Amsterdam, Algerien, Frankreich, Italien: Kim Kirschen ist für ihre Wettkämpfe in den vergangenen Monaten ziemlich herumgekommen. Längst hat sich die Fechterin auf der internationalen Bühne etabliert. Der Weg dorthin führte für die Berlinerin allerdings durch die süddeutsche Provinz, genauer gesagt: über Tauberbischofsheim, den Bundesstützpunkt der deutschen Florettfechter.

Drei Wochen im Monat verbringt Kirschen mittlerweile in dem 13.000-Einwohner-Ort zwischen Würzburg und Heilbronn, über den sie selbst sagt, dass es dort außer Fechten „so gut wie nichts“ gebe. Ganz freiwillig ist sie nicht gegangen, doch sie hat keine Alternative. In Berlin gibt es niemanden, der gut genug wäre, um es mit ihr im Training aufzunehmen. Lange hatte sich Kirschen gegen einen Umzug nach Tauberbischofsheim gesträubt: Nach dem Abitur trainierte sie zwei Jahre lang allein in Berlin, doch trotz guter Leistungen wurde sie nicht mehr für das Nationalteam berücksichtigt, weil der Bundestrainer die Fechterinnen des Bundesstützpunktes vorzog, die ihm besser vertraut waren.

Die Marzahnerin startet für den SC Berlin

Es war damals eine schwierige Zeit für Kim Kirschen. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter hatte sie all ihre Hoffnungen in den Sport gesetzt, die nun bitter enttäuscht wurden. Beinahe hätte sie ihre Karriere beendet, ehe sie schließlich nach Tauberbischofsheim übersiedelte. „Inzwischen habe ich mich damit arrangiert“, sagt sie. Ihrem Verein SC Berlin hält sie aber weiterhin die Treue.

Ihre Waffe hatte die Marzahnerin derweil schon früher einmal gewechselt. Als Kind hatte sie zunächst mit Degenfechten begonnen, so wie einst schon ihr Vater und ihre Schwester, das Florett kam dann später dazu. Bereits mit fünf Jahren stand Kirschen erstmals auf der Planche; mit acht fing sie an, den Sport ernsthaft zu betreiben. Bis zur B-Jugend betrieb sie noch beide Waffengattungen parallel, doch bald darauf entschied sie sich für endgültig für das Florett.

Nur wer angreift, kann mit dem Florett punkten

Bei dieser Waffe zählt als Trefferfläche nur der Rumpf – beim Degen ist es der gesamte Körper. Es gilt zudem das Angriffsrecht: Punkten kann nur, wer den Angriff begonnen hat; der Gegner muss den Angriff zunächst abwehren, ehe er selbst einen gültigen Treffer setzen kann. Dadurch wird mit dem Florett meist sehr offensiv gefochten, und es gibt viele spektakuläre Paraden, fast so, wie man es aus den Musketierfilmen kennt. „Es entspricht wohl am meisten dem, was man sich allgemein unter Fechten vorstellt“, sagt Kim Kirschen. Allerdings sind die Kämpfe durch das Angriffsrecht für Laien auch oft nur schwer nachvollziehbar.

Bei den Europameisterschaften 2018 in Novi Sad (Serbien) verstand auch Kirschen plötzlich nicht mehr, weshalb einige Punkte nicht zählten. Mit Platz 24 war sie bei ihrer EM-Premiere eigentlich nicht unzufrieden, doch es hätte für sie durchaus auch noch eine Runde weiter gehen können. Im Gefecht gegen die Türkin Irem Karamete wurden jedoch gleich mehrere vermeintliche Treffer Kirschens nicht anerkannt, wovon sich die 22-Jährige so sehr aus dem Konzept bringen ließ, dass sie das Duell letztlich verlor.

Sie will jetzt ihre Taktik ändern

„Ich habe mich dadurch verunsichern lassen und konnte meinen Stil dann irgendwann nicht mehr sauber durchziehen“, sagt sie. Bislang ist dieser meist eher defensiv. Oft wartet sie ab, bis ihre Kontrahentin ihren Angriff vorbereitet und setzt genau in diesem Moment, in dem das Angriffsrecht eben noch verfügbar ist, ihrerseits die Konterattacke. Allerdings will Kim Kirschen künftig noch häufiger selbst ihr Heil in der Offensive suchen. Mit neuer Taktik peilt sie in zwei Wochen bei den deutschen Meisterschaften erneut eine Medaille an, nachdem sie dort im Vorjahr bereits Bronze holte.

Weitere Ziele sind die Europameisterschaften im Juni in Düsseldorf sowie die diesjährige WM in Budapest. Im Weltcup war Kirschen zuletzt fester Bestandteil des deutschen Teams, allerdings fehlten dort auch einige Leistungsträger, die aufgrund ihrer Ausbildung etwas kürzer traten. „Die große Frage wird deshalb sein, ob sich der Bundestrainer für die EM für die Fechterinnen entscheidet, die in dieser Saison überzeugt haben, oder doch eher für die, die er von früher kennt“, sagt sie.

Olympia könnte ein realistisches Ziel sein

Die Florett-Frauen sind zurzeit zudem die einzige Mannschaft des Deutschen Fechterbunds, die eine realistische Chance auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio besitzt. Dafür qualifizieren sich neben den ersten vier Teams der Weltrangliste auch die jeweils nächstbesten Vertreter jedes Kontinents. In Europa ist das momentan Deutschland. Es ist also durchaus möglich, dass Kim Kirschen bald noch ein bisschen mehr in der Fechtwelt herumkommt.