Corona-Krise

Sportpsychologin: „Die meisten Athleten haben auch Angst“

Sportpsychologin Monika Liesenfeld spricht über die Sorgen der Athleten am OSP Berlin und wie sie die Corona-Krise meistern.

Starts und Wettkämpfe wie hier bei den Kanuten sind momentan nicht möglich. Für viele Athleten, die sich auf die Saisonhöhepunkte systematisch vorbereitet haben, ein großes Problem.

Starts und Wettkämpfe wie hier bei den Kanuten sind momentan nicht möglich. Für viele Athleten, die sich auf die Saisonhöhepunkte systematisch vorbereitet haben, ein großes Problem.

Foto: EXPA/ Sportida / pa / EXPA/ Sportida

Berlin. Monika Liesenfeld ist ein wenig angeschlagen. Husten, Schnupfen, ein grippaler Infekt. Gut, dass die Sportpsychologin gerade sowieso im Homeoffice arbeitet. „Da kann ich dann eh niemanden anstecken“, sagt sie. Seit 2005 arbeitet die 49-Jährige am Olympiastützpunkt Berlin (OSP) als Sportpsychologin und betreut mehr als 50 Athleten – von Schülern bis hin zu Medaillenkandidaten bei Olympischen Spielen. Sie alle beschäftigen gerade diverse Fragen. Was macht die Corona-Krise mit meiner Karriere? Wie gehe ich mit der Verschiebung der Olympischen Spiele auf das kommende Jahr um? Im Interview mit der Morgenpost spricht Monika Liesenfeld über die Sorgen vieler Athleten und woher man in so unsicheren Zeiten Stabilität bekommt.

Berliner Morgenpost: Sie telefonieren gerade wahrscheinlich so viel wie noch nie, oder, Frau Liesenfeld?

Monika Liesenfeld: Ja, das stimmt schon. Ich schreibe auch viele Nachrichten, um alle zu kontaktieren. Man hatte ja vorher schon viele Termine ausgemacht, bei denen man jetzt klären muss, wie man es anbietet, online, per Video oder per Telefon? Es gibt viele Athleten, die gut mit den neuen Möglichkeiten klarkommen, aber auch einige, die lieber warten wollen, bis man sich wieder persönlich sehen kann. Es ist halt ein anderes Arbeiten, wenn man sich sieht. Aber das geht im Video ganz gut. Dazu sind auch die meisten bereit.

Wie viele Gespräche führen Sie gerade am Tag?

Das ist tatsächlich ähnlich wie zu anderen Zeiten, zwischen vier und sieben. Mal mehr und mal weniger. Aber das ist auch so, wenn ich im Büro bin. Von der Anzahl ist es daher nicht mehr geworden, aber auch auf keinen Fall weniger.

Konnten Sie denn eine Veränderung feststellen, was die Lage vor der Absage der Olympischen Spiele im Gegensatz zu jetzt angeht?

Ja, schon. Ich arbeite natürlich auch mit Athleten, die die Olympischen Spiele nicht betreffen. Die haben noch ganz andere Themen, vor allem mit der Schule. Die berichten mir alle, dass sie gerade ganz viel zu tun haben, weil sie von der Schule so viele Aufgaben bekommen und noch Trainingseinheiten zu Hause machen müssen. Die haben fast mehr zu tun als vorher. Aber bei den Olympiakandidaten merke ich schon einen Unterschied. Da herrschte jetzt eine große Erleichterung, dass überhaupt eine Entscheidung getroffen wurde. Vorher hingen sie sehr in der Luft, das ist einfach zermürbend. Da gibt es aber riesengroße Unterschiede, wie damit umgegangen wird. Das hängt besonders davon ab, wo der Athlet in seiner Karriere steht. Bin ich noch relativ am Anfang und kann noch einige Spiele mitmachen? Hätten das meine letzten Spiele sein sollen? Ich habe auch eine Athletin, die danach schon einen Job hat. Was mache ich dann? Es sind trotz der Entscheidung, die Sommerspiele zu verschieben, viele Fragen offen. Aber daran kann jetzt gearbeitet werden.

