Interview mit Kaweh Niroomand

Kaweh Niroomand: „Der Sport braucht Augenmaß“

Kaweh Niroomand sieht Verbesserungsbedarf beim Hilfspaket für den Sport. Er mahnt aber auch zu Augenmaß bei den Forderungen.

Kaweh Niroomand kämpft für den Sport, warnt aber auch davor, ihn zu überhöhen.

Kaweh Niroomand kämpft für den Sport, warnt aber auch davor, ihn zu überhöhen.

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin. Geisterspiele, Zukunftssorgen, Überlebenskampf – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen verschärft die zweite Corona-Welle auch im Sport die Probleme. Kaweh Niroomand (67) wünscht sich eine Ausdehnung des Hilfspakets der Bundesregierung über das Jahr 2020 hinaus. Bei allen Forderungen spricht sich der Manager der BR Volleys und Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) aber auch für ein Augenmaß des Sports aus. Und er warnt davor, sich vor den falschen Karren spannen zu lassen.

Berliner Morgenpost: Herr Niroomand, haben die BR Volleys schon Geld bekommen aus dem Hilfsfonds der Bundesregierung für den Sport?

Kaweh Niroomand: Nein, aber wir haben unseren Antrag fristgerecht eingereicht und erhoffen uns eine sechsstellige Summe.

Das Paket wird nicht besonders gut angenommen. 200 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Es wurden bis zum Stichtag Ende Oktober aber nur Anträge über insgesamt 66 Millionen gestellt. Sollte die Politik aus Ihrer Sicht nachjustieren?

Ich bin sicher, dass das geschehen wird. Zum einen hoffe ich, dass das Paket ausgedehnt wird auf 2021. Sowohl der DOSB als auch Mitglieder des Sportausschusses des Bundestages machen sich sehr stark dafür. Die 200 Millionen werden ja bei Weitem nicht ausgeschöpft. Dann war anfangs nur von Ausgleich für wegfallende Zuschauereinnahmen die Rede. Das ist eine wichtige Hilfe. Einen Posten sollte man aber unbedingt nachträglich noch schaffen zur Deckung der Hygienekosten.

Wie hoch sind zum Beispiel die Kosten, die Ihnen bei den BR Volleys entstehen?

Allein rund 50.000 Euro für die Corona-Tests, die wir machen müssen. Dann kommt über die Saison hinweg noch ein guter sechsstelliger Betrag für die Hygiene- und Sicherheitskosten hinzu, je nachdem, wie viele Spiele wir mit Zuschauern bestreiten dürfen. Das ist ein erheblicher Betrag, der auch die Vereine trifft, die über entgangene Zuschauereinnahmen nicht so viel Unterstützung beantragen können. Weil zu ihnen einfach nicht so viele Leute kommen. Die Kosten haben sie trotzdem. Das sollte man nachjustieren. Als das Hilfspaket geschaffen wurde, war ja von Hygienekosten noch gar nicht die Rede.

Es ist immer wieder zu hören, es sei für die Vereine zu kompliziert, die Anträge zu stellen.

Ich glaube schon, dass die Politik dem Sport ernsthaft helfen will. Aber wenn Sie die Richtlinien der Antragstellung lesen, stellen Sie fest: Das ist schon ziemlich kompliziert und gebunden an verschiedene Bedingungen. Ich nenne zwei. Wenn man etwa andere Unterstützungsmaßnahmen des Staates bekommen hat – zum Beispiel wurden zu Beginn der Pandemie staatliche Kredite beantragt –, darf man keinen Antrag mehr stellen. Noch schwieriger ist das Thema Subsidiarität. Das heißt im Fall eines Gesamtvereins wie dem SC Charlottenburg, der noch der Lizenznehmer für die Profiabteilung der BR Volleys ist, dass erst alle Abteilungen des SCC unsere Zuschauerrückgänge ausgleichen müssten. Nur wenn das alles nicht reicht, darf ich einen Antrag stellen.

Wie würden Sie das Hilfspaket aufstellen?

Man muss schauen: Wo drückt der Schuh bei den Vereinen? Auf der einen Seite haben sie erhöhte Ausgaben, Stichwort Hygienemaßnahmen. Also wäre mein Punkt eins: Eure Kosten in diesem Bereich werden zu einem Prozentsatz X ausgeglichen. Punkt zwei: Es gibt Einbußen bei den Zuschauer- und bei den Sponsoring-Einnahmen. Mit den Sponsoren müssen wir das selbst regeln. Aber bei den Zuschauereinnahmen hätte ich gesagt: Wie viele fehlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum? Auch das wird ohne Vorbedingungen wie etwa die Subsidiarität zu einem gewissen Prozentsatz ausgeglichen.

