Meteorologisch fängt der Sommer hoffentlich erst noch richtig an, beim EHC Eisbären ist aber fast schon wieder vorbei. Die ersten Spieler lassen sich medizinisch bereits durchchecken, auch die Fitnesstests haben bereits begonnen. Nach und nach trudeln die Profis ein, in zwei Wochen stehen alle erstmals gemeinsam mit Trainer Uwe Krupp auf dem Eis und starten in die Vorbereitung auf die neue Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).
Hoffentlich ist Krupp gut darin, sich Gesichter zu merken. Bislang spielte diese Fähigkeit bei den Eisbären keine große Rolle, es blieb ohnehin meist alles gleich. Dieser EHC-Sommer aber war verrückt, beim Mitzählen der Transfers konnte einem schwindelig werden. Für Eisbären-Verhältnisse zumindest. „Das war mehr als normal, nicht nur ein Aufbau, sondern ein Umbau“, sagt Geschäftsführer Peter John Lee. Er wirkt zufrieden, vor allem aber scheint ziemlich aufgeregt zu sein, diese wirklich neue Mannschaft endlich in Aktion zu sehen.
Sieben Neue, neun Abgänge
Um im Gewirr der Wechsel nicht den Überblick zu verlieren, hier noch einmal eine kleine Gedächtnisstütze: Danny Richmond, Blake Parlett, Mark Olver, Martin Buchwieser, Thomas Oppenheimer, Sean Backman und James Sheppard heißen die neuen Spieler. Sieben sind es. Gehen mussten neun (Darin Olver, Tallackson, Laurin Braun, Gervais, Roach, Machacek, Wilson, Linglet, Talbot). Mittelstürmer Sheppard wurde erst am Freitag verpflichtet, ein Mann mit ordentlicher Vita, der Erfahrung von über 400 Spielen in der NHL. Das verspricht Qualität.
Überhaupt wirken die Wechsel sehr bedacht. Vergangene Saison wurde ein Problem auf der rechten Angriffsseite ausgemacht, mit Backman und Oppenheimer stellen sich die Eisbären hier deutlich besser auf. Auch die Mittelstürmerpositionen wertete der EHC mit Sheppard und Olver auf. In der Abwehr steigt mit Parlett und Richmond die Gefahr von der Blauen Linie. Buchwieser ist eine Angriffsoption in der Mitte und rechts.
Das Team wurde verjüngt
Doch die Transfers weisen noch eine andere Ebene auf. „Wir hatten viele Junge und viele ältere Spieler, dazwischen gab es wenig“, sagt Lee. Die Zugänge sind allesamt erfahren, aber noch im besten Alter, drei 28, zwei 29, einer jeweils 31, einer 32 Jahre alt. Abgegeben wurden dafür sechs Spieler im Alter von 32 Jahren und mehr. „Die Struktur in der Mannschaft hat sich verändert“, so Lee. Deutlich zum Vorteil der Berliner. Dem Anspruch, ein schnelleres Spiel anzustreben, kommt das entgegen.
Die Aktivitäten der Eisbären belegen, dass Klub-Besitzer Anschutz gewillt ist, die Mannschaft aus dem Mittelmaß herauszuführen und wieder zu einem Titelanwärter zu machen. Ohne das beziffern zu wollen, sagt Lee, dass so ein Sommer „mehr kostet als bisher“. Das EHC-Budget (ca. 11 Millionen Euro) ist nicht mehr auf Sparen getrimmt.
Positiver Einfluss der Kings
Positiv wirkt sich hier aus, dass Anschutz nicht mehr zwei Klubs in der DEL finanziert, sondern nach der Lizenz-Rückgabe der Hamburg Freezers im vergangenen Jahr nur noch einen Verein. Der erhält dadurch mehr Spielraum, profitiert aber ebenso von einer anderen Mentalität, die mit der Installierung der Los Angeles Kings als Kontrollorgan einhergegangen ist. Die Anschutz Entertainment Group hat die unternehmerische Aufsicht über die Eisbären an ihren NHL-Klub übertragen.
„Dort sitzen Sportler, die verstehen besser, welche Entscheidungen getroffen werden müssen als Wirtschaftsexperten“, erzählt Lee. Dass Barry Tallackson und Kyle Wilson mit jeweils noch einem Jahr Vertragslaufzeit ein zu großer Ballast für den Umbau der Mannschaft gewesen wären, konnte der Geschäftsführer plausibel erklären. Erstmals seit vielen Jahren durften Verträge aufgelöst werden, was natürlich nicht ohne Kostenaufwand geht.
Mehr Druck auf Krupp
Ebenfalls ein finanzieller Faktor ist die Trainerebene. Krupp erhält nun zwei Assistenten, neben Clement Jodoin wird Steffen Ziesche aus dem Nachwuchs abgezogen und den Chef unterstützen. Für Ziesche übernimmt Lees Sohn Chris, der schon Cheftrainer in der DEL2 war, das DNL-Team. Sogar ein Fitnesstrainer aus Los Angeles kommt zum EHC. „Uwe bekommt von uns viel Unterstützung, um die Mannschaft optimal vorbereiten zu können“, sagt Sportdirektor Stephane Richer, dessen Arbeitsnachweise in seinem ersten Sommer mit den Eisbären positiv ausfallen. „Er bringt frischen Wind und neue Ideen“, so Lee.
Richers Hinweis auf die gestiegenen Bemühungen, Krupp eine perfekte Basis zu bieten, klingt auch deutlich danach, als würde sich der Trainer nicht nur an viele neue Gesichter gewöhnen müssen, sondern auch an deutlich gestiegenen Erwartungen. „Entschuldigungen gibt es jetzt für uns alle keine mehr“, sagt Lee. Der träge Geist der vielen Titel sollte zu einem guten Stück vertrieben sein, die Profis dürften spüren, dass der Klub kein Alibi-Eishockey mehr duldet, sondern bedingungsloses Engagement erwartet. Die Eisbären wollen nicht mehr nur spielen, sie wollen wieder beißen. „Wir wollen versuchen, um die Meisterschaft zu kämpfen“, sagt Lee. Er kann es kaum erwarten, den Kampf aufzunehmen.


