Eisbären Berlin

„Ich bin nicht der Boss, ich habe nur das letzte Wort“

Der neue Eisbären-Trainer Clément Jodoin über seine Arbeitsauffassung und Verbesserungsansätze bei den Berlinern.

Clément Jodion kann auch lächeln

Clément Jodion kann auch lächeln

Foto: imago sport / imago/Zink

Berlin.  Die riesige beschreibbare Wand ist derzeit das zentrale Element im Trainerzimmer im Wellblechpalast. Viele Felder sind darauf gemalt, nach und nach werden diese Felder mit Inhalten gefüllt. Clément Jodoin organisiert in diesen Tagen den kompletten Vorbereitungsmonat des EHC Eisbären auf die neue Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) durch. Der Kanadier, vergangene Spielzeit Assistent bei den Berlinern, übernahm den Chefposten von Uwe Krupp. Akribisch geht er den neuen Job an, nahm sich aber dennoch Zeit für ein Gespräch.

Herr Jodoin, dieses Jahr muss eine ganz schöne Umstellung für Sie darstellen. Seit 15 Jahren veranstalten Sie im Sommer quer durch Europa Lehrgänge. Dieses Jahr bleibt wohl keine Zeit dafür, oder?

Clément Jodoin : Mit der Unterschrift als Cheftrainer bei den Eisbären musste ich meinen Plan ändern. Anstatt mich irgendwo in Russland, Schweden oder Finnland herumzutreiben, konzentriere ich mich jetzt auf die neue Aufgabe hier in Berlin.

Sie gingen als Assistent in den Urlaub und kehrten jetzt als Cheftrainer zurück. Wie überrascht waren Sie über das Angebot?

Überrascht war ich darüber, dass Uwe sich entschieden hat, aufzuhören. Warum er das getan hat, ist seine Sache. Als sie mich fragten, ob ich Interesse hätte, habe ich gleich zugesagt, weil ich bereit bin für die Herausforderung. Es war doch ein sehr gutes Jahr für mich in der Saison davor. Man muss sich etwas umstellen, wenn man aus Nordamerika kommt, alles kennenlernen, die Spieler, die Spielweise der Liga. Das war ein guter Schritt, um nun den nächsten zu machen.

Alles mit einem Lächeln erledigen

Wie packen Sie die neue Aufgabe an?

Ich freue mich drauf. Ich mag die Stadt, die Organisation, die Spieler, die Liga. Für mich ändert sich ja nicht viel. Ich bin vor allem ich selbst. Einen Plan zu haben und diesen Plan umzusetzen, ist mir wichtig. Wenn Plan A nicht funktioniert, brauche ich Plan B. Wenn der auch nicht geht, dann eben Plan C. Wichtig ist aber auch, dass es allen Spaß machen muss, jeden Tag hierher zum Training zu kommen. Auch wenn es unser Job ist, wollen wir ihn doch mit einem Lächeln erledigen.

Sie haben in den vergangenen Jahren meist als Co-Trainer gearbeitet. Warum jetzt der Wechsel auf den Chefposten?

Über meine ganze Karriere habe ich immer wieder als Cheftrainer gearbeitet. In den letzten Jahren war ich als Co-Trainer in der NHL, und wenn du in dieser Liga bist, versuchst du, so lange wie möglich dort zu bleiben. Das war bei mir nicht anders. Als das Kapitel vorüber war, wollte ich etwas anderes probieren. Und jetzt hat sich eben diese Möglichkeit ergeben.

In der zurückliegenden Saison waren Sie ein wichtiger Teil des Erfolgs, der Vize-Meisterschaft. Wie kann es gelingen, diesen letzten, kleinen Schritt bis zum Titel noch zu gehen?

Was vergangenes Jahr war, das ist jetzt erst einmal vorbei. Wir können das natürlich nutzen, um etwas aufzubauen. Aber wir starten jetzt etwas Neues. Was dabei passiert, weiß ich nicht. Wir starten vielleicht mit zwei jungen Torhütern, da kann ich schlecht die Zukunft vorhersagen. Das mag ich auch nicht. Ich muss erst einmal sehen, welche Chemie sich entwickelt in der Mannschaft, welche Führungsstrukturen sich ergeben.

