Niemand kennt dieses Gefühl besser als die Spieler des EHC Eisbären. Wie es ist, wenn mit der Schlusssirene des letzten Spiels der Saison die Handschuhe fallen, die Schläger durch die Luft fliegen, die Helme aufs Eis krachen.
Der Klub hat die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) über Jahre dominiert und zuletzt in kurzer Zeit fast ein halbes Dutzend Meisterschaften gesammelt. Der Rest der Liga konnte nur staunend zuschauen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Berliner durch die DEL rauschten.
Die gibt es nun nicht mehr, dazu ist mit den Adlern Mannheim ein zu starker Konkurrent erwachsen. Aber einer, der noch kontrolliert werden kann. Die Adler hatten die große Chance, den Titel zu gewinnen, in eigener Halle. Doch die Eisbären verhinderten, dass nun bei den Adlern die Helme, Stöcke und Handschuhe fielen. Sie siegten im vierten Spiel der Serie mit 6:5 (1:2, 1:1, 2:3, 1:0) nach Verlängerung.
Damit gibt es nun also ein fünftes Spiel am Dienstag in Berlin, in dem endgültig der Meister des Jahres 2012 ausgespielt wird (19.30 Uhr, O2 World, Sky live). Dass die Eisbären dieses erreichen würden, danach hatte es zwischenzeitlich nicht ausgesehen. Doch die Berliner zeigten eine grandiose Leistung, kämpften sich nach einem 2:5-Rückstand in der 46. Minute noch einmal zurück und entschieden das Spiel in der Verlängerung für sich. Es war ein Spiel, in dem lange alles irgendwie gegen sie lief, in dem das Glück auf Seiten der Adler zu sein schien.
Das war von Beginn an so in diesem vierten Spiel. Während sich die Berliner noch sortierten, kurvte Christoph Ullmann schon fröhlich um die Verteidiger herum und ließ auch noch Rob Zepp aussteigen: Nach nur 42 Sekunden lagen die Eisbären bereits zurück. Keine schöne Ausgangslage, um ein fünftes Spiel zu erzwingen. Aber auch keine unmögliche, wie die Berliner zeigten. Sie sammelten sich und spielten mit großem Willen nach vorn. Das mündete in einigen guten Gelegenheiten, von denen Jim Sharrow eine zum Ausgleich nutzte (7.).
Mal wieder fehlt den Eisbären das Glück
Doch auch in dieser Partie war es wie so oft in der Serie, den Eisbären fehlte jetzt ein wenig Fortune. Spielerisch unterscheiden sich beide Mannschaften nur wenig, die Berliner sind läuferisch stärker, Mannheim besitzt Vorteile in der Physis.
Es schien, als treffe dies auch auf die Psyche zu, denn sie wichen nie von ihrem System ab und legten gerade in der Defensivarbeit eine große mentale Stärke an den Tag, die beeindruckte. Sie produzierten über weite Strecken kaum Fehler, aus denen die Eisbären irgendein Kapital schlagen konnten. Und vor dem Tor der Berliner lief es ein bisschen wie von selbst für die Adler.
Während sich die Eisbären jeden Treffer extrem hart erkämpfen mussten, schoss Chris Lee einfach in Richtung des EHC-Tores und hätte es deutlich verfehlt. Doch Adam Mitchell fälschte den Schuss etwa einen Meter neben dem Tor stehend so ab, dass es plötzlich 2:1 für die Adler stand (12.). In Unterzahl versuchte dann Sharrow, einen Pass von Ullmann abzulenken, traf dabei aber ins eigene Tor – 1:3 aus Sicht der Berliner (32.).
Doch der Wille der Eisbären war damit nicht gebrochen. Das ist das Besondere am Team von Trainer Don Jackson, denn es hatte in einer Hinsicht deutliche Nachteile gegenüber den Adlern. Den Eisbären fehlten in Denis Pederson, Andre Rankel und Stefan Ustorf drei wichtige Profis, solche, die vorangehen, wenn es eng wird. So einen Verlust zu kompensieren, ist ohnehin schwer gegen einen Kontrahenten, der sogar überzählige Profis hat, umso mehr. Letztlich lag zwar zu viel Verantwortung auf zu wenigen Schultern, dennoch waren sie ein harter Gegner für die Adler und kamen durch Mads Christensen auf 2:3 heran (39.).
Entscheidung in der Verlängerung
Selbst als es nach schnellen Treffern von Ken Magowan (44.) und Craig MacDonald (46.) bereits 2:5 stand, steckten die Eisbären nicht zurück. Mit dem Mut der Verzweiflung bedrängten sie die Adler und kamen durch Sharrow (46.) und Barry Tallackson (48./in Überzahl) auf 4:5 heran.
Dieses aufopferungsvolle Spiel der Berliner verlieh dem finalen Auftritt in dieser Saison einen würdigen Rahmen. Sogar einen denkwürdigen, denn die Eisbären, die fast geschlagen schienen, schlugen zurück. Tyson Mulock traf zum 5:5 (54.) und brachte die Eisbären damit in die ein paar Minuten zuvor kaum für möglich gehaltene Verlängerung.
Den Berlinern war es gelungen, die Adler erstmals zu verunsichern, nun begingen auch sie Fehler, das ermöglichte den Ausgleich. Davon erholten sich die Mannheimer auch nicht mehr, die Eisbären hingegen hatten neuen Schwung und viel Selbstbewusstsein. So gingen sie in diese Verlängerung, die Travis Mulock in der 64. Minute entschied und den Eisbären ein finales Spiel in Berlin verschaffte.





