Leichtathletik

Wenn der Marathon nur ein Sprint ist

Die seh- und hörbehinderte Nele Alder-Baerens gehört über ultralange Distanzen zu den Besten der Welt. Als nächstes probiert sie einen 24-Stunden-Lauf.

Nele Alder-Baerens ist Weltrekordlerin im Ultralauf

Nele Alder-Baerens ist Weltrekordlerin im Ultralauf

Foto: joerg Krauthoefer#

Berlin.  Irgendwo zwischen irre und faszinierend: So beschreibt Nele Alder-Baerens ihr Leben. Die 39-Jährige ist Ultraläuferin. Der Marathon, die Königsdisziplin der Leichtathletik, ist für sie nur eine Kurzstrecke – für sie geht es erst bei 50 Kilometern so richtig los. Am vergangenen Wochenende absolvierte sie bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin sogar die doppelte Distanz: 100 Kilometer in 7:35:37 Stunden, die zweitschnellste Zeit weltweit in diesem Jahr. Vor dem Lauf hatte sie muskuläre Probleme gehabt, doch sie zog das Ding durch. „Beim Ultralauf lernt man, seinem eigenen Körper zu vertrauen“, sagt sie. „Doch vor allem ist es ganz viel Kopfsache.“

Laufen hat für sie etwas Beruhigendes

Beim Laufen kann Nele Alder-Baerens abschalten. „Es ist etwas Beruhigendes“, sagt sie. Wenn sie morgens in der Dämmerung unterwegs ist, wenn sie die Sonne langsam aufgehen sieht, dann fühlt sie sich mit der Natur verbunden. Schon als Kind hatte sie einen ungeheuren Bewegungsdrang gehabt, sie lief lieber zur Schule anstatt mit der Straßenbahn zu fahren. Sie sagt: „Ich habe nicht den Weg zum Laufen gefunden. Das Laufen hat mich gefunden.“

Als sie noch zur Schule ging, auf die Margarete-von-Witzleben-Schule für schwerhörige Kinder, ging dort eines Tages ein Brief vom Gehörlosensportverband ein: Man suche noch eine Läuferin für die 4x400 Meter-Staffel. Alders-Baerens war bis dahin noch nie 400 Meter gelaufen, doch sie gewann den Ausscheidungswettkampf und wurde für die Deaflympics 1997 nominiert, die Spiele der Hörgeschädigten. Bald wurden die Strecken länger: 2001 holte sie in Rom Deaflympics-Silber über 5000 Meter, vier Jahre später dann Gold über diese Distanz und Bronze über 10.000 Meter.

Auf Anhieb läuft sie Weltrekord für Gehörlose

Danach war die Luft erst einmal raus. Nele Alder-Baerens lief zwar weiterhin, allerdings ohne Wettkampfambitionen. Bis sie eines Tages der Ehrgeiz packte, einen Marathon zu laufen. 2013 beim Berlin-Marathon lief sie 2:46:07 Stunden, es war ein Weltrekord bei den Gehörlosen. Alder-Baerens war viertbeste Deutsche, 15. Frau insgesamt, und damit die schnellste Amateurin. Sie hatte die 42,195 Kilometer mit Bravour bewältigt, obwohl sie unterwegs wegen ihrer Sehschwäche von lediglich 30 beziehungsweise 38 Prozent nicht einen Schluck getrunken hatte, weil sie die Wasserflaschen nicht zu greifen bekam. „Eigentlich war das völlig verrückt“, meint sie rückblickend.

Nach dem Rennen erhielt sie eine Anfrage einer Ultraläuferin aus Marburg: Ob sie sich auch noch längere Strecken zutrauen würde? Schon 2014 startete Nele Alder-Baerens erstmals bei den Deutschen Meisterschaften über 50 Kilometer – und siegte auf Anhieb. Im vergangenen Jahr wurde sie in Doha (Katar) sogar Vizeweltmeisterin über diese Distanz.

Eine perfekte Technik gibt es nicht

„Es gibt viele Top-Marathonläufer, die bei 50 Kilometern elendig eingehen“, sagt sie. Die große Frage sei: Wann sind die Energiereserven aufgebraucht? „Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich“, sagt Alder-Baerens. Überhaupt sei Ultralauf eine sehr individuelle Sportart: Klassische Trainingspläne wie in den anderen Disziplinen der Leichtathletik gibt es nicht, auch nicht die perfekte Lauftechnik. „Um Energie zu sparen, muss man manchmal auch unökonomisch laufen“, sagt die Sportlerin aus Mitte.

Das Zauberwort lautet: Effizienz. Das gilt auch im Training. Beim Zähneputzen macht sie Kniebeugen, zur „Tagesschau“ springt sie 15 Minuten auf dem Trampolin, während das Essen nebenan auf dem Herd köchelt. Wenn sie mit ihrem Mann im Urlaub wandern ist, dann steht sie manchmal um 5.30 Uhr auf, um zu trainieren, damit beide trotzdem um 8 Uhr zusammen frühstücken können. „Kreative Optimierung“ nennt sie das. Insgesamt trainiert sie auf diese Weise rund drei Stunden täglich, immer allein. „Ich bin kein Gruppenlauftyp“, sagt sie. Es gibt auch kaum jemanden, der mit ihr mithalten könnte. Als sie im März in Münster einen Sechs-Stunden-Weltrekord aufstellte, 85,492 Kilometer, war sie sogar schneller als der beste Mann.

Ihr Biophysikstudium schloss sie als Jahrgangsbeste ab

Geschwindigkeit und Ausdauer haben ihr Leben geprägt. Nele Alder-Baerens kam als Kind zu früh auf die Welt; Sauerstoffmangel während der Geburt führte zu der Hör- und Sehschädigung, die sie bis heute beeinträchtigen. Mittlerweile trägt sie zwar ein Cochlea-Implantat, doch beim Laufen schaltet sie es jedes Mal aus. Die Anfeuerungsrufe des Publikums hört die 39-Jährige nicht. „Die Geräusche überfordern mich. Wenn ich einen Sinn weniger habe, kann ich mich besser auf meinen Laufstil konzentrieren“, sagt sie.

Längst hat sich Nele Alder-Baerens mit ihrer Behinderung arrangiert. Sie hat sogar studiert, Biophysik, als Jahrgangsbeste und in achteinhalb statt in zehn Semestern. „Da war viel Organisation und Disziplin gefragt“, sagt sie – genau wie beim Ultralauf. In Zukunft will sich die Berlinerin auch bei 24-Stunden-Läufen ausprobieren. Zuvor startet sie Ende Juli bei den Deaflympics in der Türkei aber noch einmal im Sprint. Denn nichts anders ist die Marathonstrecke für sie.

Die Morgenpost berichtet in ihrer Serie jeden Mittwoch über erfolgreiche Berliner Sportler, die ins Rampenlicht drängen

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