Hohe Ziele in Über- und Unterzahl

Aber da Sie die Probleme der Mannschaft aus der Vorsaison kennen, haben Sie gute Ansätze, um ein paar Dinge zu ändern. Nicht wahr?

Wir werden ein paar Anpassungen in ein paar Aspekten des Spiels vornehmen, etwa im Überzahlspiel. Darin möchte ich mindestens Dritter in der Liga sein, genauso im Unterzahlspiel. Das ist eine Herausforderung, an der wir arbeiten müssen. Dort können wir uns sehr verbessern. Aber andere Klubs wollen auch besser werden, die haben auch gute Trainer. Insofern müssen wir hier als Trainer noch etwas mehr bieten als die anderen Übungsleiter, wenn wir vor der Konkurrenz sein möchten. Was das sein kann, wollen wir herausfinden.

Tun Sie das bereits, wo Sie doch gerade in Berlin sind?

Der Zweck meines jetzigen Hierseins ist, die nächste Saison zu planen. Wir mussten uns zusammensetzen, es gibt einen neuen Trainer, einen neuen Assistenten. Wir müssen alles besprechen. Es geht darum, was wir den Spielern beibringen wollen, was unser Ansatz ist, was unser Plan ist und wohin wir wollen. Wir definieren die Rolle von jedem Spieler, das braucht Zeit. Die Saisonvorbereitung wird Tag für Tag durchgeplant. Es ist doch besser, überpräpariert zu sein, als zu wenig vorbereitet. Wir müssen die Spieler so vorbereiten, dass sie zu Saisonbeginn wissen, was sie zu tun haben mit und ohne Puck. Danach müssen wir sie motivieren, das auch zu zeigen.

Sie besitzen sehr viel Erfahrung, gehen aber ihren Beruf so detailversessen an wie ein ganz junger Trainer. Woher nehmen Sie diesen Elan?

Ich will einfach professionell sein. Ich bin 66 Jahre alt und will immer noch besser werden. Ich bin 66 Jahre alt und will immer noch lernen. Ich bin 66 Jahre alt und schaue ganz genau hin, was die Trainer aus Los Angeles hier gerade in unserem Nachwuchscamp unterrichten. Denn als Trainer musst du deine Werkzeugkiste immer wieder füllen. Damit du immer eine Lösung findest. Unser Job ist es nun mal, immer eine Lösung zu finden. Wir müssen den Spielern die richtigen Werkzeuge mitgeben, damit sie auf dem Eis die richtigen Entscheidungen treffen. Ich bin dabei nicht der Boss der Spieler, ich arbeite mit ihnen zusammen. Das Einzige, was ich habe, ist das letzte Wort.

Zu Hause noch einmal Kraft tanken

Wie lange wollen Sie das denn haben? Ihr Vertrag gilt erst einmal nur eine Saison.

Ich habe zu Sportdirektor Stéphane Richer gesagt, dass ich nicht drei, vier oder fünf Jahre Vertrag haben möchte. ‚Gib mir ein Jahr, wenn du mich danach noch magst, gib mir noch eins. Wenn nicht, hol’ dir einen anderen.‘ Das habe ich ihm gesagt. Das ist die Natur des Geschäfts. Ich will keinen Druck auf jemanden ausüben. Ich sorge mich nicht um die Zukunft, ich will nur meinen Job erledigen.

Was haben Sie noch vor bis zum Trainingsstart Ende Juli, wenn Sie jetzt schon alles so genau planen?

Ich fliege am Donnerstag zurück nach Kanada und setze da noch mal zum Feinschliff an den Plänen an. An Regentagen gehe ich in die Bibliothek zum Arbeiten, an sonnigen Tagen unternehme ich etwas mit meiner Frau. Wir leben nahe Montreal, in einer kleinen Stadt an einem See. Da habe ich auch die Erholung, die ich brauche. Ich fahre viel Fahrrad. Aber in meinem Kopf kreist trotzdem immer vieles um Eishockey und das, was wir vorhaben.

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