WM in Berlin

Hockey-Party mit bittersüßem Ausklang

Bei der Hallenhockey-WM holen die deutschen Frauen den Titel, die Männer verlieren das Finale gegen Österreich trotz 3:1-Führung.

Gelöste Stimmung: Die deutschen Hockeyspielerinnen und ihre Trainercrew sind am Ziel

Gelöste Stimmung: Die deutschen Hockeyspielerinnen und ihre Trainercrew sind am Ziel

Foto: Oliver Hardt / Getty Images For FIH

Berlin.  Kapitänin Janne Müller-Wieland krächzte nur noch heiser, Franzisca Hauke schmerzte nach einem Zusammenprall mit einer Gegenspielerin die Nase, Lisa Altenburg brummte nach dem Foul einer Niederländerin der Schädel. Die deutschen Frauen nahmen von der Hallenhockey-Weltmeisterschaft in Berlin einige Souvenirs mit nach Hause, doch das wichtigste, das für alle Schmerzen entschädigte, baumelte den Spielerinnen um den Hals. Durch ein 2:1 im Endspiel gegen Titelverteidiger Niederlande holten die Deutschen in der Max-Schmeling-Halle die Goldmedaille.

Berliner Häner und Zwicker treffen

Es hätte ein aus Sicht der Gastgeber perfekter Tag werden können, denn auch die deutschen Männer waren in ihrem Finale gegen Österreich in der Favoritenrolle. Doch aus dem erhofften Doppelgold wurde nichts. Zwar führte Deutschland unter anderem durch Tore der Berliner Martin Häner und Martin Zwicker mit 3:1, verpasste es aber, das Spiel für sich zu entscheiden. Die Österreicher kamen durch Strafecken zum Ausgleich. Im Penaltyschießen siegte die Alpenrepublik.

„Das haben wir uns selbst zuzuschreiben“, sagte Kapitän Häner. „Wir haben nicht unser bestes Spiel gezeigt, aber genau das muss man in einem Finale.“ Auch Bundestrainer Stefan Kermas war nach der Niederlage tief enttäuscht: „Das ist richtig bitter. Wir hatten erkennbar mehr Torchancen, aber wir haben sie liegengelassen.“

Bis zum Finale durch das Turnier marschiert

Dabei hatte Kermas nach dem Halbfinalsieg gegen den Iran keinen Zweifel daran gelassen, was er für Sonntag von seiner Mannschaft erwartete: „Wir müssen hier den Titel gewinnen, alles andere wäre fehl am Platz“, so der Bundestrainer. Souverän waren die DHB-Männer durch das Turnier marschiert. Selbst die Ausfälle von Hallenspezialist Alexander Otte wegen einer Bronchitis und Mats Grambusch aufgrund muskulärer Probleme schienen Deutschland nicht aus der Bahn zu werfen. Otte war 2015 noch WM-Torschützenkönig gewesen, spielte dieses Mal aber nur eine Nebenrolle.

Zum besten Spieler des Turniers wurde stattdessen der Kölner Christopher Rühr gewählt, der 19 Treffer erzielte und damit auch Torschützenkönig wurde. Beide Auszeichnungen hätte er wohl sofort gegen den WM-Titel eingetauscht. Rühr war in Berlin einer von zehn A-Nationalspielern im Kader; sieben von ihnen hatten auch schon die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewonnen. Anders als bei vorherigen Hallenweltmeisterschaften hatte Deutschland dieses Mal seine beste Mannschaft geschickt, was die Pleite gegen Österreich umso tragischer machte.

Die Frauen galten eher als Außenseiter

Bei den Frauen standen ebenfalls sieben Olympia-Bronzemedaillengewinnerinnen von Rio im Aufgebot, trotzdem galt Deutschland gegen die Niederländerinnen eher als Außenseiter. Der Titelverteidiger hatte das Turnier bis dahin dominiert, die Deutschen mussten in einigen Spielen ziemlich kämpfen.

Doch Bundestrainer Akim Bouchouchi beschwor den Geist der EM von Prag – schon dort hatte Deutschland vor zwei Wochen das Endspiel gegen die Niederlande gewonnen. Nun sagte er: „Unsere Mädels haben das super gemacht.“ Trotz eines Rückstandes kurz nach der Pause steckte die Mannschaft nicht auf. Nike Lorenz gelang per Siebenmeter der Ausgleich, ehe Anne Schröder Deutschland zum Weltmeister machte. Mit Lisa Altenburg stellten die Gastgeber zudem die beste Spielerin des Turniers.

8300 Zuschauer sind Besucherweltrekord

Größter Gewinner der fünf Turniertage war aber die Sportart Hockey selbst und ganz besonders deren Hallenvariante, die bei den Titelkämpfen in Berlin einen großen Schritt vorangekommen ist. Am Sonntag bedeuteten 8300 Zuschauer einen Besucherweltrekord – nie zuvor waren so viele Menschen beim Hallenhockey dabei gewesen. Werte, wie sie in der Max-Schmeling-Halle selbst die Handballer der Füchse Berlin und die Berlin Recycling Volleys, die normalerweise dort spielen, nur selten erreichen. Und das in einem Sport, der in der Bundesliga meist nur ein paar hundert Zuschauer anlockt.

Das Event in Berlin hat jedoch gezeigt, was möglich ist, wenn man die Sportart richtig verkauft. Es war ein deutliches Signal an den Hockey-Weltverband FIH, der das Turnier in der Vergangenheit sogar schon abschaffen wollte, weil es vor allem außerhalb Europas bei Weitem nicht den Stellenwert hat wie Feldvariante. In einigen Hockey-Nationen wie Indien oder Pakistan spielt es überhaupt keine Rolle.

Deutschland als ständiger Austragungsort?

In diesem Jahr sollte ursprünglich Argentinien die Weltmeisterschaften ausrichten, doch weil sich das Interesse auch dort in Grenzen hielt, sprang Deutschland erneut ein, das schon 2015 in Leipzig Gastgeber gewesen war. „Auch der FIH ist nicht entgangen, wie sehr Hallenhockey bei uns gefeiert wird“, sagte Janne Müller-Wieland und fügte hinzu: „Vielleicht sollte man die WM immer hier austragen.“

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