Die Chance steht im Tor, und es sieht fast so aus, als wäre es gerade die einzige. Wenn Kevin Poulin auf dem Eis ist, hält er, was zu halten ist, verhilft dem EHC Eisbären zu Siegen. Statistisch können die beiden Torhüter der Adler Mannheim da nicht einmal ansatzweise mithalten. Wenn die Berliner also das 128. Duell in diesem Klassiker, kein anderes Spiel gab es so oft in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), am Sonntag (16.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena) gewinnen wollen, dann führt der Weg nur über Poulin.

Das Problem ist aber, dass die Adler ihre kleine Schwäche zwischen den Pfosten hinter einer enormen Torausbeute verstecken – und ihre Spiele so meist trotzdem gewinnen. 33 Treffer haben sie bereits erzielt, die meisten in der Liga. Der Plan geht also auf, Mannheim meldet sich zurück. „Sie sind im Angriffsmodus“, sagt Stéphane Richer, der Sportliche Leiter der Eisbären.

Selbstverständnis der Adler litt

Richer kennt die Adler, spielte viele Jahre dort, gewann vier Titel mit ihnen. Die Ansprüche der Vergangenheit prägen immer auch die Gegenwart in diesem Klub. Die Adler wollen stets hoch hinaus, das ist ihr Selbstverständnis.

In den Vorjahren litt es stark, und wer genau hinschaut, erkennt bei den Kurpfälzern eine Entwicklung, die zeitverzögert wiederholt, was bei den Eisbären einst passierte. Die zwei höchstdekorierten Klubs der Liga, die Eisbären mit sieben und Mannheim mit sechs Meisterschaften, mussten einsehen, dass ihre Wege nicht mehr funktionieren, dass die Liga sich vor allem mit der neuen Konkurrenz aus München verändert hat, dass ein neues Denken dringend notwendig ist.

Umbruch ist als Beschreibung dessen, was die Adler mit dieser Einsicht taten, noch zu harmlos. „Sie haben von oben bis unten alles geändert“, sagt Richer. Vor etwas mehr als einem Jahr war er selbst Teil der neuen Ansätze, die in Berlin verfolgt wurden. Vier Jahre nach dem letzten Titel und einer katastrophalen Hauptrunde ließen sich die Eisbären von einem versöhnlichen Play-off nicht blenden, erhöhten den Etat, erweiterten den Trainerstab, holten wieder hochkarätigere Spieler. Noch einen Schritt weiter gingen die Adler in diesem Sommer – drei Jahre nach dem letzten Titel und einer furchtbaren Hauptrunde, die zwar noch mit einem passablen Play-off endete, die Schwachpunkte aber nicht mehr kaschieren konnte.

Größter Trainerstab der DEL

Als „alternativlos“ beschrieb Klubchef Daniel Hopp das, was folgte. Die komplette sportliche Führung wurde erneuert, ein Dutzend neuer Profis kam, einige Altverträge wurden aufgelöst. Die Liste des Organisationsteams rund um die Mannschaft ist nun so lang wie bei keinem anderen DEL-Klub. Zwei Torwarttrainer leisten sich die Adler, dazu drei Athletikcoaches. Der Etat (ca. 13 Millionen Euro) wurde in die Nähe des Münchners (etwa 13,5) aufgestockt. So radikal erfand sich noch kein Klub neu in der DEL-Historie.

Der Wandel brachte die Eisbären vergangene Saison wieder ins Finale, sie würden sich gern weiterentwickeln, straucheln dabei gerade etwas und müssen sehen, dass die Mannheimer den eigenen Plänen im Weg stehen könnten. „Wir sind geholt worden, um etwas zu gewinnen“, sagt Trainer Pavel Gross. Er ist der Dreh- und Angelpunkt der Bemühungen der Adler. Zehn Jahre wirkte Gross in Wolfsburg und formte dort mit bescheidenen Mitteln den konstantesten Klub der DEL, stand dreimal im Finale. Sein taktisches Geschick und seine Fähigkeit, Spieler in der täglichen Arbeit besser zu machen, sollen den Adlern neue Impulse verleihen.

Hoffnung liegt auf Trainer Gross

Pavel Gross kennt die Adler, spielte viele Jahre dort, gewann gemeinsam mit Richer drei Titel. Gut 20 Jahre ist das her, es war die größte Zeit der Mannheimer. Mit den positiven Einflüssen von Gross soll die spektakuläre Vergangenheit wieder zur Gegenwart werden. „Er hat vom Boden weg alles verändert“, sagt Nationalspieler Matthias Plachta, „es ist alles ein bisschen intensiver geworden, er ist sehr detailverliebt.“ Was sich bereits auf fast allen Ebenen auszahlt. Nur die Werte der Torhüter, die lassen die Kurpfälzer noch etwas unzufrieden zurück.