Also höchstens 800.000 Euro pro Verein...

Diese Grenze ist durch einen Beschluss der EU aufgehoben worden. Das kann jetzt sogar bis zu drei Millionen Euro hochgehen.

Viel Geld. Braucht der Sport wirklich so große Unterstützung?

Ich gehe davon aus, dass der Sport auch 2021 vor großen Herausforderungen steht. Bei der ersten Corona-Welle, als zum Beispiel die Volleyball-Saison abgebrochen wurde, konnten wir staatliche Unterstützung wie Kurzarbeit nutzen. Wir konnten die Spielbetriebskosten senken, weil wir keine Spiele mehr hatten. Und ganz wichtig: Fast alle unsere Sponsoren haben bezahlt, obwohl wir unsere Gegenleistung nicht erbracht, die Saison nicht zu Ende gespielt haben. In der neuen Saison haben aber aus den Erfahrungen der vergangenen Saison viele Unternehmen zu Recht in die neuen Sponsorenverträge reinschreiben lassen: Bei Spielausfall, bei Abbruch der Saison, bei Geisterspielen reden wir über Kompensationen. Wenn bei unseren drei Heimspielen im November keine Zuschauer sein dürfen, haben wir keine Ticketeinnahmen und außerdem wahrscheinlich weniger Geld von den Sponsoren. Das sind ganz neue Größenordnungen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass wir im Dezember vor voller Halle spielen können. Das trifft uns hart, denn unsere größte Einnahmequelle sind die Sponsoreneinnahmen. Außerdem bricht möglicherweise unsere Community ein, weil die Verbindung in der Halle zu unseren treuesten Fans verloren geht. Das merken wir dann erst zu Beginn der nächsten Saison. Und was die verlorenen Emotionen angeht: Vieles werden wir wieder neu aufbauen müssen, Stichwort Fanklubs, Stichwort Marketing. Das kostet wieder Geld.

Die aktuellen Infektionszahlen machen wenig Mut, dass sich schnell etwas verändert, was die Geisterspiele angeht.

Verbesserungen durch die Maßnahmen der Politik machen sich nicht vor Ende November bemerkbar. Und dann wird die Politik auch nicht gleich wieder alles öffnen wollen. Insofern rechnen wir damit, dass der jetzige Zustand mindestens bis Ende des Jahres weitergeht.

Ärgern Sie sich über die Maßnahmen der Bundesregierung?

Ich will deswegen niemanden angreifen. Sie sind eine Reaktion auf die steigenden Zahlen. Die Kontaktzahlen müssen jetzt runterkommen. Der Sport hat sehr gute Hygienekonzepte entwickelt und Sportveranstaltungen waren keine Hotspots. Hohe Kontaktzahlen kommen durch Begegnungen und solange die Zahl der Infizierten hoch ist, finden die guten Konzepte offensichtlich keine Berücksichtigung. Da nützen auch die besten Hygienekonzepte nichts. Natürlich haben wir als Sportler ein Recht, unsere Wünsche und Forderungen zu äußern. Wir müssen nach außen darstellen, wie unsere Situation ist. Aber wir müssen das mit Augenmaß machen.

Was meinen Sie?

Es gibt viele, die unter der Pandemie mehr leiden. Neulich hörte ich einen Bericht von einer Frau, die in der ersten Corona-Welle ihren kleinen Betrieb schließen musste. Nach ein paar Tagen war sie nicht mehr in der Lage, ihrer Tochter Spaghetti mit Ketchup anzubieten. Solche Beispiele müssen wir auch in unserer Situation immer berücksichtigen. Das ist ein schmaler Grat, auf dem wir gehen. Der Sport darf sich auch nicht überhöhen.

Fürchten Sie, dass das Image des Sports sonst leidet?

Es ist wichtig und richtig, uns für unseren Sport einzusetzen. Wir dürfen bei unseren Forderungen nach Zuschauern und Öffnung aber nicht in den Fehler verfallen, zu glauben, alles sei falsch, was die Regierung verbietet. Oder sie verbreite sogar Lügen. Von solchen Verschwörungstheorien distanziere ich mich ganz klar. Damit unser Kampf nicht dazu ausgenutzt wird, wie es viele Rechte tun, die Autorität dieses Staates in Frage zu stellen. Vor deren Karren dürfen wir uns nicht spannen lassen. Da muss man sich auch als Sport ganz klar positionieren und distanzieren.