Die häufigsten Sorgen, die die Athleten umtreiben, drehen sich also um die Zukunft? Wie sieht es mit finanziellen Problemen aus?

Viele sind bei der Bundespolizei oder bei der Bundeswehr und sind darüber finanziell abgesichert. Es gibt aber auch einige Athleten, die auf Sponsoren oder Preisgelder aus Wettkämpfen angewiesen sind und da ist die Absicherung nicht unbedingt gegeben. Die meisten Athleten, mit denen ich zu tun habe, sind belastet, von der Situation genervt, sie haben auch ein wenig Angst, aber sie gehen recht gut damit um. Ein größeres Thema sind aber diejenigen, bei denen es die letzten Spiele sein sollten und bei denen die Planung für die Zeit danach schon stand. Bin ich bereit, diese Planung noch mal neu anzustellen? Wenn nicht, dann höre ich jetzt ohne einen besonderen Höhepunkt auf. Vielleicht war das auch gerade meine letzte Trainingseinheit? Hallen und Co. wurden ja geschlossen. Natürlich ist auch Familie ein Thema. Die Athleten sind viel unterwegs, wer dann bereits eine Familie hat, überlegt sich genau, ob man sich die Belastung noch ein weiteres Jahr zumuten will. Gerade wenn man schon eine Ziellinie hatte. Da ist das schon eine harte Entscheidung.

Die Olympia-Athleten arbeiten ja auch mit dem Rhythmus von vier Jahren und stellen dafür gern mal die eine oder andere WM oder EM hinten an, um den Traum von Olympischen Spielen zu leben. Jetzt kommt ein fünftes Jahr dazu. Was macht das mit dem Kopf?

Das hängt individuell davon ab, wer wo steht. Sollte es das letzte Jahr sein oder wollte ich eh für 2024 weiter trainieren? Dann kann man sich leichter umorganisieren. Das betrifft ja auch die Verbände, die mit Trainern schon für vier Jahre geplant haben und die jetzt auch nicht wissen, wie es weitergehen soll. Da herrscht überall eine große Unsicherheit.

Unsicherheit ist das Stichwort. Gibt es Tipps oder Tricks, die sie den Athleten mitgeben, wie sie mit dieser unvorhersehbaren Lage besser zurechtkommen können?

Das ist jetzt sehr allgemein gefragt. Im Moment weiß ja leider niemand, wie es weitergeht. Die Sportler wissen nur, Olympia findet ein Jahr später statt. Aber sie wissen nicht, wann es mit dem Sportbetrieb wieder losgeht, wann die nächsten Wettkämpfe stattfinden. Das wird sich erst in den nächsten Wochen oder auch Monaten klären. Und so lange geht es darum, durchzuhalten. Manche machen jetzt zwei, drei Wochen Pause, was ich auch gutheiße. Rausgehen, Kopf abschalten und mit Abstand wieder schauen, wo man steht. Die Athleten müssen die Unsicherheit aushalten, auch die Planungen für den Sommer, die eigenen Träume begraben. Darüber darf man auch eine Weile trauern, um dann in ganz kleinen Schritten nach und nach zu schauen, was möglich ist und wo sie neue Planungen ansetzen können.

Hilft da auch ein kleines Stück Normalität in der ungewöhnlichen Lage?

Das ist schon hilfreich. Sich eine Tagesstruktur zu schaffen, ist ja auch ein wenig Normalität, wenn der Trainingsalltag wegbricht. Das hilft auch dabei, nicht zu versacken. Dass man plötzlich morgens nicht mehr aufsteht. Da helfen Routinen.

Gibt es einen Unterschied zwischen jüngeren Athleten und denen, die schon mehr Erfahrung haben, was den Umgang mit dieser Situation angeht?

