Leichtathletik

Ein Trio jagt beim Berlin-Marathon den Weltrekord

Mit Eliud Kipchoge, Wilson Kipsang und Kenenisa Bekele starten die drei derzeit besten Marathonläufer zum ersten Mal in einem Rennen.

Berlin.  Ein Raunen ging durch den Saal, als Eliud Kipchoge den versammelten Journalisten am Freitag eröffnete, in welcher Zeit er am Sonntag beim Berlin-Marathon die Halbmarathon-Marke passieren möchte. 60:45 Minuten lautete die forsche Ansage des Kenianers, eine ganze Minute schneller als Landsmann Dennis Kimetto bei seinem Weltrekord vor drei Jahren. Dieser hatte 2014 ebenfalls in Berlin die weltweite Marathon-Bestzeit von 2:02:57 Stunden aufgestellt. Mit dem angekündigten Tempo würde Kipchoge diese Marke deutlich unterbieten, es liefe auf eine Endzeit von unter 2:02 Stunden hinaus. "Ich will den Weltrekord", sagte er.

Genauer gesagt: den offiziellen. Der schnellste Läufer der Geschichte ist er schon jetzt. Anfang Mai war Kipchoge auf der Formel-1-Rennstrecke in Monza 2:00:25 Stunden gelaufen, fast zweieinhalb Minuten schneller als Kimetto. Allerdings wird die Leistung nicht als Weltrekord anerkannt: Der Lauf war kein offizielles Rennen, sondern nur eine Werbeveranstaltung seines Ausrüsters Nike, quasi unter Laborbedingungen. Der amerikanische Sportartikelhersteller hatte die Aktion "Breaking2" groß aufgezogen, um zu zeigen, dass der Mensch tatsächlich unter zwei Stunden laufen kann. Kipchoge bekam in Monza wechselnde und damit stets frische Tempomacher an die Seite gestellt, er konnte durchgehend im Windschatten laufen – in regulären Rennen können hingegen maximal drei Tempomacher eingesetzt werden, die unterwegs nicht ausgetauscht werden dürfen.

Am Ende wurde das Ziel nicht ganz erreicht, doch anstatt enttäuscht zu sein, nahm der Rio-Olympiasieger das Ergebnis als Ansporn. "Diese Zeit hat mich für meine weitere Karriere enorm motiviert", so Kipchoge.

"Siegen allein ist keine Option"

In Berlin geht er am Sonntag (9.15 Uhr, live in ARD/RBB) als Favorit ins Rennen. Ein Spaziergang werden die 42,195 Kilometer allerdings nicht. Das Starterfeld ist das beste in der Geschichte, gleich drei Läufer können eine Bestleistung von 2:03:13 Stunden oder schneller vorweisen – außer Kipchoge auch noch Vorjahressieger Kenenisa Bekele (2:03:03) aus Äthiopien und Wilson Kipsang aus Kenia (2:03:13), der Gewinner von 2013. Damit starten erstmals die drei derzeit besten Marathonläufer in einem Rennen. Ein neuer Weltrekord sei in dieser Konstellation fast schon Pflicht, bemerkte Kipchoge: "Siegen allein ist keine Option."

Es wäre die zehnte Rekordmarke auf den Straßen Berlins. Als Einziger aus dem Top-Trio kennt Wilson Kipsang bereits das Gefühl, das Brandenburger Tor in Weltrekordzeit zu erreichen. 2013 hatte er die Bestzeit auf 2:03:23 Stunden verbessert; jedoch verlor er den Rekord nur ein Jahr später wieder an Dennis Kimetto. Im vergangenen Jahr war Kipsang Zweiter hinter Kenenisa Bekele, der Kimettos Rekord bei seinem Sieg seinerseits nur um sechs Sekunden verfehlte. "Ich denke, ich kann besser laufen als vor einem Jahr", sagte Bekele. Für viele ist er schon jetzt der kompletteste Läufer aller Zeiten. Dreimal war er Olympiasieger, insgesamt 16 Mal Weltmeister auf der Tartanbahn und im Crosslauf – jetzt fehlt eigentlich nur noch der Weltrekord auf der Straße. Das Tempomachen will er am Sonntag allerdings zunächst den anderen überlassen.

Comeback für Anna Hahner nach langer Verletzung

Bei den Frauen wird ebenfalls ein Dreikampf erwartet. Die Favoritinnen kommen aus Afrika: Amane Beriso (Äthiopien), Valary Aiyabei und Gladys Cherono (beide Kenia), die schon 2015 in Berlin siegte. An das Rennen vor zwei Jahren hat auch der Deutsche Philipp Pflieger gute Erinnerungen. 2015 lief er in Berlin in 2:12:50 Stunden Bestzeit – dieses Mal will er noch schneller sein. "Ich will eine Zeit von unter 2:12 Stunden angehen. Die Trainingswerte sind stark, das stimmt mich zuversichtlich", verriet er. Deutlich zurückhaltender äußerte sich Anna Hahner, die nach langer Verletzungspause nach einem Sehnenanriss in der Hauptstadt ihr Comeback feiert. "Ich will das Ziel gesund und mit einem Lächeln erreichen", sagte sie. "Dann bin ich sicher, dass die Zeit ebenfalls stimmt."

139 Tage konnte Hahner nicht trainieren, die größte Anstrengung war in dieser Zeit das Brötchenholen beim Bäcker um die Ecke. Als sie wieder anfing zu trainieren, war die Form weg. "Ich war selbst beim Treppensteigen außer Atem. Mein Körper musste sich erst wieder als Trainingsgerät definieren." Die Vorbereitung auf den eigentlichen Marathon sei für sie deshalb schon der erste Marathonlauf gewesen.

Ihr bislang bestes Jahr war 2014. Damals siegte sie beim Wien-Marathon, danach gelang ihr in Berlin mit 2:26:44 Stunden die achtschnellste Zeit einer Deutschen aller Zeiten. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erntete sie Kritik dafür, dass sie mit ihrer Zwillingsschwester Lisa Hand in Hand als 81. und 82. ins Ziel lief. Viele witterten eine PR-Aktion. Längst sind die Hahner-Twins eine erfolgreiche Marke geworden, allerdings konnten die sportlichen Leistungen zuletzt nicht immer mit dem Medienrummel mithalten. Dieses Mal will sich Anna Hahner aber ganz aufs Laufen konzentrieren. Bis zum Start hat sie sich in ein Hotel in Brandenburg zurückgezogen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.