Formel 1

Rekord - Weltmeister Vettel führt seit 702 Runden

Sebastian Vettel ist auf Rekordjagd. Erst gewinnt er den Grand Prix in Indien, und nun will er auch noch den Rekord von Michael Schumacher knacken.

Den rund 95.000 Fans auf dem Buddh International Circuit und den Millionen Indern vor dem Fernseher wird der Weltmeister sicher in guter Erinnerung bleiben. Sebastian Vettel lobte „die tolle Rennstrecke“, die aufmerksamen Helfer und die freundlichen Gastgeber und überhaupt Indiens „sehr schöne Frauen“.

Zum Abschluss seines Arbeitstages legte er noch einmal eine eindrucksvolle schnellste Rennrunde hin, obwohl er von Beginn an einen beträchtlichen Vorsprung auf den zweiten Jenson Button im McLaren und Ferrari-Pilot Fernando Alonso herausgefahren hatte.

Den Sieg bei der Grand-Prix-Premiere in Greater Noida „kann mir keiner mehr nehmen“, frohlockte der deutsche Red-Bull-Pilot hernach und fügte seiner persönlichen Jahresstatistik eine weitere Bestmarke bei. 702 Runden lag der Champion 2011 insgesamt in Führung. Die bisherige Bestmarke stellte Nigel Mansell 1992 mit 694 Runden auf. Auch Rekordweltmeister Michael Schumacher, am Sonntag Fünfter vor Teamkollege Nico Rosberg, in 20 Jahren Formel 1 nicht geschafft. Die Einstellung von Schumachers Rekord von 13 Saisonsiegen ist außerdem noch möglich, sofern Vettel die ausstehenden Rennen in Abu Dhabi und Sao Paulo gewinnt.

Rückblick auf einen Grand Prix der Gegensätze :

Donnerstag, 27. Oktober

Auf der Strecke liegt noch eine Staubschicht von den Bauarbeiten und vom Sand, den der Wind von überall herangeweht hat. Sebastian Vettel schnappt sich eine Reinigungsmaschine und geht über den Asphalt, danach umrundet Jarno Trulli den 5,1 Kilometer langen Buddh International Circuit mit dem Fahrrad, Jenson Button setzt sich ans Steuer einer Motor-Rikscha.

Fernando Alonso ist zur selben Zeit als Unicef-Botschafter in einem Armenviertel Delhis unterwegs. In einem Kinderkrankenhaus gibt er fünf Kindern eine Schluckimpfung, verteilt an die Kleinen Geschenke. Er sagt: „Jedes Kind hat es verdient, herumtollen zu dürfen, zu spielen und gesund zu leben, ohne an Kinderlähmung zu erkranken.“ Danach steigt er vor dem Klinikportal in einen schwarzen Maserati und lässt sich zu den Kollegen an die Rennstrecke fahren. Da macht die Formel 1 nähere Bekanntschaft mit Indiens Fauna: In der Garage des Lotus-Rennstalls schreckt eine Ratte die Mechaniker auf, im Bungalow des Williams-Teams wird Mäusekot gefunden, durchs Pressezentrum fliegt eine Fledermaus.

Freitag, 28. Oktober

Gewusel bei McLaren: Interviewrunde mit Lewis Hamilton. „Ich war hier schon so oft, ich könnte als Halblinder durchgehen“, sagt der Champion von 2008 und lächelt leicht gequält. Die Oberseite seines Helms ziert eine Weichzeichnung von Bob Marley, darunter steht „One Love“. Britische Journalisten witzeln, sie hätten „no woman, no cry“ adäquater gefunden. Hamilton und seine Freundin Nicole Scherzinger haben sich getrennt.

Mal wieder kein guter Tag für den viel gefragten Wüterich. Nach dem ersten Training kassiert er eine Strafversetzung um drei Plätze, weil er bei gelben Flaggen nicht ausreichend vom Gas ging.

