EM 1984

Platini befreit Frankreich von seinen Komplexen

Am 7. Juni beginnt die EM in Österreich und der Schweiz. In der Morgenpost Online-Serie "Meisterwerke" erinnern sich die Sieger an vergangene Endrunden-Turniere. Im vierten Teil erklärt Bernard Lacombe, wie die französische Elf 1984 in einem Bergdorf die Grundlage für einen großen Triumph legte.

Die Erfolgsgeschichte begann schon viel früher. Nicht erst im Parc des Princes in Paris, sondern in Font-Romeu, in jenem französischen Bergdorf in den katalanischen Pyrenäen kurz vor der Grenze zu Spanien. Eine Sportschule, ein Fußballplatz und ringsherum die malerische Hochebene der Cerdagne. Wann immer sich die Franzosen an ihren ersten großen Titel, den Europameisterschaftssieg 1984, erinnern, sprechen sie vom Geist der Pyrenäen. „Dort sind wir zu einem Team geworden“, sagt Bernard Lacombe.

1984 stürmte Lacombe für die Equipe Tricolore, heute ist er einer der Macher von Olympique Lyon. Und so erzählt er in bester Managersprache von Team bildenden Maßnahmen, die Nationaltrainer Michel Hidalgo damals den Seinen verordnetet hatte. „Die Meisterschaft war kurz vorher zu Ende. Wir hatten 50 Spiele in den Beinen und waren einfach platt“, sagt Lacombe. Also ließ Hidalgo seine Profis immer wieder spazieren gehen, ausgedehnte Märsche in der Höhenluft. „Wir haben viel geredet, nicht nur über Fußball“, sagt Lacombe. Es hat ein bisschen was von heiler Welt, wenn er von der „verschworenen Gemeinschaft“ und den elf Freunden spricht.

Platini traf während der EM neun Mal

Die Grande Nation war bis zu jener Europameisterschaft im eigenen Land noch ohne großen Titel, es war ein nationaler Makel. So hieß der Staatsauftrag EM-Sieg. 70 Millionen Euro hatte Frankreich in die EM investiert. „Wir wussten, was man von uns erwartet“, sagt Lacombe, „Alle wollten den Titel. Und dass wir das geschafft haben, lag an Font-Romeu und an Michel Platini.“ Der Star von Juventus Turin war der Dirigent des „Orchestre bleu“. Neun Mal traf Platini während der EM, gesäumt von Giresse, Tigana und Fernandez nannte Frankreichs Presse das Mittelfeld „die Achse des Guten“, sprach von „feinstem Offensivfußball“ und von den „Brasilianern Europas“. „Hätte Platini bei den Dänen oder den Spaniern gespielt, wären die vielleicht Europameister geworden und nicht wir“, sagt Lacombe.


Durch die Vorrunde marschierte Frankreich problemlos. Das Halbfinale gegen Portugal geriet zur Zitterpartie. Es ging in die Verlängerung, erst in der 119. Minute erlöste Platini die französische Seele. „Für ganz Frankreich hatten wir nach diesem Kraftakt den Titel schon sicher“. Wer sei schon Finalgegner Spanien, hieß es in der Presse. Doch die aufmüpfigen Spanier schalteten in der ersten Hälfte Frankreichs hochgelobte Offensive aus. „Es gab Pfiffe in der Pause“, erzählt Lacombe, „bei uns lief nicht viel zusammen. Unser Glück war, dass sie nichts aus ihren Chancen machten.“ Dann hielt Hidalgo seine Halbzeit-Ansprache. Er parlierte von den Pyrenäen, von Font-Romeu. Was folgte, ist Geschichte.

Hidalgo trat wenig später zurück

Spaniens Keeper ließ einen Platini-Freistoß durch seine Arme gleiten, kurz vor dem Abpfiff der Konter zum 2:0. Der Rest ergoss sich in Jubel und unzähligen Magnumflaschen Champagner. „Frankreich hat seine Komplexe besiegt“, schrieb die Presse. Lacombe spricht von Trance und Gänsehaut.


Es ist der letzte Abend, dass sich alle 1984er Europameister sahen. Hidalgo trat wenig später zurück. „Wir haben uns nie mehr in dieser Besetzung getroffen“, sagt Lacombe. Am 11. Juni nun hat Platini, mittlerweile Präsident der Uefa, das damalige Team nach Genf geladen, zum EM-Spiel zwischen Tschechien und Portugal. 24 Jahre später soll der Geist der Pyrenäen noch mal aufleben.

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