Volleyball

Endlich zeigt der Anthropologe Russell, was er kann

Der Kalifornier soll BR Volleys zum zweiten Finalsieg gegen den VfB Friedrichshafen führen.

Der Berliner Kyle Russell (r.) ist derzeit in Topform

Der Berliner Kyle Russell (r.) ist derzeit in Topform

Foto: Sport Moments/Basting / picture alliance / Sport Moments

BERLIN.  Kyle Russell wollte sich nur kurz hinlegen. Nach dem 3:1 gegen den VfB Friedrichshafen im ersten Spiel der Finalserie um die Deutsche Volleyball-Meisterschaft und der anstrengenden Rückreise war der Diagonalangreifer der BR Volleys mit seiner Mannschaft direkt ins Fitnesscenter gefahren. Um 17 Uhr genehmigte er sich ein Nickerchen – und wachte erst um Mitternacht wieder auf. „Ich war ganz schön platt“, gibt Russell zu. Den Schlaf hatte sich der US-Amerikaner redlich verdient. Beim ersten Sieg gegen den VfB in dieser Saison war er im zweiten Satz für Paul Carroll gekommen und überzeugte in allen Elementen. Er wurde sogar zum wertvollsten Spieler der Partie gekürt. „Ich bin froh, dass ich mal zeigen konnte, was ich kann“, sagt er.

Moculescus erster Eindruck war niederschmetternd

Bislang hatte Russell noch nicht so viele Spielanteile. Als Stelian Moculescu nach Berlin kam, analysierte er gnadenlos: „Der Junge produziert zu viele Fahrkarten.“ In der Tat hatte Russell eine relativ hohe Fehlerquote im Angriff. Der 2,05 Meter große US-Amerikaner fällt auf den ersten Blick vor allem durch seine Athletik auf. Wer ihn nicht kennt, könnte ihn schnell für eine einfältige Angriffsmaschine halten, dabei ist Russell ein sehr intelligenter und feinfühliger Mensch. In den USA absolvierte er einen Bachelor of Arts in Anthropologie, und wenn die BR Volleys mal zusammen unterwegs sind, ist es der Mann mit den drei älteren Schwestern, der auf die anderen aufpasst und die Gruppe zusammenhält. „Ich sehe alle meine Mitspieler als Brüder und habe gern, wenn es allen gut geht“, sagt er.

Unter Trainer Moculescu hat er sich extrem weiterentwickelt. „Ich habe in der kurzen Zeit schon sehr viel von ihm gelernt“, sagt Russell. In Friedrichshafen zeigte er, dass er außer dem harten Schlag auch unangenehme Ableger beherrscht, eigentlich eine Spezialdisziplin der Süddeutschen. „Viele denken, ich könne nur hart hauen, daher streue ich gern solche Bälle ein“, sagt der Kalifornier, der während der Saisonpause auch Beachvolleyball spielt.

Auffällig ist auch sein ständiges Lächeln auf dem Feld. „Ich liebe es einfach, diesen Sport zu treiben“, sagt Kyle Russell. Als 13-Jähriger wurde er, damals Basketballer, von dem Volleyball-Trainer seiner älteren Schwester entdeckt. Seitdem kam er von dem Sport nicht mehr los. „Er ist ein Amerikaner, da kann man sich zu hundert Prozent auf Motivation und Energie verlassen“, sagt Moculescu. „Er ist athletisch überragend, aber noch am Anfang seiner Entwicklung. Technisch muss er noch viel arbeiten“, sagt der 67-Jährige, der Russell während eines Spiels immer wieder zu sich holt und ihm Anweisungen gibt.

Seinen Vertrag in Berlin hat er um ein Jahr verlängert

„Er erinnert mich an meine Techniken und hilft mir, den Fokus zu behalten“, verrät der 24-Jährige, der zu Saisonbeginn vom polnischen Erstligisten MKS Bedzin nach Berlin wechselte. Noch vor wenigen Wochen war Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand ihm gegenüber recht kritisch eingestellt. Genau wie Adam White hat aber auch Russell unter dem erfahrenen Moculescu einen entscheidenden Schritt gemacht, so dass er in der Partie gegen Friedrichshafen zur Geheimwaffe wurde – die auch in der kommenden Saison für Berlin spielen wird. „Ich habe meinen Vertrag um ein Jahr verlängert“, sagt Russell. Nun möchte er seine erste nationale Meisterschaft gewinnen. Dafür brauchen die Berliner in der Best-of-five-Serie am Sonntag den nächsten Sieg gegen Friedrichshafen (15 Uhr, Schmeling-Halle). „Ich erwarte wieder einen harten Kampf“, prophezeit Russell.