Trendsport

Simona Lieberths ganz großer Wurf

Simona Lieberth ist Ultimate-Frisbee-Spielerin und startet mit der Nationalmannschaft bei der U24-Weltmeisterschaft in Australien.

Die Welt ist keine Scheibe, aber Ultimate-Frisbee-Spielerin Simona Lieberth tritt mit diesem Spielgerät bei der Weltmeisterschaft in Perth an

Die Welt ist keine Scheibe, aber Ultimate-Frisbee-Spielerin Simona Lieberth tritt mit diesem Spielgerät bei der Weltmeisterschaft in Perth an

Foto: Carsten Koall

Berlin.  Erinnern wir uns kurz zurück an die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Im Finale stehen sich Zinédine Zidane und Marco Materazzi gegenüber. Doch statt des in die Geschichtsbücher eingegangenen Kopfstoßes stellen wir uns vor, der Franzose und der Italiener hätten die vorangegangene Szene selbst klären müssen – ohne Schiedsrichter und damit auch ohne Rote Karte. Ein gesittetes Gespräch, in dem einvernehmlich entschieden wird, wer wem am Trikot gezupft und wer was warum gesagt hat.

Spirit of the Game: Immer Respekt für den Gegner

Für den Fußball und seine Fans ist eine solche Szene unvorstellbar. Im Ultimate Frisbee ist dieser „Spirit of the Game“ Alltag. Der Fairplay-Gedanke ist die goldene Regel dieser Sportart und ein Grund, warum Simona Lieberth vor knapp zehn Jahren eine passionierte Frisbee-Spielerin geworden ist. „Der Spirit of the Game verkörpert das, was man sich beim Sport wünscht“, erklärt die 22-Jährige, „hartes Spiel, aber trotzdem immer Respekt für den Gegner.“

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Ultimate, das dem Deutschen Frisbeesport-Verband (DFV) angehört, nicht beschweren. Das Spiel, bei dem sieben Spieler pro Team versuchen, die Kunststoffscheibe mit wenigen Würfen in die gegnerische Endzone zu befördern, hat sich, anders als andere Trendsportarten, entwickelt. Auch in der Hauptstadt. Die Turngemeinde in Berlin (TiB) stellt hier einen der größten Vereine, dort ist Lieberth aktiv. Mit ihrem Frauen-Team, den jinX, das sie als Spielertrainerin betreut, in der zweiten Bundesliga.

Europameisterin mit der U17 und der U20

Wer nun glaubt, dass Lieberths Leidenschaft für den Frisbeesport damit ausgereizt ist, irrt sich. Die Studentin der Tiermedizin ist Kapitänin der U24-Nationalmannschaft. 2010 wurde sie U17-Europameisterin, 2013 holte sie den Titel mit der U20. „Für mich war allerdings der größte Erfolg, dass wir bei der WM in London 2015 im Platzierungsspiel um Rang 5 Kolumbien geschlagen haben“, sagt sie. Damit war ihr Team nicht nur das beste aus Europa, sondern konnte auch endlich eine der Top-Nationen besiegen, die den Weltmeistertitel häufig unter sich ausmachen.

Mitverantwortlich für die Erfolge sind die beiden Nationaltrainer, die Lieberths Team ehrenamtlich neben Studium und Beruf betreuen. „Die machen das mit einer Professionalität, die viele dazu bringt, mitzuziehen und dafür bis ans Ende der Welt zu fliegen“, sagt Lieberth. Ja, ans Ende der Welt. Dahin geht es jetzt für die U24.

In den USA leben die Spieler von ihrem Sport

Denn in der australischen Millionenstadt Perth findet von diesem Sonntag an die Weltmeisterschaft der U24-Teams statt. Elf Nationalmannschaften nehmen dort teil – unter ihnen die USA. Das Land, das den Frisbeesport prägte und über Universitäten nach Europa brachte. Für Lieberth der klare Favorit. „In den USA ist der Sport richtig professionell aufgebaut, und die Leute leben davon. Ich denke, die werden das Rennen machen“, sagt die Berlinerin.

Dabei kommt es auch darauf an, wer mit dem australischen Hochsommer am besten zurechtkommt. Temperaturen von bis zu 40 Grad sind weit von dem entfernt, was die Spielerinnen aus dem deutschen Winter gerade gewohnt sind. „Deswegen wird es auch die anstrengendste WM, die ich je gespielt habe“, weiß Lieberth. Deshalb hat sich die Frisbee-Reisegruppe bereits vor Silvester auf den Weg nach Down Under gemacht. Aber nicht nur, um sich zu akklimatisieren. „Man muss es ja auch ausnutzen, wenn man schon eine so weite Reise macht“, sagt Lieberth mit einem Augenzwinkern.

Nach der WM locken die Olympischen Spiele

Einziger Wehrmutstropfen: Den Trip nach Australien müssen die Spielerinnen zum Großteil selbst bezahlen. Nicht unbedingt ein günstiges Unterfangen. Mit Flügen, Hotel, Mietwagen und dem anschließenden Urlaub kommen da schnell über 3000 Euro zusammen. Trotzdem sind alle an Bord – denn, so Lieberth: „Zusammen ans andere Ende der Welt zu fliegen, um ein Turnier zu spielen, das ist einfach eine andere Dimension.“

Für sie wird es das letzte Turnier im Juniorenbereich sein. Danach geht es im Nationalteam der Frauen weiter. Natürlich hat sie auch dort Ziele. „Sollte Frisbee jemals olympisch werden, wäre es schon cool, wenn ich noch fit genug wäre, um dort mitzuspielen. Aber das ist schon ein sehr hochgestecktes Ziel“, weiß Simona Lieberth. Träumen ist trotzdem erlaubt.

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