Marathon 2017

Was die blaue Linie beim Berlin-Marathon wirklich bedeutet

Was zeigt die blaue Linie beim Marathon in Berlin? Zeigt die Linie tatsächlich die Ideallinie? Oder ist es ein Marketing-Gag?

Die Blaue Linie - Sinnbild für die ideale Strecke oder ein Werbegag?

Die Blaue Linie - Sinnbild für die ideale Strecke oder ein Werbegag?

Foto: pa

Tausende Füße laufen über sie hinweg: die blaue Linie. Mit dem Auftragen der Ideallinie wird traditionell die letzte Phase der Marathon-Vorbereitungen eingeläutet – in der Regel am Montagabend vor dem Rennen. Seit 26 Jahren ist Wolfgang Weising der Herr über die blaue Linie beim Berlin-Marathon und somit ein alter Hase. Wenn er mit einem weißen Van, Kompressor, Farbkessel und Markiermaschine auf die Strecke geht, wird er von der Polizei eskortiert. Nur Regen und Gegenverkehr können Weising in seiner Mission bremsen.

Bei fast allen City-Marathons symbolisiert die sagenumwobene blaue Linie die kürzestmögliche Route innerhalb der Bordsteinkanten. Das sind allerdings nicht die üblichen 42,195 Marathon-Kilometer, sondern 42,237 Kilometer. Denn für jeden Kilometer wird nach Empfehlung der internationalen Marathonveranstalter ein Meter Reserve dazu gezählt, damit der Kurs bei einer eventuellen Nachmessung nicht zu kurz ausfällt.

"Die Tradition der blauen Linie kommt ursprünglich aus London. 1990 wurde sie dann in Berlin das erste Mal aufgetragen", weiß Wolfgang Weising. Dass aus der einen durchgezogenen Linie schon wenige Jahre später drei parallel verlaufende schmale Linien wurden, ist schlichtweg ein Marketing-Gag – eine Hommage an den großen Sportartikelhersteller, der schon seit Jahren Sponsor des Berlin-Marathons ist.

Strecke wird akkurat vermessen

Bevor Weising, der selbst Marathonläufer ist, ans Werk gehen kann, muss die Strecke von Spezialisten mit entsprechenden Lizenzen akkurat vermessen werden. "Dann bekomme ich die Dokumentation und versuche, die Ideallinie zu ziehen", erklärt Weising. Versuch deshalb, weil, wie er sagt, die ideale Linie 50 Zentimeter von der Bordsteinkante entfernt nur gezogen werden könnte, wenn alle parkenden Autos wegwären. "Aber das ist ja erst am Marathontag der Fall."

Abends, um 20 Uhr, fängt die kleine Kolonne an der Straße des 17. Juni mit der Arbeit an. Weising sitzt im Führungsfahrzeug der Polizei und gibt die Strecke vor, hinter ihm der Van, der einen Werkstattwagen mit der Markierungsmaschine und den Farbeimern zieht und dann noch ein Polizeiwagen, der andere am Überholen hindern soll, "damit die Farbe eine Chance hat anzutrocknen", oder aber den Verkehr absperrt, wenn der Tross auf die Gegenfahrbahn muss. Nur eine Stelle der 42,195 Kilometer langen Strecke darf nicht bemalt werden – der Pariser Platz mit seinem Pflaster. Dort wird die Linie erst kurz vor dem Lauf aufgeklebt.

In diesem Jahr machen Weising und seinem Team die vielen Baustellen das Leben schwer. Da verengt sich die Strecke oder die Läufer müssen die Straßenseite wechseln – Dinge, die beim Auftragen berücksichtigt werden müssen. "Meist sind wir zwischen ein und zwei Uhr nachts mit der Arbeit fertig, sofern es trocken bleibt", sagt der Herr der Linien. Denn die Fahrbahn muss trocken sein, sonst haftet die Farbe nicht. "Deswegen haben wir ja immer ein paar Tage Puffer eingeplant", erklärt er. Außerdem könne auch immer mal die Technik streiken. Dann werde die Arbeit unterbrochen und am nächsten Tag fortgesetzt. Früher gab es statt des modernen Werkstattwagens das sogenannte "Eisenschwein", eine schwerfällige und sehr störanfällige Markierungsmaschine, die aber inzwischen ihre letzte Ruhe auf dem Schrottplatz gefunden hat. "Da kam es noch häufiger zu Unterbrechungen."

Kein Platz im großen Läuferfeld

Die wenigsten Läufer schaffen es übrigens, sich an der Linie entlangzuhangeln, inklusive Kurven schneiden und Seitenwechseln. Wer im großen Läuferfeld unterwegs ist, hat schlichtweg keinen Platz für solche Manöver, und die Topläufer schauen nicht auf den Boden. "Ich habe mal versucht, an der Linie entlang zu laufen. Aber das ist schon schwer", sagt Weising.

Übrigens handelt es sich bei der Farbe um eine normale verdünnte Lösungsmittelfarbe, die mit der Zeit durch Verkehr und Witterung aus dem Straßenbild verschwindet – bis sie das nächste Mal beim Halbmarathon am 8. April wieder auftaucht.

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