Eishockey

Eisbär Laurin Braun entwickelt sich zum Torjäger

Der 21-Jährige avanciert bei den Berlinern zum Torschützen. Aktuell ist er mit sechs Treffern der beste Angreifer. Und das trotz der NHL-Stars.

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / ZB

Die Kruste am Kinn ist noch frisch, durchkreuzt hier und da von ein paar Fäden. So sehen Männer aus, die hart im Nehmen sind. Keine 20 Stunden sind vergangen, seit Laurin Braun ein Schläger im Gesicht traf und für eine klaffende Wunde sorgte. Nun steht er wieder auf dem Eis und trainiert. „Vier Stiche, halb so schlimm“, sagt Braun. Eishockeyprofis betrachten solche Überbleibsel gern wie eine Trophäe, und Trophäen muss man herzeigen.

Aus dem Spiel bei den Hannover Scorpions, aus dem der Stürmer das Andenken mitbrachte, blieb für ihn aber mehr als nur eine Narbe. Braun erzielte das Siegtor in der Verlängerung (4:3), bereitete zwei weitere Treffer vor, der 21-Jährige war der beste Mann am Mittwochabend. Obwohl beim EHC die NHL-Stars Claude Giroux und Daniel Briere auf dem Eis standen.

Nahtlos eingefügt

Ein ganz neues Gefühl ist es nicht mehr für den Angreifer, aus der Masse herauszustechen. Das merkt man ihm auch an, Braun gibt sich recht lässig, wenn er über das spricht, was hinter ihm liegt. Er wirkt nicht scheu oder verlegen, sondern eher überzeugt von sich. „Ich kann mich nicht beschweren, es läuft gut“, sagt er. Vor der Partie in Hannover hatte er einige Zeit pausieren müssen wegen einer Bauchmuskelzerrung, als er zurückkam, war es, als wäre er nie weg gewesen. Ein nahtloser Anschluss, ohne Probleme, sich wieder einzufügen.

Das zeigt die Qualität des kleinen Bruders, es zeigt auch, dass er mal genauso wichtig werden kann wie der große Bruder Constantin. Der ist drei Jahre älter und bei den Eisbären in der Defensive ein großer Faktor. Der Jüngere wird dies mehr und mehr in der Offensive, aktuell ist er mit sechs Treffern (in zwölf Spielen) der beste Angreifer des EHC. Er schiebt das auf die Erfahrung. „Ich bin jetzt ruhiger vor dem Tor, nach drei Jahren wird das ja auch Zeit“, sagt Braun. Zwar kam er nie sonderlich aufgeregt rüber, „aber ich habe mir vergangenes Jahr noch zu viele Gedanken gemacht“. Das ist nun vorbei – und Braun effektiver als je zuvor.

Vergangene Saison brauchte er noch 47 Hauptrunden-Partien für neun Treffer. Es war ein wichtiges Jahr für den gebürtigen Lampertheimer, an der Seite von Sven Felski schaffte er den Durchbruch bei den Berlinern, er lernte viel, vom Spiel und davon, sich zu behaupten. Das war ihm zuvor nicht immer gelungen. Als in Berlin der Kader zu voll war, sollte er vor gut drei Jahren in Dresden in der Zweiten Liga Praxis sammeln, doch er bekam kein Vertrauen und kaum Einsätze. Es war keine glückliche Zeit, aber „sie hat meinen Charakter geprägt“, sagt Braun. Die Zeit in Dresden hat ihn hart gemacht.

Keine schlechte Voraussetzung im Profigeschäft, nicht nur wegen der Schläger, die ab und zu im Gesicht landen. Braun kam zurück nach Berlin und biss sich durch. Er hörte zu, wenn andere wie sein Bruder, der ja auch alles durchmachen musste, etwas zu sagen hatten. Er muckte nicht auf, wenn er wenig spielte, sondern arbeitete im Training einfach noch mehr. Das hat ihm Respekt seitens der sportlichen Leitung eingebracht. Wenn andere schon längst in der Kabine sind, übt Braun noch immer fleißig. Seit Jahren macht er das so, es lohnt sich, wie man sieht.

Für Trainer Don Jackson ist er inzwischen zu einer Allzweckwaffe geworden. Weil Braun so viel Elan hat, so viel Energie, dass er sich ständig bewegen muss, ist er ein permanenter Unruhestifter in der gegnerischen Abwehr. Dabei ist er so schnell und wendig, dass er den Kontrahenten oft entkommt oder sie mit der ebenfalls vorhandenen Hartnäckigkeit im Zweikampf zermürbt und sich dadurch viele Chancen erarbeitet. Mit der neuen Ruhe vor dem Tor gelang ihm ein weiterer Schritt nach vorn.

Trainer verlangt mehr

Der wurde auch erwartet. Felski und die anderen alten Spieler sind verrentet, auf Jungprofis wie Braun kommt es nun mehr an. „Man spürt, dass der Trainer mehr verlangt“, sagt Braun. Nur anfangs entstand der Eindruck, die Hochstufung in die neue Rolle könnte zu früh kommen und die Aufgabe zu groß sein. Da taumelte die ganze Mannschaft etwas orientierungslos über das Eis und fing sich viele Niederlagen ein.

Mit der neuen Herausforderung kann sich Braun anfreunden. Er versuche natürlich, Verantwortung zu übernehmen. Er setzt sich damit aber auch nicht zu sehr unter Druck. „Wenn es nicht geht, sind andere da, die das machen können“. Spieler wie Kapitän André Rankel, jetzt 27 Jahre alt, mussten in seinem Alter auch keine Führungsspieler sein.

Doch den Eifer, etwas zu zeigen, gerade jetzt, den hat er trotzdem. Mitschuld daran tragen Briere und Giroux, die beiden Stars. „Mit ihnen steigt einfach der Ehrgeiz, sie helfen uns und geben einen großen Anreiz, es besser zu machen“, sagt Laurin Braun, der am Freitag mit den Eisbären in Wolfsburg beim Tabellenletzten gastiert. Seine Entwicklung, die ohnehin sehr gut verläuft, kann das nur beschleunigen. Wenn es denn wirklich so eintrifft, dann sind solche Spiele wie das in Hannover, wo vieles nur mäßig lief bei den Berlinern, sportlich bald nicht einmal mehr als eine blasse Erinnerung für den Stürmer. Die genähte Wunde aber, die bleibt eine sichtbare Trophäe.