Abends beim Bier, Debatte über die türkische Verletztenliste: Spielt tatsächlich ein gelernter Torwart im Sturm? Teufelskerl. Der Taxifahrer, der sich als türkischstämmiger Deutscher vorstellt, fragt lauernd: „Wie geht das Spiel aus?“ Vorsichtiges Umkurven einer klaren Antwort: Schwerer Gegner, hoch motiviert, wird kein Spaziergang. Er sagt: „Deutschland gewinnt 2:0“.

Patriotismus und Sportsgeist machen gemeinsame Sache vor diesem Halbfinale Deutschland–Türkei. Beim Match gegen Polen tropfte das Blut geköpfter Fußballer von der Titelseite einer polnischen Zeitung, gegen Österreich hatten die Beleidigungen Kindergartenniveau erreicht. Vor diesem Spiel ist der Ton angenehm respektvoll. Ganz ohne offizielle Kampagnen und staatsmännische Appelle haben die Bürger zweier Kulturnationen beschlossen, kultiviert miteinander umzugehen.

Natürlich knirscht es im Zusammenleben von Urdeutschen und Einwanderern immer mal, was ja auch ausgiebig problematisiert wird. Es ist aber kein Nachweis von Naivität, wenn dieser Tage nicht über „Ehrenmorde“ und Rassismus gepoltert wird, sondern Fußball regiert. Dieses einfache Spiel, bei dem das Runde ins Eckige muss, hat die Kraft, Menschen zusammenzubringen. Alt-Deutsche und Neu-Deutsche reden mehr als sonst miteinander, entwickeln Verständnis, besinnen sich auf gemeinsam Erreichtes.

Denn Fakt ist, bei allen Problemen: Deutschland hat seinen Zuwanderern, insbesondere den türkischen, viel von seinem Wohlstand und seiner Vielfalt zu verdanken. Und 80 Prozent der türkischstämmigen Menschen fühlen sich wohl hier – kein schlechter Wert, 40 Jahre nach dem Beginn der modernen Völkerwanderung.

Schon vor Anpfiff ist mehr Miteinander erreicht als durch manche Show-Konferenz, die viel Pulverdampf, aber wenig Ergebnisse bringt. Integration findet nicht auf Podien statt, sondern im Alltag – vor allem auf dem Fußballplatz.