei seinem ersten Heimspiel gegen den SC DHfK Leipzig war er von der Atmosphäre begeistert: „An dieses Spiel werde ich mich sicherlich noch nach meiner Karriere erinnern. Die Stimmung war unbeschreiblich. Das kenne ich, wenn überhaupt, nur aus der Kristianstad Arena in Schweden, wo ich drei Jahre gespielt habe.“
Gegen die Leipziger arbeitete Koch eindrucksvoll am Kreis, seine gute Leistung ging neben den Glanztaten von Rechtsaußen Mathias Zachrisson etwas unter, der momentan auf der Position des Spielmachers Furore macht. „Vielleicht hat Zachrisson ja aber auch deshalb so gut gespielt, weil jemand für ihn die Lücken gezogen hat“, gibt Füchse-Trainer Velimir Petkovic zu bedenken. Koch und Zachrisson kennen sich bereits aus der schwedischen Liga. „Ich glaube, wir funktionieren gut zusammen, weil wir eine ähnliche Handballschule gelernt haben“, sagt Koch. „In Dänemark und Schweden sind auch die besten Spieler keine 2,10 Meter groß, daher überwiegt die Arbeit im Kollektiv“, erklärt er.
Er ist zwar nicht der Größte, kann aber unbequem sein
Nach dem Abgang von Petar Nenadic, der sehr viel individuelle Qualität ins Team gebracht hat, sind die Füchse gerade dabei, ihr Zusammenspiel neu zu erfinden und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Das Spiel über den Kreis gehörte bislang nicht zu den Berliner Stärken. „Hier werden weniger Pässe an den Kreis gespielt, als ich es gewohnt bin. Das liegt aber auch daran, dass wir so unglaublich viele gute Werfer im Rückraum haben“, findet Koch. Ihm ist es egal, wer die Tore macht. „Als Kreisläufer muss man diese Einstellung auch haben“, sagt er. Es geht vor allem darum, die Gegenspieler zu binden und unbequem zu sein. Das gelingt dem muskulösen Koch trotz seiner für einen Kreisläufer eher geringen Größe von 1,85 Metern bislang recht gut.
Ganz zufrieden ist Trainer Petkovic aber noch nicht: „Die positive Aggressivität und Härte eines Krezimir Kozina fehlt noch“, sagt er. Kozina ging im vergangenen Jahr nach Göppingen, weil die Füchse mit Erik Schmidt einen der Europameister von 2016 nach Berlin gelotst hatten. Mit dessen Körpereinsatz ist Petkovic aber bis heute nicht ganz zufrieden. „Ich habe nicht aufgehört zu hoffen, dass ich einen Topspieler aus ihm mache, aber wir sind nach acht Monaten noch nicht da, wo ich sein wollte“, erklärt der Trainer.
Koch soll nun neuen Schwung an den Kreis bringen – der Däne glaubt, dass er das kann: „Ich bin ein sehr emotionaler Spieler. Es dauert in einer neuen Mannschaft nur manchmal ein bisschen, bis ich das rauslasse.“ Vielleicht ist es ja an diesem Sonntag so weit.


