Für Mercedes wird es in der Formel 1 schwieriger als gedacht, zum fünften Mal hintereinander die Titel einzufahren. Während Sebastian Vettel sich vor Ferrari-Kollge Kimi Räikkönen Startplatz eins für den zweiten Saisonlauf am Sonntag in Bahrain (17.10 Uhr, RTL) sicherte, schaffte Lewis Hamilton nur Rang vier - und rutschte wegen eines Getriebewechsels noch weitere fünf Plätze nach hinten.
Der nächste Rückschlag, beim Auftakt in Australien hatte der Brite den schon gewonnen geglaubten Grand Prix in der zweiten Rennhälfte an Vettel verloren. Die Software war falsch programmiert worden. Mercedes-Teamchef Christian „Toto“ Wolff versicherte, dass dieser Fehler nicht mehr vorkommen werde. Aber die Vorkommnisse aus dem Albert Park wirken nach. Ein fassungsloser Hamilton hatte in ruhigen Worten eine Anklage verfasst, die auch mit der ihm winkenden Vertragsverlängerung allein nicht abzuschwächen ist: „Ich würde lieber wie früher nach Instinkt fahren und nicht nur nach Daten. Dann würde die Entscheidung wieder mehr in den Händen von uns Fahrern liegen.“
Dieser Wunsch nach dem Ende der Digitalisierung in der Formel 1 wirft eine Frage auf, die schon seit gut zwei Jahrzehnten diskutiert wird, nämlich die nach dem mündigen respektive dem entmündigten Rennfahrer. Wer hat das Steuer wirklich in der Hand?
Im Motorsport entscheiden neben der Maschine auch noch Hunderte von Ingenieuren, deren Verständnis und Ehrgeiz rein technisch sind. Die Arbeit im Cockpit wird von Sektoren-, Delta- und Sollzeiten bestimmt, das Vorgehen via Funk oder Signal auf dem Multifunktionslenkrad oft von außen befohlen. Was ist die Intuition der Steuermänner dann noch wert?
Formel 1 fehlt die Spannung
Bei dem einsam führenden Mercedes-Fahrer war in Australien bereits in der ersten Rennhälfte der Gedanke im Hinterkopf verankert, dass er mit Blick auf das Motorenreglement, das nur noch drei Aggregate pro Saison erlaubt, den Antriebsstrang nach Möglichkeit schont, wo es nur geht – beim ersten von 21 Rennen. Diese haushaltende Denkweise zwingt nicht nur den Rennfahrer gegen seine Natur, ans Limit zu gehen, es verändert auch die Anzahl und Qualität der Zweikämpfe und damit den Charakter der ganzen Serie.
Dieses Mann gegen Mann fehlt aber vielen, weshalb sich der Vermarkter Liberty Media heute mit den Rennstallchefs zusammensetzen wird, um in Zukunft wieder für attraktivere Geschehnisse auf der Piste zu sorgen. „Die Magie der Formel 1 zurückholen“, nennt das Geschäftsführer Ross Brawn. Die Materialeinschränkungen waren einst eingeführt worden, um die Kosten zu regulieren. Sie hatten aber auch Folgen für den Wettbewerb. Weshalb bei der Präsentation der Pläne für eine ganz neue Formel 1 ab 2021 am Freitag ein wichtiger Punkt von den Vermarktern markiert wurde: „Der Fahrer soll wieder der entscheidende Part des Pakets werden, ohne dass dabei die Technologie beschnitten wird.“
Eine Sehnsucht, die Lewis Hamilton ebenso treibt wie einen Sebastian Vettel. Beide schätzen moderne Technik, hatten einst aber auch das freie Fahren kennengelernt. „Der ewige Gedanke daran, das Material schonen zu müssen, spricht für mich gegen den Geist des Rennfahrens. Ich will bis zur Ziellinie alles geben können“, klagt nun Hamilton. In Australien hatte er noch im Auto per Funk verzweifelt gefragt, ob er einen Fehler gemacht hätte. Die Ingenieure mussten die spontane Antwort schuldig bleiben, auch sie waren vom Computer abhängig. Eins ist sicher: Hamilton würde seine Fehler am liebsten schon selber machen.


