Rio de Janeiro liegt rund 10.000 Kilometer von Deutschlands Hauptstadt entfernt, doch der Weg zu den Olympischen Spielen 2016 hält für Berlins Beachvolleyballer Sebastian Fuchs und Thomas Kaczmarek so viele Umwege parat, dass sie auf ein Vielfaches an Flugstrecke kommen. Zwei Paare pro Nation und Geschlecht können sich für das Olympiaturnier in Brasilien qualifizieren, die Plätze werden an die besten 15 der Weltrangliste (Stand Juni 2016) und an sieben über Extraturniere ermittelte Nationen vergeben. Dazu wird dem Weltmeister 2015 und dem Gastgeber je ein fester Platz zugestanden. Dabei zählen alle Punkte, die ab dieser, gerade begonnenen Saison in aller Welt gesammelt werden. „Wir wollen im nächsten Sommer unter den Top 15 sein“, sagt 2,03-Meter-Mann Fuchs. Klingt wagemutig, und ist es wohl auch, aber Fuchs meint: „Wenn wir am Leistungslimit spielen, können wir es schaffen.“

Lange gemeinsame Geschichte

Der 28-jährige Blockspezialist und der in Polen geborene und mit vier Jahren nach Deutschland gekommene Kaczmarek, 29, spielen aktuell erst im zweiten Jahr wieder zusammen im Sand für die BR Volleys, haben aber eine lange gemeinsame Geschichte seit 2003. Damals bildeten die Jugendtrainer des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) nach einem U18-Auswahllehrgang aus ihnen ein Beach-Paar. Prompt wurden sie U18-Weltmeister, blieben zwei Jahre zusammen, gingen dann aber auch aus finanziellen Gründen getrennte Wege als Hallenspieler – Fuchs beim SCC Berlin und den Netzhoppers in Königs Wusterhausen, Kaczmarek beim TV Rottenburg.

Sie hörten zwischendurch aber nie auf, auch im Sand den Erfolg zu suchen. Mit wechselnden Partnern, doch immer wieder auch gemeinsamen Intermezzi: 2005 wurden sie A-Jugend-Meister, 2007 U23-Europameister.

Vom Olympiasieger Jonas Reckermann empfohlen

Als Jonas Reckermann, mit Julius Brink 2012 Olympiasieger, kurz nach der Londoner Sensation die Karriere verletzt beenden musste, wurden die Pläne für eine Wiedervereinigung von Fuchs/Kaczmarek ad acta gelegt, weil Brink sich Fuchs als neuen Partner erkoren hatte und diesen lobte: „Er bringt alles mit, um ein ganz Großer zu werden.“ Es kam allerdings nur zu wenigen Wettkampfauftritten im Jahr 2013, weil Olympiasieger Brink wegen einer Oberschenkelverletzung nicht spielen konnte und im Saisonverlauf sogar sein Karriereende verkündete. Schon bei der WM 2013 in Polen rückte Thomas Kaczmarek an seine Stelle – die Wiederbelebung einer alte Liebe.

Die im vorigen Sommer dann so richtig aufblühte: Im Finale der Deutschen Meisterschaften am Timmendorfer Strand hatten Fuchs/Kaczmarek das nationale Top-Paar Jonathan Erdmann/Kay Matysik schon am Rande der Niederlage. 14:12 führten sie im Tiebreak, verloren aber noch 16:18 gegen die WM-Dritten. „Wenn wir uns darüber nicht tierisch geärgert hätten, wären wir fehl am Platze“, erinnert sich Fuchs, benennt aber zugleich das Positive. „Ganz Deutschland hat zugeschaut, das Endspiel wurde in der ARD übertragen. Das war ein Signal an die Konkurrenz: Nehmt euch in acht, mit uns ist zu rechnen.“

Beim Weltserienturnier in China gleich auf Rang fünf

Erst recht, nachdem jetzt vorangegangene Verletzungen voll auskuriert sind, und „wir im Winter richtig Gas gegeben haben“ (Kaczmarek). Vorvergangene Woche haben die Berliner in China ihr erstes Weltserienturnier gespielt, bei dem zwar viele internationale Topteams noch fehlten, aber „bei Weitem nicht nur Blinde angetreten sind“, wie Fuchs erklärte. Gescheitert ist man im Viertelfinale ausgerechnet an den Landsleuten Markus Böckermann/Lars Flüggen, die das Turnier überraschend gewannen. Platz fünf gibt aber Zuversicht für den Saisonfortgang, der an diesem Wochenende das erste Turnier der nationalen Beach-Serie in Münster bereithält. Und gerade dort, im innerdeutschen Vergleich, gilt es besonders, sich zu beweisen und gegen die Talente durchzusetzen, auf die der DVV in der Olympiavorbereitung vorrangig setzt und die entsprechenden Fördermaßnahmen zugesteht.

Öffentlich kritisieren hört man Fuchs und Kaczmarek wegen der Bevorzugung anderer aber nicht, sie nehmen es eher als Ansporn. Zum Prinzip haben sie es sich gemacht, „nur auf uns selbst zu schauen“. Zweimal täglich trainieren sie mit Ball, dazu kommt eine Athletik-Einheit. Was die Karrieredauer angeht, sehen sie sich durchaus noch am Anfang. „Wir haben jedenfalls nicht vor, nach 2016 die Beach-Ausrüstung an den Nagel zu hängen“, verkündet Fuchs sehr bestimmt.

Mission mit selbst eingeworbenen Sponsorengeldern

Schwierig genug, sich international zu etablieren, ist es für „selbstständige Turnierspieler“ ohne größere Förderung – Fuchs ist B-Kader, Kaczmarek ohne Kader-Einstufung – dennoch. Reisen zu Turnieren, Trainingslager (vor China waren die Berliner zwei Wochen in Los Angeles), Trainer André Fröhlich müssen über selbst eingeworbene Sponsorengelder finanziert werden. Kosten, die kaum durch Siegprämien zu kompensieren sind. „Wir spielen nicht Beachvolleyball, um reich zu werden“, sagt Kaczmarek. Über seine Zweier-Beziehung mit Fuchs meint er, sie seien „gute Freunde, aber auch zwei Sportler, die erfolgreich sein wollen“. Sie verbrächten naturgemäß viel Zeit miteinander, nicht ohne jede Reibung.

„Doch wir wissen, was wir aneinander haben, gehen dementsprechend miteinander um.“ Das klingt erwachsen, gipfelt in der Botschaft: „Wir sind ein echtes Team, das zusammen durch dick und dünn geht und das auch auf dem Feld dokumentiert. Wer uns brechen will, der muss das Team brechen.“ Dass sie wohl noch nie zu Beginn einer Saison auf so hohem Niveau gespielt haben wie jetzt, lässt die vielen Flugkilometer nun sicher auch leichter ertragen.