Handball

Hanning weist dem deutschen Handball den Weg aus der Krise

Füchse-Manager Bob Hanning fordert nach dem Debakel der Handball-Nationalmannschaft gegen Montenegro professionellere Strukturen im Verband. Er hat Olympia-Gold im Jahr 2020 im Visier.

Foto: Eibner-Pressefoto / picture alliance / Eibner-Presse

Das köstliche Mittagsmenü bei Tim Raue entschädigte ein wenig. Fünf Gänge servierte der Starkoch in seinem Restaurant, und mit jedem Gericht sah Bob Hanning die Lage klarer. Die Bestürzung am Tag nach der desaströsen Pleite der deutschen Handball-Auswahl gegen Montenegro (25:27) saß beim Geschäftsführer der Füchse Berlin tief. Als „völlig inakzeptabel“ beurteilte er dabei den Auftritt des DHB-Teams und blickte sogleich in die Zukunft: „Es sind viele Fehler gemacht worden, wir müssen uns jetzt alle zusammensetzen und die Dinge angehen.“ Es gelte, professioneller zu werden und auch mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Die unerwartete Niederlage in der EM-Qualifikation in Montenegro traf den deutschen Handball mitten ins Mark. Enttäuschung und Frust beherrschten die Spieler, der Bundestrainer fand in der Nacht nach dem Debakel nicht in den Schlaf. Stundenlang analysierte Martin Heuberger die Partie, gestern dann stand er mit tiefen Augenrändern und aschfahlem Gesicht an der Gepäckabfertigung des Flughafens Podgorica. Durch die Pleite kann sich die deutsche Auswahl aus eigener Kraft nicht mehr für die EM 2014 in Dänemark qualifizieren. „Die Tragweite der Niederlage ist uns bewusst“, sagte Heuberger, „das Thema EM ist normalerweise durch. Es muss ein Wunder passieren, um doch noch dabei zu sein.“

Letzte Chance am Sonnabend gegen Israel

Am Sonnabend trifft der WM-Fünfte in Aschaffenburg auf Außenseiter Israel. Dort ist ein Sieg Pflicht, gleichzeitig muss die DHB-Auswahl darauf hoffen, dass die bereits für die EM qualifizierten Montenegriner gegen Tschechien gewinnen. Nur dann könnte Deutschland nach Olympia 2012 in London nicht auch noch das zweite Großereignis binnen kurzer Zeit verpassen. „Der Patient ist noch nicht tot“, sagte Hanning und mahnte an, die Hoffnung nicht aufzugeben, noch nicht. „Es wäre pietätlos, das Team jetzt schon zu beerdigen.“

>>>Alle Füchse-News

Gleichwohl legt der Manager des Berliner Bundesligaklubs den Finger in die offene Wunde. Und nimmt dabei alle in die Pflicht: den Deutschen Handballbund, die Handball-Bundesliga und die Landesverbände. „Wir haben nach dem WM-Sieg 2007 die Zeichen nicht erkannt und sind keine neuen Wege gegangen“, sagt Hanning, „wir haben damals alle zusammen versagt.“ Man habe die Erfolge genossen und nicht an die Zukunft gedacht. „Es hat an Visionen gefehlt.“ Bei der Formulierung mittelfristiger Ziele lässt sich Hanning nicht lange bitten. „Wir haben die beste Handball-Liga der Welt, da muss es unser Anspruch sein, auch weltweit mit der Nationalmannschaft die Nummer eins zu sein. Wir bilden jetzt den Nachwuchs aus, der bei Olympia 2020 die Goldmedaille gewinnen soll.“

Schlüsselpositionen in der Liga mit Ausländern besetzt

Im deutschen Handball krankt es gleich in mehreren Bereichen. Zwar ist die Bundesliga in der Tat die Nummer eins, doch in den meisten deutschen Vereinen sind die wichtigen Positionen mit ausländischen Spielern besetzt. So war in Montenegro kein Spieler vom Champions-League-Sieger HSV Hamburg dabei, vom Double-Gewinner THW Kiel waren es lediglich zwei. „Es fehlt den Vereinen dabei an Mut, auch mal ein Spiel verlieren zu können“, sagt Hanning, der die Nachwuchsförderung bei den Füchsen zur obersten Priorität ausgerufen hat. „Es ist immer sehr schwierig zu sagen, wir wollen den Nachwuchs fördern, aber gleichzeitig den Erfolg erwarten, den man vielleicht hat, wenn man ausschließlich mit Weltklassespielern arbeitet“, so Hanning und lächelt: „Das ist so, als wenn du in die Badewanne steigst, aber dabei nicht nass werden willst.“ Die Füchse haben mit Paul Drux, Fabian Wiede und Jonas Thümmler jüngst drei Nachwuchsleute mit Profiverträgen ausgestattet. „Ich bin gespannt, wie die Zuschauer reagieren, wenn wir mal nicht so erfolgreich sind.“

Geradezu passend zur Pleite der DHB-Auswahl war, dass die Partie nicht live im Fernsehen zu verfolgen war. Kein deutscher TV-Sender und auch nicht Eurosport hatten das Qualifikationsspiel senden wollen, es war lediglich im Livestream auf der Internetseite der Europäischen Handball-Föderation EHF zu sehen. „Das war extrem deprimierend“, gesteht Hanning, der weiß, wie wichtig TV-Präsenz für seine Sportart ist. Gerade weil der Markt hinter Fußball zwischen Handball, Basketball und Eishockey hart umkämpft ist. Und eine erfolgreiche Nationalmannschaft schafft gute Argumente bei der Vergabe von Sendezeit.

Keine Job-Garantie für Bundestrainer Heuberger

Martin Heuberger weht derweil ein harter Wind ins Gesicht. Die Kritik begleitet den Badener freilich, seit er im Juli 2011 das Amt von Handballikone Heiner Brand übernommen hat. Noch im Januar hatte der detailversessene Heuberger bei der WM mit Rang fünf eine veritable Handball-Euphorie im Land entfacht, die ist nun verpufft. Gestern verweigerte ihm der DHB eine klare Jobgarantie. „Es ist schwer, jetzt schon über Konsequenzen zu sprechen“, sagte DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier, „das aktuelle Präsidium wird sicherlich keine Trainer-Entscheidung mehr treffen. Das müssen unsere Nachfolger besprechen.“

Auf dem Bundestag am 21. und 22. September wird ein neues Präsidium gewählt. Bob Hanning wird in Düsseldorf für das Amt des Vizepräsidenten kandidieren und entwickelt gerade ein Konzept. Und der designierte DBH-Präsident Bernhard Bauer hat schon jetzt eine klare Meinung: „Eine Jobgarantie gibt es für niemanden“, sagte er den Stuttgarter Nachrichten.