Ich habe tatsächlich gerade ein paar mehr Athleten in Betreuung, für die es die letzten Spiele sein sollten, also ältere Sportler. Bei den Jüngeren ist es so, dass es gar nicht klar war, ob es klappen würde. Ich habe zum Beispiel einen Athleten, der ist verletzt, und es wäre schwierig geworden, pünktlich fit zu werden. Für den ist es natürlich gut, dass er jetzt noch ein Jahr bekommt. Pauschal kann man also gar nicht sagen, wer besser mit der Situation klarkommt. Da muss ich bei jedem Athleten genau hinschauen. Leistungssportler sind es aber generell gewohnt, mit einer gewissen Unsicherheit umzugehen. Die Situation jetzt ist natürlich noch mal eine ganz andere Hausnummer, aber grundsätzlich ist es bei denen ja so, dass sie trainieren, aber trotzdem nicht wissen, ob sie es schaffen. Das ist ein Vorteil, den Leistungssportler vielleicht auch dem einen oder anderen gegenüber haben. Auch wenn es hart ist.

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Sie waren selbst Leistungssportlerin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Hilft das in so einer Situation, Ängste und Nöte besser zu verstehen?

Das hilft mir grundsätzlich in meiner Arbeit. Ich komm da her, ich hab das auch alles schon mal durchgemacht, weiß, was man opfert. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass man da so reinwächst und vieles gar nicht vermisst, weil man es nicht anders kennt oder das tut, was man immer machen wollte. Das hilft schon, um die Denkweise der Athleten zu verstehen. Aber die aktuelle Lage unterscheidet sich nicht allzu groß von sonstigen Krisen, ohne despektierlich zu klingen. Natürlich wurde Olympia noch nie verschoben, das ist schon was Besonderes. Aber die Athleten, mit denen ich zu tun habe, die machen das schon sehr gut. Natürlich kommen Fragen auf, natürlich fängt man an zu reflektieren. Aber genau das verlangt ja so eine Situation. Dass man sich ein Stück weit auf sich besinnt, Abstand gewinnt, dann neu entscheidet. Was auch immer dann dabei herauskommt.

Es ist eine gerade viel zitierte Phrase: gestärkt aus der Krise hervorgehen. Steckt da wenigstens ein Fünkchen Wahrheit drin?

Definitiv. Der eine verletzte Athlet schafft es vielleicht doch zu Olympia, der andere ist dann eventuell besser in Form. Daraus ergeben sich ja tatsächlich neue Chancen und man lernt sich in solchen Ausnahmesituationen besser kennen. Wie reagiere ich überhaupt? Was brauche ich? Was hilft mir?

Und was hilft?

Das A und O ist, eine innere Ruhe zu entwickeln. Das Wichtigste ist, dass sich die Athleten auch mit sich selbst auseinandersetzen. Nicht in blinden Aktionismus verfallen, um bloß beschäftigt zu sein. Das beruhigt niemanden.

Wenn man sich so intensiv mit sich selbst und seinen Ängsten auseinandersetzen muss, besteht da eher die Gefahr, in eine Depression abzurutschen?

Viele, viele Athleten sind ja in sportpsychologischer Betreuung. Da sind wir ja mit den Athleten im Austausch und bekommen sehr viel mit. Wenn dann so etwas eintreten sollte, könnten wir frühzeitig eingreifen. Bei den Athleten, die bislang keinen Bezug zu sportpsychologischer Betreuung haben, kann das natürlich passieren. Aber da hoffe ich, dass die Betreffenden sich Hilfe und Unterstützung an den richtigen Stellen suchen. Hier ist in den letzten Jahren auch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet worden, z.B. über die Initiativen von Mentalgestärkt oder die Robert-Enke-Stiftung.

Wir sprechen die ganze Zeit von Athleten. Betreuen Sie auch deren Trainer, die wahrscheinlich ähnliche Zukunftsängste plagen?

Unsere Arbeit im OSP ist auf die Sportler ausgerichtet. Aber wir sitzen schon lange daran, auch die Trainer in unserer Arbeit berücksichtigen zu können, weil die ebenso Bedarf haben. Das ist noch in Planung. Das ist für mich etwas, was wir in Zukunft auch anbieten sollten.