Die Tabelle sieht verlockend aus. Mit jedem Spieltag der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mehr und mehr. Manche Beobachter denken bereits in Titeldimensionen. Wenigstens die Qualifikation für die Champions Hockey League darf nun aber wirklich zu einem Thema werden beim EHC Eisbären. Erster ist der Rekordmeister zur Hälfte der Hauptrunde, hat mit dem 3:1 in Iserlohn den Vorsprung sogar ausgebaut. Nach der schwächsten Punkterunde seit fast 20 Jahren in der Vorsaison erleben die Berliner eine märchenhafte Wiederauferstehung.

Mit so abschweifenden Dingen beschäftigt sich Clément Jodoin nicht. Selbst für die naheliegenden fehlt ihm der Sinn. „Ich gucke nicht auf den ersten Platz, sondern darauf, wie wir spielen, wie wir Herausforderungen annehmen, wie wir reagieren bei Widerständen“, sagt der Kanadier. Sich nicht mit der Tabelle zu beschäftigen, gehört zu den beliebten Phrasen im Sport. Jodoin darf man getrost glauben. Sein Chef erzählt, dass ihn nicht einmal Siege aus seinem Arbeitseifer reißen würden. „Er schaut immer nur, was wir besser machen können“, sagt Peter John Lee, der Geschäftsführer des EHC. Genau deshalb ist er so froh, Jodoin als Co-Trainer gewonnen zu haben.

Ein Mann mit 15 Jahren Erfahrung in der NHL

Viel wurde im Sommer verändert bei den Berlinern, der Investitionsstau war schließlich enorm. Doch so weitsichtig sich die Spielertransfers gerade erweisen, so bedeutsam stellt sich auch die strukturelle Neuordnung heraus. Aus nur einem Assistenten in der Vorsaison wurden drei. „Das ist schon ein dramatischer Unterschied“, sagt Cheftrainer Uwe Krupp. Jedoch nicht allein die schiere Anzahl erleichtert Krupp die Arbeit. Jodoin nimmt mit seiner Erfahrung eine Schlüsselrolle beim EHC ein.

In der besten Liga der Welt, der NHL, vermittelte er 15 Jahre lang – meist in Montreal – sein Wissen, war für Spielerentwicklung zuständig oder für Videoanalyse und Scouting. Im Hintergrund fühlte er sich auf höchster Ebene immer am wohlsten. Nur selten übernahm er mal den Chefposten in unteren Ligen. Im Nachwuchs tat er es dagegen öfter. Die direkte Arbeit an den Fähigkeiten der Spieler, die in hohen Ligen nicht in das Ressort der Cheftrainer fällt, liegt ihm besonders.

Ein starker Co macht den Chef froh

Weil ihm das zuletzt in Montreal nicht mehr möglich war, suchte er ein neues Umfeld und fand es in Berlin. „Er gibt dir andere Perspektiven für gewisse Situationen“, sagt Stürmer Marcel Noebels. Im Training der Berliner redet Jodoin viel mit den Spielern. Alle profitieren von seinem umfassenden NHL-Hintergrund. Das hilft ihnen, sich zu steigern. „Wir setzen alles besser um. Wir machen nicht viel anders als vergangene Saison, aber wir spielen es besser“, sagt Noebels.

Nicht nur die Spieler schwärmen von Jodoin, der für „frischen Wind“ (Noebels) gesorgt hat. „Als Cheftrainer hast du immer viel zu tun in einem Spiel. Da ist es gut, wenn einer auf der Bank ist, der nur das Spiel schaut und sagen kann: Das ist unser Problem, das könnte die Lösung ein“, erzählt Lee. Krupp selbst schätzt das Wirken seines neuen Assistenten. Mit starken Co-Trainern gelang es dem Motivator Krupp meist, das Beste aus seinen Teams herauszuholen. „Die Mannschaft bekommt mehr Input, mehr Informationen. Wir haben mehr Fakten aus den Spielen“, sagt der Chef, der selbst findet, dass gute Assistenten ihn besser machen. Intern soll er Clément Jodoin sogar als den besten Assistenten bezeichnet haben, den er je hatte. In jedem Fall stand nie jemand mit mehr Expertise an seiner Seite.

Glücklich bei den Eisbären

Doch selbst so jemand kann in der DEL noch Neues entdecken. „Das ist ein anderes Spiel hier, es geht mehr um Puckkontrolle auf den größeren Eisflächen und ist weniger körperlich als in Nordamerika“, erzählt Jodoin, der Europa seit 15 Jahren im Sommer bereist und in vielen Ländern als Berater sowie Gasttrainer unterwegs war. Die Aufgabe hier bietet ihm die Chance, mehr Dinge auszuprobieren: „Du kannst an den Fertigkeiten der Spieler arbeiten, du kannst planen und organisieren.“ In der NHL fehlt diese Möglichkeit wegen der vielen Spiele.

Noch mehr im Mittelpunkt steht für den Kanadier allerdings das gemeinsame Wirken im Trainerteam bei den Eisbären, die am Sonntag den ERC Ingolstadt empfangen (14 Uhr, Mercedes-Benz Arena). „Wir teilen unsere Erfahrungen. Das ist das Wichtigste. Du kannst hier alles sagen, was du denkst, es fließt alles ein. Keiner ist größer oder besser als der andere“, sagt Jodoin. Er sagt es so enthusiastisch, als wäre er ein Neuling, der an der Seite eines großen Trainers lernen darf. „Für mich ist das hier keine Arbeit. Ich genieße es, jeden Morgen in die Halle zu kommen, im Büro zu sein, Video zu schauen. Ich bin glücklich hier.“ Die Tabellenposition des EHC ist nur ein Nebeneffekt dessen.