Eins gleich mal vorweg: Dass mein Handball-Ziehkind Fabian Wiede nicht bei dieser EM dabei ist, stimmt mich traurig. Die Entscheidung sollte aber für uns alle ein Ansporn sein, ihn noch besser zu machen, um ihn dann bei der WM 2019 im eigenen Land auch wiederzusehen. Fabian Wiede wird stärker zurückkommen, da bin ich mir sicher, denn er hat diese Kämpfermentalität in sich. Und noch hat er ja sogar die Chance, bei der EM nachzurücken, immerhin gibt es bis zu sechs Wechseloptionen im Laufe des Turniers in Kroatien.

Immer die gleichen Experten, die Unsinn reden

Nach der Benennung seines EM-Kaders wurde Bundestrainer Christian Prokop für seine Auswahl kritisiert, weil er auf drei Europameister von 2016 verzichtet. Von vermeintlichen Experten wurde ihm nicht nur hinter vorgehaltener Hand Vetternwirtschaft vorgeworfen, weil er drei Leipziger Spieler (Prokop war vor seinem Engagement für den DHB Vereinstrainer beim SC DHfK Leipzig/d.Red.) nominiert hat. Auffällig ist, dass es immer die gleichen Experten sind, die Unsinn erzählen. Letztlich geht es denen ausschließlich darum, sich selbst zu vermarkten.

Als ich Dagur Sigurdsson 2009 als Trainer der Füchse nach Berlin holte, haben mir viele vorgeworfen, das nur zu tun, um meinen Einfluss nicht zu verlieren. Als Sigurdsson 2014 in Doppelfunktion Bundestrainer wurde, traf dies auf maximales Unverständnis. Oft fiel das Wort Vetternwirtschaft, als Fabian Wiede und Paul Drux seinerzeit ins Nationalteam berufen wurden. Meine Verpflichtung Iker Romeros wurde von vielen Experten als Marketinggag verunglimpft. Und dann hat der Spanier die ganze Bundesliga verzückt.

Prokop allein entscheidet, welche Spieler er braucht

Es mag typisch deutsch sein, wahllos Entscheidungen zu kritisieren. Wenn diese am Ende dann aber im Erfolg münden, dann sind auf einmal dieselben Experten der Meinung, dass das natürlich der einzig richtige Weg gewesen sei. Das ist scheinheilig.

Der Bundestrainer hat jetzt seine EM-Mannschaft zusammengestellt, und das ist auch sein gutes Recht. Christian Prokop muss entscheiden, wie sich der deutsche Handball weiterentwickelt und welche Spieler er dafür benötigt. Er trägt dafür auch die Verantwortung. Wenn er das nicht schafft, dann scheitern wir. Ich rufe dazu auf, ihm einfach mal zu vertrauen. Wir haben ihn nicht ohne Grund zum Bundestrainer gemacht.

Plötzlich sind wir der große EM-Favorit

Als ich vor fünf Jahren das Ziel Olympiasieg 2020 ausgegeben habe, wurde ich müde belächelt, jetzt sagen aber die Experten, dass wir schon bei der EM großer Gold-Favorit sind. Ein größeres Lob können sie unserer gemeinsamen Arbeit gar nicht zollen. Stellt sich nur manchmal die Frage, warum sie das sagen, oder geht es vielmehr darum, den Druck zu erhöhen? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Bundestrainer hat sich für sein Spielsystem entschieden, was er mit der Mannschaft bei der EM zeigen will und danach den Kader ausgesucht. Es ist mutig von ihm, die Sache der Mannschaftsentwicklung in den Vordergrund zu stellen. Er trifft keine Entscheidungen, die populistisch, sondern inhaltlich begründet sind. Obwohl er weiß, dass er es hätte leichter haben können.

Acht Teams haben das Ziel, ins Halbfinale zu kommen

Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf die EM und glaube, dass Prokop und die Mannschaft gemeinsam viel erreichen können. Den Anspruch, das Halbfinale zu erreichen, spreche ich im Wissen aus, dass mehr als acht Mannschaften mit demselben Ziel in Kroatien ins Turnier starten.

In den Vorrundenspielen gegen Montenegro, Slowenien und Mazedonien werden wir gleich dreimal einen Hexenkessel erleben. Ich hoffe, dass die Mannschaft positiv wie negativ aus den vergangenen Jahren gelernt hat – und jeder Einzelne mehr in den Topf einzahlt, als er sich rausnimmt. Dann wird es eine gute EM.