Berliner Champions

Eine Olympia-Hoffnung mit nur zwölf Jahren

Skateboarden wird in Tokio erstmals im Zeichen der fünf Ringe stehen. Ohne Altersbeschränkung, was für Lilly Stoephasius gut ist.

Skateboardfahrerin Lilly Stoephasius hat immer ein Lächeln auf den Lippen.

Skateboardfahrerin Lilly Stoephasius hat immer ein Lächeln auf den Lippen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Der edle Tropfen eines lokalen Weinguts, die Samen eines Mammutbaums und natürlich alles, was irgendwie mit Hollywood zu tun hat – alles typische Souvenirs aus Kalifornien. Lilly Stoephasius hatte von ihrem Trip an die amerikanische Westküste aber noch eine ganz andere Erinnerung mit nach Hause genommen, nämlich zwei abgebrochene Schneidezähne.

Bei einem Wettkampf war die Skateboarderin gestürzt und hatte sich die Zähne herausgeschlagen. Den Wettkampf deshalb vorzeitig zu beenden, kam für die Berlinerin allerdings nicht infrage. Stattdessen fuhr sie in die Stadt, besorgte sich einen Mundschutz und stand schon am nächsten Tag wieder auf dem Brett, als wäre nichts gewesen.

Mit dieser Leidenschaft hat es Stoephasius schon weit gebracht. Bereits mit einem Jahr stand sie zwischen Papas Beinen das erste Mal auf einem Skateboard, da konnte sie gerade laufen. Mit drei bekam sie ihr erstes eigenes Brett, auch wenn das Anziehen der Schutzausrüstung damals länger dauerte als das Fahren an sich. Mit fünf fing sie an, regelmäßig zu trainieren, mit sechs war sie schon besser als ihr Vater Oliver Stoephasius – selbst ein Pionier des Skateboardings hierzulande.

Das Konkurrenzdenken hat in der Szene zugenommen

Und jetzt, mit gerade einmal zwölf Jahren, träumt die Charlottenburgerin von Olympia. Bei den Spielen 2020 in Tokio wird Skateboarding erstmals olympisch. Als beste Deutsche hat Lilly Stoephasius gute Chancen, bei der Premiere dabei zu sein.

Insgesamt 20 Startplätze werden im Mai 2020 über die Weltrangliste vergeben. Stoephasius steht momentan auf Platz 25, doch gleich mehrere Amerikanerinnen und Japanerinnen vor ihr fallen heraus, weil sich aus jedem Land nur maximal drei Teilnehmerinnen qualifizieren dürfen. Aktuell wäre sie damit unter den Top 20.

Dass die Skateboarder künftig zum Kanon der olympischen Sportarten gehören, ist in der Szene nicht unumstritten. Skateboarding war schon immer mehr als ein Sport: ein individualisierter Lebensausdruck, eine Subkultur – und somit aus Sicht der Kritiker kaum kompatibel mit Olympia und all seinen Regeln und Vorgaben.

Die Angst besteht, dass die Spiele das Skateboarden kaputtmachen. Lilly Stoephasius war trotzdem von Anfang an dafür. „Es ist eine super Gelegenheit, der Welt zu zeigen, was für ein toller Sport das ist“, sagt sie. Allerdings hat auch sie schon festgestellt, dass sich die Sportart verändert hat: „Früher waren wir alle wie eine große Familie, in der man sich auch über den Erfolg eines anderen gefreut hat. Das hat ein bisschen nachgelassen. Der Konkurrenzgeist hat insgesamt zugenommen“, sagt sie.

EM-Silber und WM-Bronze besitzt sie schon

In den meisten anderen Disziplinen dürfte sie bei Olympia gar nicht antreten, weil sie zu jung ist. Beim Skaten gibt es allerdings kein Mindestalter. An Können mangelt es Stoephasius ohnehin nicht. In Deutschland können es selbst bei den Männern nur wenige mit ihr aufnehmen.

Bei den Frauen wurde sie im vergangenen Jahr deutsche Meisterin in der Disziplin Park, kommendes Wochenende will sie ihren Titel verteidigen. International gewann sie zuletzt bereits zum zweiten Mal EM-Silber, bei den Weltmeisterschaften in der nicht-olympischen Disziplin Vert gab es Bronze.

Diese Disziplin, die in einer klassischen Halfpipe gefahren wird, liegt Lilly Stoephasius am meisten. Als eine der wenigen Fahrerinnen auf der Welt beherrscht sie den Backside Varial, einen Sprung, bei dem sich der Körper in der Luft um 180 Grad, das Brett aber um 360 Grad dreht – sie landet quasi auf dem umgekehrten Brett.

Olympisch sind allerdings nur das Streetskaten, wo diverse Tricks an im städtischen Raum vorhandenen Hindernissen wie Mauern, Treppen, Geländern und Rampen durchgeführt werden, sowie das Park-Skateboarding. Dort sind verschiedene Halfpipes, Pools und Rampen zu einem abwechslungsreichen Parcours angeordnet, durch den sich jeder Fahrer seine eigene Route sucht. Im Wettkampf hat dann jeder drei oder vier Läufe, von denen der beste gewertet wird.

Als Schülerin tritt sie gegen Profis an

„Es ist sehr wichtig, den gesamten Parcours auszunutzen und dabei verschiedene Tricks zu zeigen. Die Sprünge sind nicht so hoch wie in der großen Halfpipe, stattdessen ist Vielseitigkeit gefragt“, erklärt Lilly Stoephasius. Trainieren lässt sich das allerdings kaum, denn in ganz Deutschland existiert nur eine solche Anlage in Düsseldorf.

Eine amerikanische Sportartikelfirma würde zwar gern auch in Berlin eine bauen, doch bislang ließ sich dafür keine geeignete Fläche finden. Sie übt deshalb entweder im Jugendwerk-Skatepark (JuWe) Lichterfelde oder in der Skaterhalle Revaler Straße in Friedrichshain. „Das ist einfach bitter“, meint Stoephasius. Zumal sie noch ganz andere Nachteile gegenüber der internationalen Konkurrenz hat.

„Wenn wir beim Wettkampf ankommen, sind die anderen schon seit drei Wochen dort, um sich zu akklimatisieren und sich vorzubereiten. Das sind eben Profis“, sagt sie. Die Berlinerin geht dagegen noch zur Schule, erst vor drei Wochen ist sie auf das Gymnasium gewechselt.

„Manchmal denke ich, dass die Belastung vielleicht ein bisschen viel ist für eine Zwölfjährige“, meint ihr Vater. Druck macht er seiner Tochter deshalb keinen. Wenn es schon in Tokio klappt mit Olympia, umso besser. Aber wenn nicht, dann ist sie beim nächsten Anlauf 2024 in Paris ja immer noch erst 17 Jahre alt. Schöne Mitbringsel finden sich ohnehin an beiden Orten.