Eishockey

Die getrennten Zwillinge der Eisbären

Erstmals seit sie sich kennen, spielen die Eisbären-Stürmer Olver und Tallackson nicht in einer Sturmreihe. Mit verschiedenen Folgen.

Barry Tallackson (l.) wurde an der Seite von Darin Olver durch Nicholas Petersen (M.) ersetzt

Barry Tallackson (l.) wurde an der Seite von Darin Olver durch Nicholas Petersen (M.) ersetzt

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Manchmal kommen die Eisbären ihren Fans noch viel näher als in der Mercedes-Benz Arena. Dort können die Anhänger nur zusehen, beim Fan-Stammtisch aber dürfen sie mitreden, Fragen stellen, sich Erklärungen abholen. Gerade am Mittwoch fand im Fan-Heim unter der Warschauer Brücke wieder so ein Stammtisch statt. Viele besorgte Sympathisanten, aber auch ein paar empörte, wollten von Trainer Uwe Krupp wissen, was eigentlich mit Barry Tallackson los sei.

Logisch, dass Krupp um so ein Thema nicht umhinkommt. Tallackson, ein Kerl wie ein Baum, gehört zur Kategorie der Top-Stürmer, seit er in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) spielt. In dieser Saison aber erweckt er oft Mitleid, weil ihm nichts gelingen will. „Barry hat gerade gar kein Selbstvertrauen“, teilte der Trainer dem Publikum in den Fan-Containern vor dem Spiel an diesem Freitag gegen Wolfsburg mit (19.30 Uhr). Vielleicht ist Krupp daran selbst schuld.

Als Doppelpack aus Augsburg

Seit Tallackson (33) nämlich 2010 in die DEL kam, spielte er an der Seite von Darin Olver (31). Erst in Augsburg, ab 2011 in Berlin. Im Doppelpack waren sie geholt worden, weil sie wie Zwillinge auf dem Eis wirkten. Krupp hat sie getrennt, zum ersten Mal, seit die Profis sich kennen.

Für beide zeitigte das sehr unterschiedliche Folgen. Olver reüssiert als Top-Scorer der Liga mit zwölf Toren und 15 Vorlagen. „Ich bin glücklich mit meinem Spiel, für unsere Reihe läuft es gut“, erzählt er. Tallackson kommt zur Hälfte der Hauptrunde auf zwei mickrige Treffer – sieben Vorlagen können die Bilanz nicht schönen. Er sagt: „So einen Einbruch erleben viele mal in ihrer Karriere. Ich hatte das noch nie.“

Der riesige Stürmer wirkt gefasst, hat sich mit dem Frust arrangiert, er kämpft dagegen an: „Ich arbeite jeden Tag daran, besser zu werden.“ Wenn Olver ihm dabei zuschaut, fühlt er Schmerz. Die beiden sind nicht nur Profis, die auf dem Eis eins waren. Sie sind über die Jahre die besten Freunde geworden, verbringen sehr viel Zeit miteinander. „Barry hat gerade zu kämpfen. Ich weiß, dass die Medien hinter ihm her sind. Das gefällt mir nicht. Das tut mir weh“, sagt Olver – mit brüchiger Stimme, mit traurigen Augen.

Für die Freunde ist es schwer

Irgendeinem der beiden zu schaden, war natürlich nicht Krupps Idee hinter dem Wechsel. „Wir wollten mal etwas ausprobieren“, so die Erklärung. Simpel, aber einleuchtend. In der Vorsaison führten Olver, der Spielmacher, und Tallackson, der Schütze, die Scorerliste des EHC an, wie meistens eigentlich. Mit Marcel Noebels spielten sie in einer Reihe, der auch drittbester Punktesammler war. „Das hat richtig geklickt“, so Olver. Im Play-off allerdings war die Top-Reihe ein Ausfall. Als es um Alles ging, schienen die beiden Stars in ihrem Spiel zu erwartbar für die Gegner. Sie wurden ausgeschaltet, der EHC scheiterte im Viertelfinale.

Mit der Verpflichtung von Nicholas Petersen bot sich Krupp eine neue Option, mit der letztlich das Gefüge in der Offensive verschoben wurde. Der Kanadier zählt seit Jahren zu den besten Stürmern der DEL, Krupp steckte ihn zu Olver. Zunächst mit Daniel Fischbuch, jetzt mit Florian Busch als drittem Mann. „Petersen spielt sehr gut“, sagt Olver. Der Neue ist auf dem Eis immer für eine Überraschung gut, hat unglaublichen Zug zum Tor. Mit Petersen, zweitbester Scorer der Liga mit 25 Punkten, steigerte sich auch Olver noch einmal.

Allein das macht ihn aber nicht glücklich: „Sechs Jahre sind eine lange Zeit im Profisport. Das ist jetzt einfach eine fremde Situation für mich. Barry und ich waren es gewohnt, gemeinsam zu jubeln. Ich kann es gar nicht richtig genießen, selbst erfolgreich zu sein, wenn ich ihn in Schwie­­rig- ­­keiten sehe“, erzählt Olver. Tallackson bekam mit Kyle Wilson einen Mittelstürmer und Puckverteiler an die Seite, der ganz neu in der DEL ist und sich selbst erst eingewöhnen musste. André Rankel als dritter Reihenkollege ist mehr Vollstrecker wie Tallackson und weniger Passgeber.

Tallackson trifft kaum noch

Tallacksons Kombination trug herausforderndere Züge, was sich bei ihm und Wilson auch daran ablesen lässt, dass beide bei den meisten Gegentoren mit auf dem Eis stehen. „Wir mussten uns aufeinander einstellen“, sagt der Angreifer, dem Noebels als möglicher Partner wegen eines Kreuzbandrisses ausgefallen ist. Viele Verletzungen sind ohnehin ein Grund dafür, warum die angestrebte größere Ausgeglichenheit zwischen den Sturmreihen, die mit der Trennung von Olver und Tallackson einhergehen sollte, noch nicht eintreten konnte.

Tallackson beklagt sich nicht. In seinem Vertrag, der im Sommer um zwei Jahre verlängert worden ist, steht keine Garantie auf Olver als Nebenmann. „Ich muss tun, was das Team besser macht. Damit bestreite ich meinen Lebensunterhalt“, erzählt Tallackson. Die Chemie mit Olver vermisst er trotzdem: „Nach so langer Zeit kannst du den anderen lesen. Wir wussten immer genau, was der andere vorhat.“

Ein Thema zwischen beiden sei die Situation aber nur selten, obwohl sie abseits des Eises ständig in Kontakt sind. „Wir versuchen da aber, den Kopf nicht beim Eishockey zu lassen“, so Tallackson, an dem viele Fans herumnörgeln, er spiele oft unmotiviert. So ein Eindruck kann sich schnell ergeben, wenn es nicht gut läuft. „Ich denke aber, dass unsere Reihe zuletzt ein ganzes Stück besser geworden ist“, sagt Barry Tallackson. Spielraum nach oben ist dennoch reichlich vorhanden.

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