Das für den Abend geplante erste Konzert der Rocker von Metallica in Indien fällt aus. Empörte Fans zerlegen in einem Randbezirk von Delhi die Bühne. Schon als die Tore geöffnet werden, bricht der Mob los. Zäune werden eingetreten, Menschen niedergetrampelt. Die Sicherheitskräfte tun so, als ob sie alles nicht angeht und starren in die Luft. Offenbar wurden mehr Tickets verkauft als die erlaubten 30.000. Vier Konzertorganisatoren werden am nächsten Morgen wegen Betrugsverdacht den Behörden vorgeführt. Die machen kurzen Prozess. Sie werden für sechs Tage in Polizeigewahrsam genommen.

Sonnabend, 29. Oktober

Die Promoter des Rennens haben den Namen von Sportminister Ajay Maken von der Gästeliste gestrichen. Die privaten Investoren von Jaypee Sports verlangten von der indischen Regierung eine Steuerbefreiung für die zwölf Rennställe. Der Bescheid der Behörden wurde gnadenlos vollstreckt; er soll auf rund 35 Millionen Euro lauten, darunter auch Zollgebühren auf das eingeführte Material: Benzin, Ölfilter, Pressluftschrauber, Reifen. Die Kosten müssen die Veranstalter tragen, die angeblich keine öffentliche Mittel verbaut haben. Auf alle verkauften Tickets entfällt zusätzliche eine Vergnügungssteuer von 25 Prozent.

Die Bürokratie soll auch Schuld an Michael Schumachers magerem Ergebnis in der Qualifikation (Platz zwölf) sein. Wegen einer schleppenden Zollabfertigung fehlte nach Angaben von Teamchef Ross Brawn in der Mercedes-Garage ein Messgerät, mit dem Schumachers Pneus gewöhnlich gecheckt werden. Schumacher beklagte ungewöhnlich starke Vibrationen seiner Reifen.

Unmittelbar nach der Qualifikation fährt ein Bagger hinter dem Bungalow von Renault auf und reißt den Boden auf – Probleme mit der Kanalisation.

Sonntag, 29. Oktober

Anders als am Freitag, als ein wilder Hund das Training störte, ist weit und breit kein Vierbeiner in Sicht. Dumm gelaufen für die Zocker, die bei einem britischen Buchmacher auf einen tierischen Zwischenfall gewettet haben.

Im Fahrerlager blickt sich Walter Kafitz stolz um. Der ehemalige Chef der in Verruf geratenen Strecke am Nürburgring lobt Streckenarchitekt Hermann Tilke, seinen Aachener Kollegen. Der werde hier gefeiert „wie ein König“. Aber was ist mit den schiefen Wänden und den Löchern im Putz? „Okay, sie haben noch einiges zu tun. Du darfst mit dem Blick nicht hängen bleiben, dann entdeckst du schon das ein oder andere, was nicht ganz stimmt. Aber das große Bild stimmt. Indien wird ein großer Erfolg.“ Nach seiner erfolglosen Klage gegen die fristlose Entlassung als Nürburgring-Chef werkelt er jetzt als Berater von Jaypee Sports.

Die Kommentatoren der BBC genießen ihr Indien-Abenteuer in vollen Zügen. Ex-Teamchef Eddie Jordan hat ein rotes Sherwani-Gewand übergezogen und wagt mit fünf indischen Frauen ein Tänzchen. David Coulthard steht im schwarzen Hemd und weißen Jeans daneben wie ein müder Tanzbär.

Eine Viertelstunde vor Rennstart hält die Formel 1 inne. Schweigeminuten für die tödlich verunglückten Kollegen Dan Wheldon (Indycar) und Marco Simoncelli (Motorrad). Sebastian Vettel sagt: „Unsere Gedanken sind mit ihnen.“

Weise Worte des zweimaligen Weltmeisters auf der Abschlusspressekonferenz: „Vielleicht haben die Leute in Indien nicht so viel auf ihren Bankkonten, aber sie sind reicher als viele Europäer.“ Der jüngste Champion der Formel-1-Geschichte hat gut reden: Er verdiente mit seinem Sieg 500.000 Euro allein an Prämie, der Tageslohn für einen Arbeiter auf dem Buddh International Circuit beträgt 1,38 Euro.